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FR-Interview mit Evolutionsbiologe Bainbridge: Das Gehirn ist eine Baustelle

Buchautor David Bainbridge spricht im FR-Interview über eine Entwicklungsphase, die den Homo Sapiens erst möglich machte: die Teenagerzeit.

Zwischen elf und 17 wird das Gehirn komplett umstrukturiert. Foto: James Nunn

Mr. Bainbridge, wozu sind Pickel und fettige Haare gut?

Forscher haben überlegt, ob es einen positiven Grund für Akne gab. Sie fanden einen, der auch erklären würde, warum Jungen meist stärker betroffen sind: Die Pickel könnten dazu da sein, die Jungen unattraktiv zu machen, damit sie keine Konkurrenz für erwachsene Männer sind. Denn das könnte ihnen gefährlich werden.

Hm, glauben Sie das?

Sagen wir, ich bin nicht völlig überzeugt.

Kennen Sie glückliche Teenager?

Fest steht, es ist eine sehr intensive Phase. Wenn man Leute fragt, wie sie ihre eigene Teenagerzeit erlebt haben, sagen manche: Das war eine tolle Zeit. Ich zum Beispiel war gerne ein Teenager. Andere sagen: „Es war schrecklich. Die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Die Leute sind sehr extrem bei diesem Thema. Also: Ja, es gibt sehr viele glückliche Teenager da draußen. Aber ihre Stimmungen sind sehr wechselhaft.

Zur Person
        

Michelle Bainbridge

David Bainbridge ist Zoologe und Veterinärmediziner. Der Brite, der in Cambridge Anatomie der Nutztiere unterrichtet, ist Autor zahlreicher Sachbücher, darunter „Das X in Sex − Wie ein Chromosom unser Leben bestimmt“. Sein jüngstes Werk „Teenager“ ist im Spektrum Verlag erschienen. Mit Frau und drei Kindern lebt er in Suffolk.

Warum sind Teenager häufig so negativ?

Jugendliche müssen sich in dieser Zeit psychisch von ihren Eltern abgrenzen, ihre Eltern zurückstoßen. Wichtig sind vor allem die Freunde. Viele Studien haben gezeigt, dass 80 Prozent der Gesprächszeit von Jugendlichen auf das Konto von Freunden geht. Und da sind sie auch am glücklichsten: Wenn sie reden, ohne etwas zu tun.

Lohnt es sich überhaupt, zu versuchen, Teenager zu erziehen?

Ich glaube, ein bisschen hören Teenager schon auf ihre Eltern. Deshalb denke ich, sollte man sich auf zwei oder drei Themen konzentrieren, die Sohn oder Tochter wirklich vermeiden sollten − Dinge wie ungeschützten Sex oder Zigaretten. Abgesehen davon sollte man ihnen viel Freiheit lassen. Es hat keinen Sinn, sich über die Unordnung im Kinderzimmer zu beschweren.

Eine Kollegin erzählte neulich, dass der pubertierende Sohn ihres Mannes sie zum Wahnsinn treibt, weil er partout seine Bettdecke durchs ganze Haus schleppt und dabei munter den Boden fegt. Eine andere Mutter riet ihr: Lass es, das lohnt sich doch nicht.

Ich würde raten: Sag es einmal, dann nicht mehr, es gibt wichtigere Dinge im Leben. Immer wieder fragen mich Leute, ob es jetzt einfacher ist, mit meinen eigenen Kindern zurechtzukommen, seit ich das Buch geschrieben habe. Die Antwort ist: nein. Mein Buch handelt ja nicht davon, wie man ein guter Vater oder eine gute Mutter wird. Es hilft vielleicht ein bisschen zu verstehen, warum die Kinder so sind, wie sie sind. Sie sind anders, und daran kann man nichts ändern.

Aber ist es nicht der Job der Eltern, zu erziehen und den Kindern eine Struktur zu geben?

Man muss die wenigen wirklich wichtigen Dinge betonen. Und dann kann man die weniger wichtigen zwar sagen, aber man darf nicht erwarten, dass die Jugendlichen auf einen hören. Es ist schon wichtig, Teenagern Struktur zu geben. Aber man weiß nie, ob sie zuhören. Kann sein, kann auch nicht sein.

