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Mörfelden-Walldorf: Randale an ehemaligem KZ

Unbekannte zerstören Gedenktafeln in der ehemaliger KZ-Außenstelle bei Walldorf - und hinterlassen Nazi-Parolen. Die Mitglieder eines international besetzten Studentencamps sind entsetzt.

        

Teilnehmer des Work-and-Study-Camps in der Gedenkstätte sind schockiert über den Vorfall.
Teilnehmer des Work-and-Study-Camps in der Gedenkstätte sind schockiert über den Vorfall.
Foto: Jaworr

Ein Schatten liegt über der Abschlussveranstaltung des Work-and-Study-Camps in Walldorf. Studenten aus Israel, Rumänien und Deutschland haben eine Woche lang an Ausgrabungen in der ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof teilgenommen. Doch damit haben sie sich nicht nur Freunde gemacht.

Als die Camp-Teilnehmer am Freitagmorgen an der KZ-Außenstelle ankamen, fanden sie zwei zerstörte Informationstafeln des dort angelegten historischen Lehrpfads vor. „Wir dachten erst, dass das betrunkene Jugendliche waren. Doch dann hat uns die Polizei erzählt, dass einige Kleingärten mit Nazischmierereien verunstaltet wurden. Ich hätte nicht gedacht, dass Rechtsextremismus in der heutigen Gesellschaft noch so verankert ist“, sagt die deutsche Teilnehmerin Julia Schmeig, die den Schock der rumänischen und israelischen jungen Erwachsenen nachvollziehen kann.

„Mein erster Gedanke war, meine Sachen zu packen und zurück nach Hause zu gehen“, sagt Ofer Barzilay. Trotz der Gastfreundschaft, die er während des einwöchigen Projekts in Deutschland erlebt habe, habe er Angst gespürt, sagt der junge Israeli.

Angst vor dem, was auch die ungarischen Jüdinnen im Konzentrationslager fürchteten, deren Küchenkeller Barzilay zusammen mit den anderen Campteilnehmern weiter ausgegraben hat. Angst vor Faschisten, vor Nazis, vor Menschen, die nicht über den eigenen schmalen Tellerrand schauen.

Das Erlebnis von Freitagmorgen ist am Sonntagnachmittag bei der öffentlichen Abschlussveranstaltung des dritten Work-and-Study-Camps der Margit-Horvarth-Stiftung beherrschendes Thema. Interessierte Bürger und Vertreter aus Politik sowie des Projekt-Kooperationspartners Fraport sind zur geschichtsträchtigen Stätte im Nordosten Walldorfs gekommen, um sich die Berichte der Studenten über die Woche mit Zeitzeugengesprächen, Ausflügen in Museen und der Ausgrabung anzuhören. Doch all das rückt aufgrund des aktuellen Geschehnisses in den Hintergrund.Inzwischen ist eine Tafel wieder aufgestellt, die zweite bleibt zerstört. Ofer Barzilay steht neben der Tafel, aus der ein großes Stück herausgebrochen wurde. Seine Sachen hat er nicht vor dem offiziellen Ende des Work-and-Study-Camps gepackt. Barzilay: „Das wäre nicht die richtige Antwort gewesen.“ Weiter graben sei die richtige Antwort, sagt er, graben nach den Spuren der Geschichte im Küchenkeller, graben nach Wahrheit, Herzlichkeit und gegenseitiger Toleranz.

Auch die rumänische Roma Oama Laura Sipicá erzählt, dass ihr die zerstörerische Aktion sehr nahe gegangen sei. Die Erinnerungen, die sie von Deutschland mit nach Hause nehmen werde, seien aber nicht die an die Zerstörer, sondern die von respektvollen und engagierten Leuten. „Das Graben im Küchenkeller“, sagt Sipicá, „hat mich anfangs verärgert. Ich habe mich gefragt, warum muss eigentlich ich hier graben. Jetzt, am Ende des Projekts, weiß ich warum: Ich und alle anderen müssen graben, weil die Erinnerung an den Holocaust nicht nur Aufgabe der Deutschen, sondern auch von Rumänen, Israelis, Chinesen, allen Menschen ist, um daraus zu lernen.“

Ein Zeichen gegen Rechtsextremismus soll am kommenden Samstag gesetzt werden. „Anstatt sich zu beklagen, muss man aktiv werden“, findet Camp-Leiterin und Stadthistorikerin Cornelia Rühlig. Die Arbeit der jungen Teilnehmer solle deshalb von Bürgern fortgesetzt werden. Ab 9 Uhr sollen die Mauern des Küchenkellers weiter freigelegt werden. Interessierte können sich unter Telefon 06105/9380 melden. ( tij)

Datum:  19 | 7 | 2011
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