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Analyse: Schluss mit Straßenkampf!

Googles Street View hat einen Nutzwert und verletzt nicht die Privatsphäre. Die politische Kritik daran basiert auf Ahnungslosigkeit. Von Steven Geyer

Steven Geyer ist Mitglied der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Steven Geyer ist Mitglied der Dumont-Redaktionsgemeinschaft.
Foto: FR

Wenn ich mir für den San-Francisco-Urlaub ein Hostel übers Internet buche, muss ich nicht den Werbefotos auf seiner Homepage vertrauen. Ich kann flugs die Adresse googeln - und mir von Googles Angebot Street View die Fassade und per Rundum-Kameraschwenk Umgebung und Wohngegend zeigen lassen. Hilfreich, oder? Wenn ich einer Freundin dieses romantische Café an der Karlsbrücke in Prag empfehlen will (dessen Name mir längst entfallen ist), schlendere ich dank Street View per Mausklick durch die sommerliche Stadt. Entdecke ich das Café, maile ich Straßenansicht samt Adresse, Telefon und Besucherwertungen an meine Freundin. Praktisch, nicht? So funktioniert das auch in Frankreich, Spanien, Holland, Italien.

Und in Berlin? Da werden mir von Google nur Stadtpläne und unscharfe Satellitenfotos geboten - und von Politikern reflexartiges Unbehagen und Rufe nach Verboten. Seit Google 2008 anfing, deutsche Straßen zu fotografieren, haben sich Bürgerinitiativen, Datenschützer und Politiker dagegen in Stellung gebracht. Google sah ein, dass Deutsche empfindlicher sind, wenn man ihre Häuser und Autos fotografiert, und versprach, Gesichter und Kennzeichen zu verwischen und alles von Datenschützern absegnen zu lassen. Die haben das neue Street View bereits für unbedenklich erklärt, doch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) entblödet sich nicht, den Service "millionenfache Verletzung der Privatsphäre" zu nennen. "Kein Geheimdienst würde so ungeniert auf Bilderjagd gehen", sagt sie und malt Schreckensbilder von Räubern, die die Türschlösser schon mal online auskundschaften, ehe sie vorbeikommen.

Wohlgemerkt: Das kommt aus einer Regierungspartei, die Informationen über all unseren Festnetz-, Handy- und E-Mail-Verkehr ohne Verdacht speichern lässt. Die Weitergabe von Kontobewegungen und Flugreise-Essgewohnheiten an die USA gilt als unproblematisch. Werden aber Marktplätze und Vorgärten fotografiert und zu Stadtplänen zusammengefügt, würde man das am liebsten verbieten. Dabei - daran muss man offenbar erinnern - ist das Fotografieren im öffentlichen Raum keineswegs verboten. Selbst das Recht am eigenen Bild gilt nicht, wenn ich jemandem zufällig vor die Linse laufe. Was also, wenn statt Google Berliner Hobbyfotografen ihre Bilder online sammeln, nach Adresse recherchierbar? Auch verbieten?

Natürlich nicht. Statt mit dem Höchstmaß an "german angst" auf jede Innovation zu reagieren, täte Gelassenheit gut. Unser Leben wird sich ändern, es wird nicht mehr in virtuelle Internet-Kontakte und reale Spaziergänge durch Vorstädte zerfallen. Beides wird verschmelzen, die entstehende Datenmenge wird weltweit abrufbar sein - aber unüberschaubar. Die Chance, den Nachbarn beim Küssen fremder Frauen zu ertappen, wird im Park höher bleiben, als ein Foto davon bei Street View zu entdecken. Das heißt nicht, dass die Politik sich da ganz zurückziehen sollte. Sie muss sich aber zunächst umfassend über echte Probleme informieren und unsere Rechte sachlich geltend machen. Statt blindem Kampf gegen Straßenfotos könnte sie Google die Höhe vorschreiben, in der Kameras zu postieren sind, damit nicht über Zäune geknipst wird, oder das Einspruchsrecht konkretisieren, das Google verspricht. Es gibt viel zu regeln - ohne jede hilfreiche, praktische Technik gleich abzuwürgen.

Autor:  Steven Geyer
Datum:  23 | 2 | 2010
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