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Suchtprävention: Gefangen vor der Glotze

Computer, Internet und Handy sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Immer mehr Menschen werden abhängig davon. Die Suchtprävention des Kreises wendet sich diesem Problem jetzt zu. Von Silke Rummel

Jedes kleine Kind braucht heute einen Computer, doch wer ihn zuviel braucht, läuft Gefahr ganz abhängig zu werden.
Jedes kleine Kind braucht heute einen Computer, doch wer ihn zuviel braucht, läuft Gefahr ganz abhängig zu werden.
Foto: dpa

Irgendwann war ihr Zuhause für Christa S. nicht mehr der Ort, an dem sie sich wohl und geborgen fühlte, sondern ein Ort, an dem es ständig Konflikte und Streit gab. "Vor sechs Jahren habe ich das Hotel Mama aufgelöst, weil ich es nicht mehr ertragen habe", sagt die 55-Jährige. Die Ursache: Computersucht.

Mit 14 Jahren bekam ihr Sohn Michael seinen ersten Computer. Was dann kam, nennt Christa S. heute einen "schleichenden Prozess". Michael ließ in der Schule nach, er hatte an immer weniger Interesse, wollte nicht mehr aus dem Haus. Bei Familienausflügen war er angespannt, schaute ständig auf die Uhr, war mit seinen Gedanken woanders. Kaum zu Hause, saß er vor dem Computer und spielte. Christa S. versuchte es mit Verboten, sie schloss den Computer weg, schnitt die Kabel durch. "Es hat letztendlich alles nix gebracht."

Fakten, Veranstaltungen & Hilfe

Beim Medienpädagogischen Forschungsverbund läuft seit 1999 eine Langzeitstudie zum Medienumgang der 6- bis 13-Jährigen. Die Studie von 2006 kommt zu dem Ergebnis, dass neun von zehn Haushalten einen Computer haben und vier Fünftel einen Internetzugang.

Die häufigste Freizeitbeschäftigungder Kinder sind Fernsehen und Treffen mit Freunden. Zwei Drittel nutzen regelmäßig den Computer, meistens für Computerspiele. Ein Drittel der Kinder dürfen das Internet ohne Aufsicht nutzen. 44 Prozent der Befragten hat ein eigenes Handy.

Die Fachstelle Suchtprävention begleitet das Jahresthema "Kids in virtuellen Welten - Herausforderung ohne Risiko" mit einer Reihe von Veranstaltungen. Unter anderem gibt es Seminare und Vorträge für Lehrer, Eltern, Jugendleiter von Vereinen, Kirchen und Jugendförderungen. Für Jugendliche steht eine Exkursion zu GamesCom in Köln auf dem Programm, für Mädchen wird ein zweitägiges Seminar angeboten.

Die einzelnen Veranstaltungen sind im Internet unter www.ladadi.de/ Fachstelle-Suchtpraevention.4961.0. html zu finden. Ab Anfang März liegen die Programmhefte in den Landratsämtern in Darmstadt-Kranichstein und Dieburg und in den einzelnen Rathäusern aus.

Die Selbsthilfegruppe für Angehörige von internet- und mediensüchtigen jungen Erwachsenen trifft sich immer am ersten Montag im Monat beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, Poststraße 9, in Darmstadt. Kontakt: Telefon 0 61 51 / 428 99 62

Weitere Adressen: www.onlinesucht.de www.rollenspielsucht.de

Job oder Computer?

Michael, heute 25, machte die Schule nicht zu Ende, schmiss Ausbildung und Arbeit, aß kaum noch, wog bei einer Größe von 1,96 Meter nur noch 68 Kilo. Christa S. fühlte sich hilflos. Sie funktionierte nur noch, erledigte ihr Leben wie ein Automat. Vor sechs Jahren, Michael hatte ein Angebot vom Arbeitsamt, setzte sie ihm ein Ultimatum: Wenn er den Job nicht durchhielte, würde sie die Wohnung auflösen und er könne sich eine andere Bleibe suchen. Michael schmiss die Arbeit.

Die Fachstelle für Suchtprävention des Landkreises Kreis Darmstadt-Dieburg beschäftigt sich in diesem Jahr mit der Schattenseite der neuen Medien: Computersucht, Gewalt und Mobbing via Handy und Internet, Abzocke und Datenklau.

