Der Papa hat sich seinen kleinen Sohn auf die Schulter gesetzt. Beide lachen fröhlich in die Kamera. Der Weihnachtsbaum leuchtet bunt. Die Mama, hochschwanger, sitzt auf dem Sofa unter der Stehlampe und strahlt. Erinnerung an ein kleines Glück in Hiddestorf bei Hemmingen, Niedersachsen.
Das Album mit dem Bild von Weihnachten 1997 steckt in einem säuberlich aufgeschichteten Stapel unter Omas Bett in Leposavic. Ordnung muss sein, wenn man zu zwölft auf fünfzehn Quadratmetern schläft. Die Familie aus Hemmingen lebt jetzt in der verlassenen Armeegarage einer Kleinstadt im Norden des Kosovo. Notdürftig eingezogene Pappwände trennen die Verschläge, in denen die Familien die Nächte und die meisten Tage verbringen. Im dritten Zimmer rechts wohnen die Hasanis. Sie haben die zugigen Ritzen des Betonschuppens mit knallbunten Decken verhängt. Sonnenlicht dringt hier keines ein.
Rund 10.000 Roma aus dem Kosovo sind „ausreisepflichtig“ und müssen damit rechnen, aus Deutschland abgeschoben zu werden. Die Hälfte von ihnen sind Kinder – wie es oft ihre Eltern waren, als sie Anfang der 90er Jahre mit Zehntausenden anderer Kosovaren in die Bundesrepublik kamen. Die Familiensprache ist in der Regel Deutsch.
Während die Albaner nach Kriegsende 1999 alle zurückkehren mussten, durften die Roma bleiben. Das damals zuständige UN-Flüchtlingshilfswerk nahm sie nicht zurück, weil ihre Sicherheit nicht garantiert werden konnte. Im Frühjahr schloss die Bundesrepublik mit dem jetzt unabhängigen Kosovo ein Rücknahmeabkommen. Inzwischen ist eine ganze Generation in Deutschland herangewachsen.
Fälle wie die Familie Hasani sind nicht selten. Der kosovarische Anwalt Hil Nrecaj, der die „Rückkehrer“ betreut, weiß von einer neunköpfigen Familie, bei der der Vater mit den Kindern nach Mazedonien, die Mutter aber ins Kosovo abgeschoben wurde. Der Vater landete in der Psychiatrie. Die Kinder dürfen nicht ins Kosovo.
Einzig Nordrhein-Westfalen hat für den kalten Kosovo-Winter einen Abschiebestopp erlassen. Abgeschoben wird von den übrigen Ländern, wer kein Einkommen von 30 Prozent über dem Sozialhilfesatz nachweisen kann.
Sedat, der kleine Junge auf dem Foto, ist inzwischen 13, sein Bruder Nazmir ist zwölf. Beide sind in Hemmingen aufgewachsen. Jetzt sitzen sie im Schneidersitz auf einem Teppich und bewegen sich wie in Zeitlupe. Wenn sie erzählen, dann von früher. „Ich war gut in Mathe“, sagt Sedat. „Ich war bei der Freiwilligen Feuerwehr“, sagt Nazmir. Sie reden wie alte Männer über ihre Jugend. Was die beiden Jungen für ihr Leben hielten, endete jäh an einem Oktobertag 2009. Polizisten kamen in ihre schöne große Wohnung in Arnum bei Hemmingen und nahmen sie mit. Die Mutter musste ins Gefängnis, sagt Nazmir, „und wir kamen in so ein Jugendheim mit Gittern vor den Fenstern.“ Das Verhängnis kam plötzlich. Um sie nicht zu beunruhigen, hatte die Mutter nichts erzählt.
Was den beiden Jungen aus Hemmingen widerfuhr, heißt „freiwillige Ausreise“. 1993, lange vor ihrer Geburt waren Mutter Halimi und Vater Mifai aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Weil in ihrer Heimat Krieg herrschte, durften sie bleiben. Aus einem Übergangslager in Braunschweig wurden sie nach Hemmingen geschickt. Zwei Söhne wurden geboren, Nachkömmlinge. Die Eltern trennten sich, als beide noch klein waren, hielten aber Kontakt. Irgendwann war der Krieg aus. Mifai, der immer Arbeit hatte und inzwischen mit einer deutschen Partnerin ein Kind mit deutscher Staatsangehörigkeit hat, fiel unter das neue Bleiberecht. Die Mutter, die bei den Kindern geblieben war, nicht. „Die Behörden haben richtig Druck gemacht“, sagt Klaus Rudolph, der Anwalt der Familie in Laatzen. Als die Polizei kam, konnte er schon nichts mehr tun. Unter den Papieren, die Halime Hasani bei der Polizei unterschrieb, muss wohl eines mit dem Titel „freiwillige Ausreise“ gewesen sein.
Das Lager in Leposavic liegt versteckt hinter der Hauptstraße. Die kahlen Flure zwischen den Verschlägen gehören den kleinen Kindern. Unter schwachen Glühbirnen toben sie herum, ein kleiner Junge pinkelt in hohem Bogen auf den Boden. Alle 187 Bewohner sind Roma oder Ashkali, wie die albanischsprachigen Zigeuner sich nennen. Das heißt nicht, dass sie einander verstehen würden. Einige sprechen Albanisch, andere Serbisch, wieder andere Romanes – oder Deutsch, wie Sedat und Nazmir.