Wenn die Aufgabe des Jugendlichen ist, seine Persönlichkeit zu formen: Wie können die Eltern dabei helfen?

Indem sie Stabilität bieten und emotionale Unterstützung. Das ist alles. Und wenn sie um Rat gefragt werden, mögen sie ihn geben, aber... es kann sein, dass die Jugendlichen ihn nicht befolgen. Es kann sehr verletzend sein, so zurückgestoßen zu werden. Aber das ist nicht persönlich gemeint. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass Teenager, die sich besonders aktiv von ihren Eltern abgrenzen, später psychisch stabiler sind als andere.

Wenn man sich das Klischee einer US-Highschool vorstellt, kommt einem in den Sinn: Erfolg für die Schönen und Starken, Niederlage für die Hässlichen und „Nerds“. Alles Evolution?

Muss wohl. Sie können sich jede beliebige Teenagergruppe anschauen: Die gruppieren sich sofort in zwei soziale Hierarchien − eine Jungen- und eine Mädchen-Hierarchie. Und? Was bestimmt die Rangfolge? Studien zeigen, dass es bei den Mädchen Schönheit ist. Bei Jungen geht es um Tapferkeit und Können. Das ist seltsam, denn das Herausragende am Menschen ist, dass er sehr gescheit ist. Aber das beeinflusst Hierarchien nicht besonders. Das ist ein bisschen deprimierend, aber wahr. Bei Erwachsenen ist es übrigens ähnlich: Das Aussehen scheint sehr wichtig zu sein.

Heißt das nicht, dass Außenseiter ein Leben lang „draußen“ bleiben − außerhalb der „In-Groups“?

Kommt darauf an, welche Art von „Nerd“ man ist. Es gibt Forscher, die führen an, dass Kunst als Instrument entwickelt wurde, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Hier zeigt sich, dass Evolution nicht besonders feministisch ist. Anscheinend finden Frauen Künstler wesentlich attraktiver als Männer Künstlerinnen. Das ist ein Argument dafür, warum viele der berühmten Musiker und bildenden Künstler der Geschichte Männer sind. Aber dafür könnte es natürlich auch andere Gründe geben.

Wenn Tapferkeit und Dominanz unter männlichen Jugendlichen, Schönheit unter Mädchen die Hackordnung bestimmen, haben feministische Bestrebungen dann überhaupt einen Sinn?

Immerhin scheinen Frauen bei der Partnerwahl die Macht zu haben. Studien zeigen, dass die Frauen diejenigen sind, die die Wahl treffen. Das liegt daran, dass Frauen mehr investieren bei der Reproduktion.

Ihre Hauptbotschaft ist: Seid nachsichtig mit den Teenagern, ihr Gehirn ist eine Baustelle.

Ja, in dieser Zeit passieren eine Menge Umbauarbeiten im menschlichen Gehirn. Vor 250000 Jahren erreichte unser Gehirn mit dem Homo sapiens seine jetzige Größe. Seither gibt es Teenager. Vorher dauerte es vielleicht acht oder neun Jahre, erwachsen zu werden. Erst mit dem Homo sapiens zog sich die Reifezeit 15, 16, 18 Jahre lang hin. In Hirnscans kann man sehen, dass das Gehirn mit zwölf am größten ist, danach wird es kleiner bis wir 20 sind.

Kleiner?

Ja, das liegt daran, dass es in dieser Zeit neu strukturiert wird. Ein sehr komplexer Prozess. Trillionen Verbindungen werden gekappt. Außerdem kriegen die Hauptverbindungswege eine Fettisolierung, die für ein höheres Übertragungstempo sorgt. Obendrein ändert sich die Hirnchemie vollständig, und aktiviert so den präfrontalen Cortex im Gehirn. Erst das macht abstraktes Denken möglich.

Heißt das, dass Wissenschaft ohne Teenager unmöglich wäre?

Davon bin ich überzeugt. Und ich glaube, viele Probleme, die wir mit Teenagern haben, sind in diesem gigantischen Umbau begründet. Ganz simpel: Die plötzliche Müdigkeit und Trägheit. Aber auch positive Dinge: Teenager lernen in dieser Zeit, all diese komplizierten Dinge, die in ihrem Kopf herumgehen, auszudrücken. Und: Sie sind in der Lage, in völlig verschiedenen Sprachen mit Lehrern, Eltern, kleinen Geschwistern und Freunden zu sprechen. Das ist eine enorme Leistung. Ein Beispiel: Meine Teenager-Tochter grunzt mich manchmal bloß an, aber mit fremden Erwachsenen spricht sie im nächsten Moment sehr artikuliert.

