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Filmstart "The Tourist": Das Kino der anderen

Kein Visitenkarten- eher Ansichtskartenkino: Florian Henckel von Donnersmarcks „The Tourist“ schwelgt in endlosen Anklängen an das romantische Hollywood der sechziger Jahre. Aber als die Action endlich losgehen soll, bleibt seine Regie wie gelähmt. Leichtes Spiel für Johnny Depp.

Johnny Depp als Frank und Angelina Jolie als Elise in "The Tourist". Foto: digital

Auch dieser Oscarpreisträger fiel nicht vom Himmel. Vor seinem Welterfolg „Das Leben der anderen“ realisierte der Münchner Filmestudent Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Bruder Sebastian eine Reihe von Kurzfilmen von der Sorte, die man in der Branche „Visitenkartenfilm“ nennt: Aufwändige Genrefilme in Miniatur, die sich durch wenig mehr vom typischen Blockbuster im Multiplex unterscheiden als durch eine um etwa achtzig Minuten kürzere Laufzeit. Weshalb sie für ihr schnelles Ende gern mit einer überraschenden Pointe entschädigen.

Schon bei diesen frühen „Donnersmarcks“ explodierten die Budgets von Film zu Film. Auf „Dobermann“, eine dramatische Hetzjagd zwischen Mensch und Hund, folgte das 23-minütige Historiendrama „Der Templer“: Komplett mit Statistenheer und brennender mittelalterlicher Stadt wetteiferte es im Aufwand mit der Eichinger-Produktion „Der Name der Rose“. Auf den Hofer Filmtagen 2002 gewannen die beiden Brüder dafür den mit Rohfilm dotierten Kodak-Preis. Eine Reporterin der Süddeutschen Zeitung berichtete damals, sie nahmen „die Trophäe entgegen wie den Heiligen Gral.“

Florian Heckel von Donnersmarcks erster Hollywoodfilm „The Tourist“ ist mit seinen prominenten Pariser und venezianischen Schauplätzen zwar eher ein Ansichtskarten- als ein Visitenkartenfilm, aber er hat mit diesen Frühwerken einiges gemein: Aller Ehrgeiz fließt in die Anmutung vom „großen“ und „glamourösen“ Kino, als genüge es, dessen Äußerlichkeiten zu kopieren, um etwas Gleichwertiges, ja Altmeisterliches hervorzubringen.

Die Rückkehr der Schlusspointe

Und auch die Schlusspointe ist zurück – hier wird sie natürlich nicht verraten – die das Publikum hoffentlich mit einem Lächeln, wahrscheinlich aber auch mit einer gewissen Enttäuschung quittieren wird. Denn wer zu sehr auf eine Pointe setzt, wertet ab, was er zuvor erzählt hat. So scheint der ganze, mühsam entwickelte Thriller-Plot von „The Tourist“ am Ende nur die langsame Vorrede für einen Witz.

Es beginnt in Paris, und wieder einmal observieren die einen die anderen. Da man nicht weiß, wie ein gesuchter Gauner aussieht, der einen russischen Gangster um Milliarden erleichtert hat, hält sich die Steuerfahndung an seine attraktive Freundin. Gerade hat ihr jemand eine Nachricht ihres Liebsten überbracht, der sie in eleganter Tinte auffordert, in den nächsten Zug nach Venedig zu steigen. Zur Ablenkung der Verfolger solle sie sich neben einen Fremden seines Typs setzen – und vor allem die Botschaft schnellstens verbrennen. Gesagt getan.

Vergessen wir alles, was wir über die Reservierungspflicht in französischen Nachtzügen wissen, und glauben wir einmal, dass die moderne Forensik auch noch aus verkohlter Asche genug Informationen zieht, um die Frau erst zu verfolgen, dann aber ihre Zugbekanntschaft wieder laufen zu lassen. Um damit das Feld erst mal der Russenmafia zu überlassen, die natürlich auch hinter dem Mann her ist, dessen Äußeres sie ebenfalls nicht kennt: Der Gesuchte hat sich nämlich das Gesicht operieren lassen.