Exzessive Mediennutzung

"Kids in virtuellen Welten - Herausforderung oder Risiko?" ist der Titel des Schwerpunktthemas, der mit einer Reihe von Veranstaltungen einhergeht. Sie folgten dem Anliegen vieler Eltern und Lehrer, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Klaus Peter Schellhaas (SPD). "Die Sorge ist groß, dass ihre Kinder oder Schüler moderne Medien in problematischer oder gar exzessiver Weise nutzen."

Genau da setzen die Veranstaltungen an: Sie wollen für das Thema sensibilisieren und qualifizieren sowie Hilfen und Beratungen vermitteln. Deshalb beteiligt sich die Fachstelle Suchtprävention außerdem an der Kampagne "Netz mit W@bfehlern" der Hessischen Fachstelle für Suchtfragen und der Techniker Krankenkasse.

Computer, Internet und Handy sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie erleichtern die Recherche und bieten Informationen noch und nöcher. Sie machen mobil und die Welt zu einem Dorf. Nach den Erhebungen des Medienpädagogischen Forschungsverbundes von 2007 sind 83 Prozent der jugendlichen Internet-Nutzer mehrmals pro Woche und häufiger online - im Durchschnitt 114 Minuten am Tag. Tendenz steigend. Jungs sind häufiger im Netz als Mädchen. Mädchen kommunizieren, Jungs spielen lieber.

Hauptfaktor ist Zeit

Zum Beispiel "World of Warcraft". Mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar gehört das Internet-Rollenspiel zu einem der lukrativsten Unterhaltungsmedien. Die Hauptgruppe sind die bis zu 24-Jährigen. Wichtigster Faktor: Zeit. "Nur dann kommt man weiter", sagt Simone Weiser von der Fachstelle für Suchtprävention.

Die virtuelle Welt der "World of Warcraft" ist eine geordnete Welt. Dort gibt es Gemeinschaft und Wettbewerbe. Der Einzelne ist wichtig, er wird gebraucht, er kann experimentieren und in die nächst höheren Level aufsteigen. Das Spiel läuft rund um die Uhr. Wer offline ist, hat leicht Angst etwas zu verpassen.

Wie bei Michael. "Wenn man ihnen den Computer wegnimmt, reagieren sie genauso wie wenn Sie einem Alkoholiker die Pulle wegnehmen", sagt seine Mutter Christa S. Symptome einer Sucht können sein: Die Betroffenen verbringen den größten Teil des Tages vor dem Computer, die wirkliche Welt tritt hinter der virtuellen zurück, sie vernachlässigen Freunde, die Familie, den Sport.

Eine Klassifizierung für Online-Sucht gibt es nicht. Tatsache ist aber, dass Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen. Und hier vor allem die Kinder, die ein geringes Selbstwertgefühl haben und sich gerne zurückziehen. "Die meisten Jugendlichen, die keine Probleme haben, werden nicht so leicht süchtig", sagt Angela Lüken von der Fachstelle für Suchtprävention.

Selbsthilfegruppe für Eltern

Christa S. kann das bestätigen. Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus und von Berichten in der seit 2006 bestehenden Selbsthilfegruppe für Angehörige von internet- oder mediensüchtigen jungen Erwachsenen in Darmstadt. Christa S. beschreibt ihren Sohn als introvertierten Menschen mit einer geringen Frustrationstoleranz und fehlendem Durchhaltevermögen. "Er ist sehr unbeholfen in sozialen Kontakten."

Im vergangenen Jahr ging es Michael sehr schlecht. Er litt unter Depressionen und war wochenlang in psychiatrischer Behandlung. Noch immer spielt er Computer, aber längst nicht mehr so unkontrolliert. Wenn sie sich treffen, scheint er es zu genießen und schaut nicht mehr ständig auf die Uhr, sagt seine Mutter. Michael hat seinen Hauptschulabschluss nachgeholt und wiegt inzwischen 77 Kilo.

Mittlerweile redet er über seine Sucht. Zumindest ein bisschen. "Er sagt immer, er hatte ein Problem mit dem Computer", sagt Christa S. Früher wäre das undenkbar gewesen. Da stritt er seine Probleme vehement ab, wollte über dieses Thema nicht reden.

Was sie hofft? "Ich würde mir wünschen, dass er die Kurve kriegt und für seinen Lebensunterhalt sorgen kann", sagt Christa S.

Autor:  SILKE RUMMEL
Datum:  13 | 2 | 2009
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