So großmütig kann wohl nur ein Mensch sein, der dem Tod mehrfach ins Gesicht geblickt hat und inzwischen 95 Jahre alt ist: Der Ober-Ramstädter Jude Julius Bendorf ist im Zweiten Weltkrieg um ein Haar vergast und mehrmals fast erschossen worden. Als der Auschwitz-Überlebende kurz nach Kriegsende in sein Heimatdorf zurückkommt, ist die ganze Familie ausgelöscht und sein Haus in der Darmstädter Straße besetzt. Niemand will mit ihm etwas zu tun haben, er wandert nach Amerika aus. Und doch hat Bendorf die Größe, im hohen Alter zurückzukehren und vor 100 Schülern der Lichtenberggesamtschule in aller Herzlichkeit zu sagen: "Wenn ich euch Deutsche nicht so mögen würde, wäre ich heute ja nicht hier."
Brauner Terror macht sich breit
Mancher muss ganz schön schlucken, als der kleine Mann mit Halbglatze und weißem Resthaar ins Detail geht und ganz konkret von den braunen Machenschaft im Ort berichtet. Etlichen hat zwei Tage zuvor an gleicher Stelle schon einmal der Atem gestockt. Beim Auftakt des mehrtägigen Besuchs kam es zu einem brisanten Zwischenfall: Der Sohn einer Ober-Ramstädter Nazi-Größe habe sich etwas abseits in den Zuschauerraum gesetzt, berichtet Lehrer Harald Höflein. Der Rentner habe das Gespräch mit den Schülern gesucht, die den Kontakt mit Bendorf in den vergangenen Monaten aufgebaut hatten. Er habe seinen Vater verteidigen wollen, doch die Schüler hätten sich nichts erzählen lassen.
Auch Bendorf selbst registriert den Mann, dessen Vater bei der SA war und in der Reichspogromnacht an vorderster Front jüdische Häuser in Ober-Ramstadt zerstörte. Die Blicke treffen sich kurz, zum Gespräch kommt es nicht.
Als junge Männer waren die beiden im selben Turnverein gewesen. Bendorf ist damals aber mit Sicherheit der Bessere: Als begnadeter Hochspringer steht er kurz vor der Nominierung für die Olympischen Spiele, dann macht sich der braune Terror breit.
Obwohl Bendorf Englisch spricht und mancher Zehntklässler sich arg konzentrieren muss, ist es mucksmäuschenstill. Gut 70 Juden haben nach Bendorfs Erinnerung in den 30er Jahren in Ober-Ramstadt gelebt. Erst waren sie beliebt und geachtet, dann gehasst und geächtet. Ein Nazi beschwerte sich, "dass der Jude da ein Klavier hat, und wir sind in der NSDAP und haben keines", zitiert Bendorf aus einem Brief. "Also hat man es dem Juden abgenommen und dem Nazi gegeben."
Todesmarsch nach Buchenwald
Bendorf bringt es in seiner Ober-Ramstädter Zeit noch zum Banker, bevor er arbeitslos mit seinem Bruder in ein Arbeitslager geschickt wird. 1943 kommt er nach Auschwitz. Julius Bendorf hat Glück. Er wird nicht für die Gaskammer ausgesucht und nicht von den betrunkenen Wachen erschossen. Er überlebt auch die "Himmelfahrtskommandos", bei denen Häftlinge Blindgänger-Bomben entschärfen müssen. Als Bendorf am 12. Januar 1945 mit 5000 Mithäftlingen zum finalen Todesmarsch nach Buchenwald aufbricht, weil die Nazis vor den anrückenden Russen fliehen, ist er am Ende. "Wir hatten nichts mehr zu essen und kauten Holz", erzählt er.
"Die Sterbenden wurden am Straßenrand mit Benzin übergossen und angezündet." Er selbst wird von einer Gewehrkugel getroffen - "ich habe nur überlebt, weil ich auf dem Boden kauerte und die Kugel in meinem Knie landete, das schützend an mein Herz gedrückt war".
Julius Bendorf erwacht erst wieder, als sich Wochen später im befreiten Konzentrationslager in Dachau ein amerikanischer Soldat über ihn beugt. In den USA baut er sich später eine neue Familie auf. Zwei Töchter, ein Schwiegersohn und vier Enkelsöhne begleiten ihn auf seiner Reise in die dunkle Ober-Ramstädter Vergangenheit. (sami)

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