Lagersprecher Skender Gushani, ein trauriger älterer Herr mit einem lahmen Bein, kennt die Geschichte jeder einzelnen Familie. Er hat auch die Krankengeschichten gesammelt. Viele Kinder leiden unter Bleivergiftungen – sie waren in einem Lager auf einer Abraumhalde, bevor sie hierher kamen. Es gibt genaue Haaranalysen, durchgeführt von einem Institut in Bad Emstal bei Kassel. Seit das Kosovo unter internationaler Verwaltung stand, wurde alles immer gut dokumentiert. Nur geändert hat sich nichts. Viele bekommen Diclofenac, ein Rheumamittel, andere Akineton gegen Schüttellähmung. Von den Vätern hat kein einziger Arbeit.
Besser als Medikamente es können, würde Sedat und Nazmir die Schule helfen. Aber dort waren sie seit ihrer Ankunft im Lager noch keinen Tag. Keine Papiere. Ausgereist sind die beiden samt Mutter mit einer „Grenzübertrittsbescheinigung“. Mutter Halime versucht seit einem Jahr, einen serbischen Pass zu bekommen. Leposavic liegt im serbisch kontrollierten Norden des Kosovo, einem rechtlichen Niemandsland. Die Geburtsurkunden der Jungen sind aus Deutschland. „Wir gehen so gut wie nie raus“, sagt Sedat. „Die wollen uns schlagen.“ Eigentlich hätten sie in die Heimatstadt der Mutter ausreisen sollen, nach Mitrovica.
Aber das Roma-Viertel, dessen Adresse „Fabricka 775“ auf der deutschen Bescheinigung verzeichnet ist, ist seit elf Jahren nur noch ein Haufen Schutt. So sind sie im Lager gelandet, weil immerhin die Omaschon dort war. In Hemming und den umliegenden Dörfern, wo die Hasanis gelebt haben, verliert die Erinnerung an die beiden Nachwuchs-Fußballer des FC Arnum langsam an Farbe. Auf der Realschule, die Sedat gerade zwei Monate besucht hatte, kann sich niemand so recht an den blassen Jungen erinnern.
Die Leiterin der Grundschule in Hiddestorf, Birgit Spengler, dagegen sehr wohl: „Wir haben sie hier sehr gut fördern können“, sagt die Lehrerin, „und sie wären sicher etwas geworden“. Die Jungen hätten „wohl gespürt, dass wir sie mochten.“ Vor allem Nazmirs Charme hat Eindruck hinterlassen. „Dass sie uns verlassen mussten, hat mir sehr weh getan.“ Beide Jungen gingen regelmäßig zur Schule. In den letzten Wochen allerdings seien sie „sehr still geworden“. Nachmittags waren beide viel im Jugendheim. „Gut greifbar“ seien die beiden gewesen, sagt dessen Leiter René Döpke. Wenn im Heim ein Fest gefeiert wurde, kam die Mutter der beiden Fußballer des FC Arnum mit Selbstgebackenem.
Einen Fußball gibt es im Lager von Leposavic nicht. Einzige Abwechslung sind die Besuche der Brüder Bogdanovic aus Kamin, einem Dorf in der Nähe. Die beiden, Slavisa und Stanisa, sind aus Wadersloch in Westfalen hierher geschickt worden und sprechen immerhin Deutsch. Das Ausländeramt hat es gut mit ihnen gemeint und ihnen Geld für die Kükenaufzucht gegeben, die sie hier aufziehen wollten. Investiert haben sie das Geld in einen riesigen Plasma-Fernseher mit Satellit – anderthalb Quadratmeter Deutschland in einem abbruchreifen Haus ohne fließendes Wasser.
„Na, zurück wollen wir“, sagt Sedat, wenn man wissen will, was denn nun werden soll, ein bisschen erstaunt über die blöde Frage. Die Perspektive ist für die deutsche Community von Leposavic in jedem Fall realistischer als die Aussicht auf ein Leben im Kosovo. In Hemmingen warten der Papa und die älteren Geschwister auf Sedat und Nazmir. Ein Bruder ist Ingenieur. Niko, der Sohn von Stanisa Bogdanovic, ist ein paar Jahre älter und zwischen wieder zu Hause bei seiner Freundin – illegal. Wer in Serbien lebt, keine 20 Kilometer von hier, darf inzwischen frei nach Deutschland einreisen. Wenn die Mutter endlich den Pass kriegt, fahren auch die Hasanis zurück – diesmal illegal, denn einreisen dürfen sie dann nur für drei Monate als Touristen. Die Außenminister der Schengen-Staaten denken schon über eine Visa-Befreiung für Kosovaren nach.
Wenn Sedat und Nazmir endlich alt genug sind, um heimzukehren, tun sie es ohne Geld, ohne Schulabschluss, ohne Beruf. Den Grund für ihre nächste Abschiebung, mangelnde Integration, werden sie dann voll und ganz erfüllt haben.
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