Scheitern kann man auch erst dort. Es komme selten vor, sagt Helge, aber manche seien der Belastung nicht gewachsen, tiefenpsychologisch. Denen sei das zu heftig. "Man setzt sich in sehr kurzer Zeit sehr intensiv mit sich selbst auseinander. Das frisst einen ziemlich auf."
Draußen vor dem Saal gibt es eine Küche, dahinter beginnt ein langer dunkler Gang. Hinter der ersten Tür auf der linken Seite liegt das Büro von Michael Stuhlmiller, ein karger Raum mit blauem Teppich und grünen Jalousien. Stuhlmiller sitzt an einem Holztisch in der Mitte, die Beine übereinander geschlagen. Als er zu sprechen beginnt, springt er auf, geht umher, setzt sich wieder hin, steht wieder auf.
Der Clown habe oft mit einem schlechten Image zu kämpfen, sagt er, die Leute hätten immer den Fastnachtsclown im Kopf, dabei setze sich ein Clown eine Maske auf, um die Dinge zu enthüllen und nicht um etwas zu verbergen. Das sei die Kunst, die Schönheit des Clownseins, des Scheiterns.
"Meine Clowns", sagt Stuhlmiller, "arbeiten im Jugendstrafvollzug, als Sterbebegleiter im Kinderkrankenhaus. Man kriegt die Leute natürlich zum Lachen, wenn man einfach auf die Bühne geht und sich die Hose herunterzieht. Aber mit der Tiefe eines Clowns, mit dem eigentlichen Handwerk hat das nichts zu tun. Clown zu sein, ist ein Bewusstseinsweg, eine große Auseinandersetzung mit dem Menschen und dem Leben."
Draußen im Mainzer Vorland hat Stuhlmiller, selbst ausgebildeter Schauspieler und gestählt auf vielen Bühnen im ganzen Land, vor 15 Jahren seine Schule gegründet. Eine zweijährige Profiausbildung bietet er an und einzelne Seminare, die aus jedem den Clown holen, denn eigentlich sei jeder dazu geeignet, sagt er.
"Manche bekommen dabei Probleme, aber das kriegt man in den Griff, zur Not mit therapeutischer Hilfe. Für Clowns ist das ganz normal, denn es geht um künstlerischen Selbstausdruck und darum, was einen daran hindert, sich voll zu entfalten." Er selbst habe "unzählige Therapien" hinter sich. Stuhlmiller springt von seinem Stuhl auf, geht im Raum umher, tippt etwas in den Computer, setzt sich wieder. "Es gibt eine bestimmte Ethik", sagt er dann, "eine Vorstellung davon, was ein guter Clown ist, der Moral hat, der sich selbst riskiert." Das sei es, was er lehre.
Drüben im Saal blödeln derweil die Clownschüler herum, eigentlich zum ersten Mal an diesem Tag im alten Militärkasino. Der Unterricht ist vorüber, bis zum Abend werden sie proben, immer wieder. Musik schallt von der Bühne, mischt sich mit Gelächter. "Lass uns mal anfangen", ruft franz streng in den Raum.
Der Unterschied zu einer Schauspielschule sei nur der, dass man nicht inszeniert werde, sagt Helge, dass alles aus einem selbst kommen müsse. Und dass man mit der Kehrseite leben müsse, "mit den Zusammenbrüchen, dem Nacktsein vor der Gruppe, der Angreifbarkeit". Eigentlich ist das die clownsche Wende.
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