Sollte man Jugendliche überhaupt in die Schule schicken, wenn sie ohnehin keine Energie haben zuzuhören?

Sie sind zweifellos schnell gelangweilt. Aber Lernen und Bildung sind nun mal sehr wichtig, um Erfolg zu haben. Vielleicht geben sie es nicht zu, aber Teenager wissen schon, warum sie in die Schule müssen.

Manche Bildungsreformer empfehlen, 14- oder 15-Jährige aus den Klassenzimmern zu holen und praktische Dinge mit ihnen zu tun.

Vor 2000 Jahren konnte man vermutlich mit zehn seine Ausbildung beenden und wusste genauso viel wie jeder andere auch. Aber heute dauern Schule und Ausbildung immer länger. Das steht im Konflikt mit dem Wunsch der Teenager, das Nest zu verlassen und ist einer der Hauptgründe, warum wir so viele Probleme mit ihnen haben: Sie sollten mit 16 eigentlich gar nicht mehr bei uns wohnen. Stattdessen sorgen Wohnungsnot und lange Ausbildungszeiten in manchen Ländern dafür, dass die Kinder noch mit Mitte 20 bei den Eltern wohnen. Die Evolution hat das so nicht vorgesehen.

Teenager müssen Risiken wagen, um zu lernen. Wird ihnen das heute noch oft genug erlaubt?

Das Problem ist die Art von Risiken, denen sie heute ausgesetzt sind. Vor tausenden Jahren war das Risiko vielleicht, von einem Baum zu stürzen oder von einem Tier angefallen zu werden. Drogen, schnelles Autofahren, ungeschützter Sex − all diese Risiken der modernen Welt können Teenager nicht wirklich einschätzen. Teenager sind nicht für die Gefahren der modernen Welt gerüstet.

Ist die Welt zu komplex?

Ja und unsere Instinkte helfen uns nicht weiter. Das Problem haben Erwachsene ja auch.

Sollen Teenager Ihrer Meinung nach Sex haben?

Es ist klar, dass sie Sex haben wollen. Es wäre ja sinnlos, ihn sechs Jahre lang zu ersehnen, um ihn nicht zu haben. Ich glaube Erwachsene sind ein bisschen heuchlerisch bei dem Thema. Sie wollen, dass ihre Kinder mit 21, 22 einen auf Vertrauen und Selbstbewusstsein basierenden Sex haben sollen. Aber wie sollen sie das lernen ohne zu üben? Wichtig ist, warum, mit wem und in welchem Kontext. Mir ist es lieber, jemand hat mit 14 in einer guten Beziehung Sex als mit 21 in einer gewalttätigen.

Behalten Erwachsene den Charakter, den sie mit 18 ausgebildet haben?

Ich glaube, zu einem großen Teil ja. Wir Menschen lernen die Spanne unseres sozialen Verhaltens bis wir 18 sind, danach tut sich nicht mehr viel. Es ist sogar sehr schwierig, Menschen danach noch zu ändern.

Das heißt doch, dass Eltern ein strenges Auge auf die Freunde ihrer heranwachsenden Kinder haben sollten, oder?

Ach nein, ich glaube Jugendliche sind da sehr selektiv. Wenn sie gerne mit einem laut sprechenden dominanten Freund zusammen sind, heißt das noch lange nicht, dass sie selbst so sein wollen. Vielleicht ist er nur unterhaltsam. Dass die Freunde gerne riskante, gefährliche Dinge tun, muss nicht heißen, dass sie es selbst machen wollen. Der Teenager wählt aus, was er übernehmen will und was nicht. Und er bringt eine Persönlichkeit aus der Kindheit mit, die das kontrolliert. Die Persönlichkeit fängt ja nicht erst an sich zu entwickeln, wenn man zwölf ist: Schon Babys haben einen Charakter.

Interview: Frauke Haß

Datum:  30 | 11 | 2010
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