Hilmar Hoffmann, legendärer Frankfurter Kulturdezernent, brachte es so auf den Punkt: „Kultur ist ein lebensnotwendiges Mittel gegen abstumpfende, geist- und gefühlsfeindliche Tendenzen der modernen Industriegesellschaft“. Anne-Kathrin Matz und Julia Wettlaufer vom Darmstädter Verein „Dabei sein“ würden sinngemäß den Satz so ergänzen: Und dieses lebensnotwendige Mittel sollte grundsätzlich auch denen zur Verfügung stehen, denen Geld stets ein knappes Gut ist.
Für den Kulturpass, das zentrale Projekt des Vereins, hat Diplom-Sozialarbeiterin Matz ein konkretes und animierendes Beispiel aus Österreich mitgebracht. In der steirischen Hauptstadt Graz hat sie ein Praktikum gemacht, ein halbes Semester studiert, nicht zuletzt aber auch kostenfrei Kulturveranstaltungen besuchen können. Dank des rosaroten Kulturpasses, den dort Menschen mit Einkommen am Rande der Armutsgrenze bekommen, ebenso Erwerbslose und sogar Studenten.
Das Schauspielhaus Wien und die österreichische Armutskonferenz hatten 2003 die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ ins Leben gerufen. Städte wie Graz oder Salzburg schlossen sich der Aktion an. Kulturinstitutionen stellen seitdem für sozial Schwache ein Kontingent kostenloser Eintrittskarten zur Verfügung. Sie können gegen Vorlage des Kulturpasses eingelöst werden.
Idee aus Österreich
Es lag nahe, die positiven Erfahrungen mit freiem Eintritt für Museen, Ausstellungshäuser, Theaterbühnen oder Kinos ins heimische Darmstadt zu übertragen, hier vorangetrieben vom Verein „Dabei sein“. Seit rund drei Jahren putzen Matz und ihre Mitstreiter die Klinken von kulturellen Institutionen und Sozialeinrichtungen.
Erstere werden als Projektpartner und Sponsoren gebraucht, um Eintrittskarten zur Verfügung zu stellen, Letztere sind unverzichtbar, weil sie auf der Basis ihrer Klientel-Kenntnisse den Kulturpass ausgeben und auch verwalten sollen. Der Pass gilt ein Jahr in Verbindung mit einem Lichtbildausweis, danach wird geprüft, ob die Bedürftigkeit weiterhin vorliegt. Als „Kulturpassverteiler“ sollen etwa die Diakonie, die Caritas, die Arge oder das Studentenwerk Darmstadt fungieren.
Unbürokratisch und kostenlos
„Kostenlos, unbürokratisch, niedrigschwellig, das sind die drei Säulen des Projekts“, so Matz. Mit den Projektpartnern würden Verträge geschlossen.
„Die richtigen Menschen zu treffen und die richtigen Türen zu öffnen, das war doch recht mühevoll“, erzählt die Kulturwissenschaftlerin Julia Wettlaufer, die sich ebenfalls bei „Dabei sein“ engagiert. Zudem hätte manche Kulturinstitution eher verschreckt reagiert. „Dabei ist jede Angst davor, die Einrichtung werde von kulturbeflissenen Obdachlosen überschwemmt, vollkommen unberechtigt“, sagt Wettlaufer.
Andere Einrichtungen wiederum zeigten sich skeptisch gegen innovative Ideen, die auf ein neues Berechtigungswesen hinausliefen. Da könnten doch Kulturpässe auch gefälscht werden, wurde argumentiert. Matz fordert an dieser Stelle einfach mehr Sensibilität und Pragmatismus: „Immer diese Ängste. Prinzipiell ist der Mensch doch gut.“ Sagt die Idealistin.
Und hat nun auch genügend Partner auf ihrer Seite, die die Verträge bis zum kommenden Mai abschließen wollen. Am 21. Mai 2012 soll der Kulturpass nämlich mit einer öffentlichen Veranstaltung am weißen Turm offiziell an den Start gehen. Und dann sollen recht schnell die ersten 500 Ausweise an Bedürftige vergeben werden.
Zu den finanziellen Unterstützern des Projektes zählen bislang unter anderem der Bauverein, das Darmstadtium, die Firma Merck, der Fonds Soziokultur und die HSE-Stiftung. (phg.)

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