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18. Januar 2013

Kinderbetreuung: Kitas kritisieren neues Gesetz

Gefördert wird künftig pro Kind statt pro Platz.  Foto: Claus Völker

Darmstädter Betreuungseinrichtungen sehen die integrative Gruppen gefährdet. Grund: Laut neuem Kinderförderungsgesetz der Landesregierung wird die künftige Finanzierung pro Kind statt pro Platz erfolgen. Kleinere Gruppen seien nicht mehr möglich.

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Darmstädter Betreuungseinrichtungen sehen die integrative Gruppen gefährdet. Grund: Laut neuem Kinderförderungsgesetz der Landesregierung wird die künftige Finanzierung pro Kind statt pro Platz erfolgen. Kleinere Gruppen seien nicht mehr möglich.

Sollte es Absicht gewesen sein, die Materie so komplex wie möglich darzustellen, damit sie möglichst niemand nachvollziehen kann, hat das schon mal nicht geklappt: Das neue Kinderförderungsgesetz (Kifög) der schwarz-gelben Landesregierung soll 2014 in Kraft treten und ist von den betroffenen Institutionen seziert, analysiert und für schlecht befunden worden. Dem landesweiten Aktionsbündnis in Gründung werden sich auch zahlreiche Darmstädter anschließen.

Mangel an Fachkräften

Der Entwurf für das neue Kinderförderungsgesetz der Landesregierung sieht vor, dass künftig nicht mehr die Anzahl der Plätze in Kitas gefördert wird, sondern die Anzahl der Kinder.

42,5 Stunden pro Kind beträgt künftig die maximal bezuschusste Betreuungszeit.

Die Gruppengröße für Drei- bis Sechsjährige wird auf 25 Kinder festgelegt, Abweichungen nach oben sind in Ausnahmefällen möglich, Abweichungen nach unten, insbesondere für integrative Gruppen, sind im Gesetzentwurf nicht thematisiert.
Auch fachfremde Kräfte dürfen künftig eingestellt werden, um dem Mangel an Erzieherinnen und Erziehern entgegenzuwirken.

Bedingung ist ein mittlerer Bildungsabschluss und eine Fachschulausbildung, etwa aus dem Gesundheitsbereich, und einschlägige Fortbildungen. Akademische Abschlüsse werden grundsätzlich anerkannt.

Die Arbeitszeit der fachfremden Kraft kann bis zu 50 Prozent auf den personellen Bedarf angerechnet werden. Das Verhältnis fachfremd zu Fachkraft darf höchstens 1:4 betragen.

Das Hauptproblem: Die künftige Finanzierung pro Kind statt pro Platz. „Wenn wir die komplette Förderung haben wollen, müssen wir die Gruppen mit 25 Kindern belegen“, sagt die Leiterin der Kindertagesstätte St. Elisabeth im Schwarzen Weg. Zwei der fünf sind integrative Gruppen mit jeweils nur 15 Kindern, die dem besonderen Betreuungsbedarf von Kindern mit Behinderung Rechnung tragen können. „Das neue Gesetz sieht keine Reduzierung mehr vor.“

Für die jeweils fünf Integrationskinder konnten bislang 153 Betreuungsstunden abgerechnet werden. Die „Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Frühe Hilfen“ hat ausgerechnet, wie viele Stunden nach dem neuen Modell davon noch übrig bleiben. Es sind 120, also 33 Stunden weniger. „Und das wird dann auch keiner mehr machen“, stellt Verena Nasemann fest. Ohnehin seien integrative Gruppen mit 25 Kindern niemandem zuzumuten. Nicht den gehandicapten Kindern, nicht den Regelkindern, nicht den Fachkräften und auch nicht den Eltern.

Aktionsbündnis in Planung

Ein Problem haben werden auch kleine Einrichtungen wie die Elterninitiative „Drunter und Drüber“, die zehn Prozent weniger Fachkraftstunden und deutlich steigende Elternbeiträge kalkuliert hat, falls das Kifög so kommt wie geplant. „Und wenn ein Kind wegzieht, kommt die Personalkalkulation durcheinander“, fürchtet Eva Baumgarten-Weng.

Verschärft wird dies durch die unterschiedlichen Multiplikatoren, für die der U 3-Betreuungsbedarf ermittelt wird. Kinder vom vollendeten zweiten bis vollendeten dritten Lebensjahr haben den Betreuungsfaktor 1,5. Kinder unter dem vollendeten zweiten Lebensjahr den Faktor 2,5. Das Problem ergibt sich aus „vollendet“: Für die Einrichtungen ist es leichter, ein Jahr lang mit einem Faktor zu kalkulieren als monatsweise mit zwei verschiedenen. Wer betriebswirtschaftlich plant, bevorzugt künftig Kinder, die zu Jahresbeginn Geburtstag haben, befürchtet Nasemann.

Ende flexibler Öffnungszeiten

Auch die flexiblen Öffnungszeiten sind gefährdet: Wenn pro Kind maximal 42,5 Betreuungsstunden bezahlt werden, können auch nur 42,5 Öffnungsstunden angeboten werden, und zwar in der Zeit, in der die Mehrheit der Kinder anwesend ist. Momentan hat die Kita St. Elisabeth 49 Stunden geöffnet. Noch.

Einen Ansatz des Kifög immerhin erkennen Anja Retzlaff, Eva Baumgarten-Weng und Verena Nasemann an: den Versuch, dem Fachkräftemangel zu begegnen, indem auch Fachfremde zugelassen werden. Allerdings sei der Ansatz „nicht durchdacht“, sagt Retzlaff. Schließlich gebe es Gründe für die fünfjährige Ausbildung zum Erzieher. „Der Stellenwert der pädagogischen Arbeit wird abgewertet“, ergänzt Baumgarten-Weng.

Und weil in dem Entwurf nirgendwo die Bezuschussung von Kontingenten für Leitungsfunktionen, Personal- oder pädagogische Planung vorgesehen ist, befürchten die drei Fachfrauen auch hier die Mutation von der qualifizierten Betreuungseinrichtung zur reinen Aufbewahrungsanstalt. Bildung brauche Bindung und Qualität brauche Zeit. „Wenn das Kifög so kommt“, resümiert Leiterin Nasemann, „muss ich mich fragen, ob ich mich ändere, mein Haus ändere oder besser meinen Job wechsle.“ (rwb.)

Das Aktionsbündnis ist offen für weitere engagierte Mitglieder und erreichbar unter 06151/7347390 oder per E-Mail an leitung@kita.st-elisabeth.net.

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