Kolumne
Das Schweigen der Mörder
Jochen Hörisch
Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.
Foto: Dietrich Bechtel
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In ihrer Niedertracht knüpfte die RAF an die Tradition der SS an. Gleiches gilt für ihre Weigerung zu reden, wie kürzlich die Prozesse gegen den SS-Mann Demjanjuk und gegen die mutmaßlichen RAF-Mörder von Generalbundesanwalt Siegfried Buback erneut zeigten. Und es gibt noch mehr verstörende Daten.

Es war keine explizite Regie, sondern wohl eher eine seltsame List des Weltgeistes, die dafür sorgte, dass zwei Prozesse über lang zurückliegende Ereignisse gleichzeitig stattfanden und zu Ende gingen: der gegen den SS-Mann Demjanjuk und der gegen die mutmaßlichen RAF-Mörder von Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Zu den abgründigen Gemeinsamkeiten beider Prozesse gehörte es, dass die Angeklagten in Treue fest systematisch schwiegen. Dies aber ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem SS-Mann und den RAF-Mördern.

Historische Distanz bringt häufig eine mildere Form des Urteilens mit sich. In diesen Fällen nicht. Immer deutlicher wird nämlich, dass die genannte Familienähnlichkeit zwischen SS und RAF so zufällig nicht ist. Um nur einige verstörende Daten in Erinnerung zu bringen: Der RAF-Anwalt Horst Mahler ging nicht nur von der RAF zur NPD, er kam auch von ganz rechts zur mordbereiten Linken. Der offensiv antisemitische Kommunarde Kunzelmann verübte am 9. November 1969 in Berlin einen Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus. Auf dem Flug nach Entebbe selektierte der Entführer und Gründer der Roten Zellen, Wilfried Böse, die Juden vom Rest der Passagiere. In palästinensischen Ausbildungscamps wurden die RAF-Leute mit Hitler-Fotos und dem Ausruf „Hitler – guter Mann“ begrüßt; dort lernten sie auch, was die Generation ihrer Nazi-Väter gelernt hatte: wie man Juden tötet. Ulrike Meinhof hatte dazu aufgefordert, sich wegen der Nazigeschichten nicht das Recht auf den Kampf gegen Israel ausreden zu lassen. Die DDR war sich nicht zu schade, schützend die Hand über die antisemitischen Mörder der RAF zu halten.

Schweigen wir von phänotypischen Ähnlichkeiten zwischen Horst Wessel und Andreas Baader, schneidigen SS-Männern und Christian Klar. Nicht schweigen aber soll und darf man über die rücksichtslose Niedertracht, mit der Nazis und RAF-Leute vorgingen. Mit einem Kinderwagen einen Fahrer zum Bremsen zu veranlassen, um dann fünf Begleitpersonen eines Mannes niederzuschießen, dem Terror seinerseits nicht ganz unbekannt war, oder wie die RAF-Terroristin Susanne Albrecht als Patentochter Eingang in das Haus eines Bankers zu finden, den sie dann von ihren Parteigenossen ermorden lässt, weil er sich tapfer gegen seine Entführung wehrt – das sind Handlungen, die ultimativ signalisieren, dass die RAF mit dem Terror, der Kälte und der Härte der Nazis mithalten wollte. Himmlers Posener Rede („nie werden wir untreu werden, nie werden wir feige sein“) hat nicht nur bei den SS-Leuten, sondern auch bei der RAF offene Ohren gefunden.

Die Überlegung, was geschehen wäre, wenn die kaltblütigen Mörder der RAF auch nur halbwegs so viel Erfolg gehabt hätten wie die Nazis, führt ins blanke Grauen. Der einzige Versuch, auch nur ansatzweise Verständnis für die RAF zu wecken, lief über deren plakatives Selbstverständnis, gegen die alten Nazis in der herrschenden Schicht der Bundesrepublik zu kämpfen. Genau dies war nicht der Fall: Die RAF, die sich als kampfbereite Elite der radikalen Linken verstand, hat an die Tradition der SS angeknüpft. Alexander Mitscherlichs Wendung von der Unfähigkeit zu trauern, zu erinnern und durchzuarbeiten, gilt auch für die RAF-Leute. Nun eifern sie den alten Nazis auch in der Übung des kollektiven Beschweigens nach.

Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.

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