Es ist kurz vor fünf, als die junge Informatikerin zu ihrem Chef geht, betroffen zu Boden schaut und sagt: "Der Kindergarten macht gleich zu, ich müsste jetzt los." Ihr Vorgesetzter wirft einen Blick auf die Uhr, runzelt die Stirn und antwortet "Kein Problem." Beim Hinausgehen beschließt die Mutter zweier Kinder, künftig nicht mehr zu fragen, ob sie früher gehen kann. Zwar wurden ihr flexible Arbeitszeiten zugesichert, aber sie ist noch in der Probezeit.
"Genau so soll es nicht ablaufen, wenn es darum geht, Familie und Beruf zu vereinbaren", sagt Frauke Spreckels. Um Unternehmen zu beraten, wie sie familienfreundlicher werden können, hat Spreckels ein eigenes Unternehmen gegründet: "FamilienSinn" gibt es seit 2007 in Darmstadt. Der richtige Weg hat für die Soziologin nicht nur mit Angeboten wie Teilzeit, flexiblen Arbeitszeiten oder Home-Office-Tagen zu tun. "Wenn Führungskräfte Verständnis und positive Reaktionen zeigen, senkt das bei Mitarbeitern die Hemmschwelle, diese Angebote auch zu nutzen."
"Karriere machen nur die, die rund um die Uhr flexibel einsetzbar sind", schreibt beispielsweise ein Teilnehmer der Online-Umfrage "Firma & Familie", die die Frankfurter Rundschau gemeinsam mit den Unternehmerverbänden, der IGS Organisationsberatung, der Wirtschaftszeitung Aktiv und der Hessenstiftung initiierte.
Die Ergebnisse klingen zunächst positiv: Allgemein hat die Familienfreundlichkeit in der Wirtschaft zugenommen. Aber oft folgen Worten keine Taten. Vor allem bei den direkten Vorgesetzten. "Was oben beschlossen wird, muss noch lange nicht genau so unten ankommen", sagt Spreckels. Der Grund dafür seien veraltete Rollenklischees. "Unsere Wirtschaft muss langsam umdenken."
Familienfreundliche Unternehmen sind produktiver
Denn nicht nur Arbeitnehmer profitieren von mehr Familienfreundlichkeit. Eine Studie der Uni Münster belegt: Um 17 Prozent höher sind Produktivität und Bindung von Personal an familienbewusste Firmen. "Das ist ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte", sagt Gerhard Lerch, Sprecher von Merck. Nach Meinung von Frauke Spreckels wird dieser Wettbewerb noch härter: "Ein drastischer Mangel an Fachkräften wird auf uns zukommen." Das sei auf demografischen Wandel und sinkende Geburtenrate zurückzuführen.
Merck braucht sich, was Familienfreundlichkeit angeht, weniger Sorgen zu machen: Der Konzern hat eine eigene Kita, hilft bei der Suche nach Tagesmüttern und sensibilisiert Vorgesetzte in Seminaren für das Thema. "Die Zahl der Mitarbeiter, die in Elternzeit gehen, steigt kontinuierlich", sagt Silke Mündlein von der Personalabteilung. Merck ist von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung für sein Engagement für familiengerechte Arbeitsbedingungen mit dem Zertifikat "Audit Beruf und Familie" ausgezeichnet worden. Bundesweit sind 699 Institutionen und Betriebe zertifiziert, 69 in Hessen, davon nur drei in Darmstadt. Neben Merck die Technische Universität Darmstadt und die Industrie- und Handelskammer.
Frauke Spreckels begleitet Unternehmen als Auditorin auf dem Weg zum Audit-Zertifikat. Sie kann nicht verstehen, warum so wenige Firmen in die Familienpolitik investieren: "Wir hatten noch nie so viele gut ausgebildete Frauen - und die können es sich leisten, ihren Arbeitsplatz nach den Betreuungsmöglichkeiten für Kinder auszusuchen."

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