Angelina Loren und Johnny Grant

Vergessen wir also, was in jedem besseren Drehbuch-Lehrbuch auf der ersten Seite steht: „Nichts gegen unmögliche Zufälle. Aber verboten sind Gummimasken und Gesichtsoperationen! Alles soll uns recht sein, damit sich endlich die versprochene Romanze entfaltet zwischen Angelina Jolie, dieser unwiderstehlichen Schönheit, und ihrem Platznachbarn Johnny Depp als Mathelehrer aus Wisconsin. Nur zu gern nimmt er die Einladung in Angelinas Luxushotel an, auch wenn er sie auf der komfortablen Couch in der Suite verbringen muss, wo er am nächsten Morgen unsanft vom Zimmerkellner geweckt wird.

Vergessen wir alles, was wir über italienische Luxushotels wissen, in denen man natürlich nicht durch das Geschirrgeklapper einbrechender Zimmerkellner geweckt wird. Auch versteht man dort inzwischen sogar recht gut Englisch und wundert sich nicht mehr wie in den seligen Fünfziger Jahren über die verrückten „Americani“. Stören wir uns nicht daran, Hauptsache es kommen endlich jene turbulent-romantischen Verwicklungen in Gang, auf die uns von Donnersmarck mit all seinen Verbeugungen vor dem Genre eingeschworen hat.

Schon Angelina Jolie lässt er aussehen wie Sophia Loren, Johnny Depp ist eindeutig die Cary-Grant-Figur. Das unverkennbare Stilvorbild dieses Films ist nicht die direkte Vorlage, der französische Romantic-Thriller „Fluchtpunkt Nizza“ mit Sophie Marceau, dessen Drehbuch der Regisseur gemeinsam mit zwei anderen Oscar-Preisträgern, Christopher McQuarrie und Julian Fellows, umschrieb.

Ach ja, der Obststand

Was von Donnersmarck vorschwebt, ist das Hollywoodkino der Zeit um 1960, als ein Stanley Donen seine Light-Versionen typischer Hitchcock-Stoffe drehte, denen er verspielte Titel gab wie „Charade“ und „Arabeske“. So ein Film sollte dies sein, und wir hätten nichts dagegen. Von Donnersmarck imitiert das klassische Hollywood bis zum Tremolo in der Filmmusik, das das Umrühren einer Kaffeetasse vertont. Aber die Sahne darin, süffisant-charmante Dialoge, bleibt er schuldig. Und jetzt, da die Action einsetzen muss, wirkt er geradezu wie gelähmt.

Da mit dem Hotelpersonal nicht zu rechnen ist, flüchtet Johnny Depp im Schlafanzug über zwei venezianische Dächer und wagt den rettenden Sprung auf ein im rechten Moment gespanntes Tuch. Und siehe da, es bedeckt den obligatorischen Obststand, der bei einer so spektakulären Flucht natürlich im rechten Moment umfallen muss. So wie auch der anwesende Schutzmann natürlich wutschnaubend im Canale landet.

Johnny Depp absolviert sein Klamauk-Pensum mit bewundernswerter Gelassenheit. Vor allem die lustig gemeinten, aber bald enervierenden Versprecher kommen ihm tapfer über die Lippen. Wer sonst käme damit durch, statt „Buon Giorno“ ein freundliches „Bon Jovi“ zu wünschen? Nun gut, einer fiele mir ein, der damit durchkäme. Sein neuer Film läuft gleich eine Kinotür weiter: Otto Waalkes.

Das Action-Pensum, das Johnny Depp im gesamten Film absolvieren muss, hätte bei den „Piraten der Karibik“ kaum einen Drehtag in Anspruch genommen. Kein Wunder, dass er so entspannt durch diesen Film geistert, als wäre er selbst ein Tourist. Der Film allerdings dürfte in den Kinos kaum auf große Fahrt gehen.

The Tourist. Regie: Florian Henckel von Donnersmarck. USA 2010, 103 Min.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  14 | 12 | 2010
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