Sie beschäftigen sich seit 15 Jahren mit Schinderhannes, haben mehr als 1000 Justizakten aus dem 18. und 19. Jahrhundert aufgearbeitet, sogar in Brasilien recherchiert. Was fasziniert Sie an Johannes Bückler alias Schinderhannes?
Es ist nicht nur die Lebensgeschichte von Johannes Bückler, sondern es ist wie ein Kriminalstück, das man nach 200 Jahren lösen kann und das erstaunlicherweise bisher niemand gelöst hat. Ein Beispiel: Es gibt Berichte, Schinderhannes wäre auf dieser oder jener Mühle gewesen, hätte die Müllersfrau totgeschlagen und das Geldkörbchen gestohlen. Irgendwann, viele Jahre später, fällt mir im Frankfurter Stadtarchiv aus einem riesigen Aktenstapel ein einzelner Zettel in die Hände: ein Schreiben des Müllers an die Stadt Frankfurt. Darauf wird der Name des Täters genannt. Siehe da, es war nicht Schinderhannes selbst, sondern einer aus seinem Umfeld.
Mark Scheibe (35), Jurist, beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema Schinderhannes und der Strafjustiz der damaligen Zeit. Scheibe hat drei Bücher zu diesem Thema geschrieben und arbeitet an einem Forschungsprojekt der Universität Mainz.
Der Schinderhannes, der mit bürgerlichem Namen Johannes Bückler hieß, wurde 1779 bei Nastätten im Taunus geboren und 1803 in Mainz hingerichtet. Während des vierwöchigen Prozesses hat Schinderhannes sämtliche Mittäter verraten; 19 wurden mit ihm hingerichtet, andere zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt.
Vortrag: Scheibe referiert am heutigen Donnerstag, 7. August, 19.30 Uhr, im Gruberhof in Groß-Umstadt über Schinderhannes. Der Eintritt ist frei.
Ihr Forschungsprojekt räumt auf mit dem Mythos Schinderhannes als einem deutschen Robin Hood.
Dieser Mythos fing schon zu seinen Lebzeiten an. Das war die Schuld der Presse, der Politik und einiger Romanschreiber. Schinderhannes zeigte sich im Prozess überrascht, dass er ein so großes Aufsehen erregt hatte. Das ging bis nach Paris - bis zu Bonaparte. Zum Teil waren französische Geheimagenten im Taunus und im Darmstädtischen 24 Stunden am Stück hinter ihm her, damit er nicht entwischt. Durch die Gerichtsverhandlung wurde er noch viel bekannter. Die Prozessbeteiligten haben, weil sie das Datum der Hinrichtung wussten, ihre Freunde aus dem Ausland eingeladen. Die kamen nach vierwöchiger Reise direkt zu Schinderhannes\\\' Hinrichtung. So erzählte man in England genauso davon wie in Preußen.
Bekam der Mythos mit der Hinrichtung neues Futter?
Nach seinem Tod ging das richtig los. In der Gegend um Frankfurt fuhren Theatergruppen umher, die das Leben des Schinderhannes nachspielten. In einer Szene holte der Henker mit dem Schwert aus, und das Publikum war so begeistert, als das Blut spritzte, dass der Henker dem Schinderhannes den Kopf noch 13 Mal abhacken musste. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Groschenheftchen auf dem Markt, die die angeblich wahren Geschichten des Räuber- und Frauenhelden Schinderhannes erzählten. Fortsetzungsromane mit bis zu 5000 Seiten! Davon inspiriert kam Carl Zuckmayer 1927 mit seinem Schinderhannes heraus, aus dem 1958 der Film mit Curd Jürgens und Maria Schell entstand. Damit war vom echten Schinderhannes nichts mehr übrig, es gab nur noch den Mythos.
Wie war er wirklich?
Berichte der Prozessteilnehmer - etwa des Gerichtspräsidenten oder der Presseleute - schildern ihn als sehr emsig, wenn es um Folter und Brutalität ging. Er selbst hat versucht, seine Weste reinzuwaschen. Das war das Problem in den vergangenen 200 Jahren: Man hat gerne von seinen Worten abgeschrieben. Aber vor Gericht hat man herausgefunden, wie die Tathergänge tatsächlich waren. Da zeigte sich, dass diejenigen, mit denen er zu tun hatte, ganz üble Halsabschneider waren, er aber immer noch einen draufsetzen konnte. Er hatte ein unwahrscheinliches Charisma, Leute an sich zu binden, egal, wo er hinkam.
Und für seine Zwecke einzusetzen?
Ja, aber eine feste Räuberbande gab es nicht. Bei Schinderhannes waren es oft nur Zufallsbekanntschaften. Oder er schickte nach Tagelöhnern aus. Die zogen, vereinfacht ausgedrückt, los, stockbesoffen, haben jemanden überfallen, sich geprügelt, dann ging es wieder auseinander.
Inzwischen werden Schinderhannes 130 Straftaten zugeordnet. Welche hat Sie am meisten schockiert?
Im Prozess hat er gelogen, dass sich die Balken bogen. Bei allen Gewalttaten war er sehr schweigsam, so, als ob er nicht dabei war oder gar Schlimmeres verhütet hätte. In einem Fall tritt eine Zeugin ein, die er bis aufs Blut gequält hat. Er wurde blass und sagte später zum Gerichtspräsidenten, dass er in diesem Moment seinen Totenvogel hätte schreien hören. Mit der Frau hat er Folgendes veranstaltet: Es war eine ältere Frau, sie lag krank im Bett. Schinderhannes hielt ihr so lange das Wachslicht unter den Arm, bis das Fleisch bis auf die Knochen verbrannt war und das Nachthemd dazu, damit sie ihm ihr Geldversteck verriet. Es gab viele furchtbare Gewalttaten. Ein Kleinkind in der Wiege hat einen Stoß mit dem Flintenkolben abgekriegt, der 73-jährige Greis, der daneben saß, wurde an der Gurgel in den ersten Stock geschleppt und an den Haaren wieder herunter.
Sie haben herausgefunden, dass er in Frankfurt anders verurteilt worden wäre als in Mainz, wo das französische Strafrecht galt.
Er hoffte, in Frankfurt verurteilt zu werden. Dort verhängten die Gerichte milde Strafen, dort arbeitete nicht die Guillotine. Er wäre da glimpflich rausgekommen, weil er sich gut verkaufen konnte.
Schinderhannes soll vor allem im Hunsrück und im Taunus sein Unwesen getrieben haben. Sie sagen, aber auch in der Gegend um Groß-Umstadt.
Er kam nach seiner Flucht aus dem Turm zu Simmern, in dem er 1799 einsaß, auf den Breitwieserhof bei Darmstadt. Dort hat er die Schwerkriminellen der damaligen Zeit angetroffen und war danach die meiste Zeit hier in der Gegend unentdeckt unterwegs, um als Krämer Jakob Ofenloch mit seinem Julchen Waren feilzubieten, die aus Überfällen aus dem Hunsrück stammten. Nachweisbar ist er in Semd, Habitzheim, Groß-Zimmern, Urberach und Michelstadt.
Wie würde Schinderhannes heute verurteilt werden?
Lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung. Ein langes Leben im Gefängnis hätte er aber nicht gehabt: Er hatte Knochenkrebs im letzten Stadium. Und das mit 24 Jahren.
Interview: Silke Rummel
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