Diese Meldung ist im helvetischen Steuergetümmel fast untergegangen: Die Schweiz nimmt zwei Uiguren aus dem US-Lager Guantánamo Bay auf und damit diplomatischen Ärger mit China in Kauf. Das sind zwei angebliche Terroristen mehr, als die deutsche Regierung bisher aus dem Guantánamo-Kontingent akzeptiert hat. Die Nachricht ist deshalb von Belang, weil man geneigt ist, die politischen und publizistischen Lautsprecher unseres Nachbarlandes, also die Schweizer Volkspartei (SVP) und ihre Herolde in den Medien, für den repräsentativen Meinungsquerschnitt zu halten. Der Lärm der SVP übertönt auch im laufenden Datenklau-Streit wieder die Stimmen ihrer Landsleute, die über die Schwarzgeldberge in der Alpenrepublik unglücklich sind.
Im Übrigen gereicht dem Image der Schweizer auch die direkte Demokratie mitunter zum Nachteil. Ressentiments, die sich in anderen Staaten "nur" in Meinungsumfragen offenbaren, gewinnen in der Schweiz mittels des Volksentscheids schnell Gesetzeskraft. So gespenstisch der Erfolg der Anti-Minarett-Initiative im November vergangenen Jahres (namentlich in der Deutschschweiz) war, er ist ja nicht singulär. Auch in den neuen Bundesländern beispielsweise sprach sich in einer Umfrage eine Mehrheit gegen den Bau moslemischer Gebetstürme aus.
Gleichwohl: Nationalstolz wird in diesem neutralen Land erstaunlich oft in Debatten eingesetzt. Die Bankdaten-Erregung speist sich aus ähnlichen Motiven wie der Furor gegen Moslems. Während der juristische Streit über die Legalität des CD-Kaufs professoralen Kräften vorbehalten ist, schwimmt die Empörung über angebliche staatliche Hehlerei des übermächtigen Nachbarn auf einer schon länger rollenden Anti-Deutschen-Welle, die Teil einer allgemeinen diffusen Überfremdungsphobie ist. Deutsche bieten sich in der Schweiz auch deshalb als Angriffsfläche an, weil sie sich zur größten Ausländergruppe nach den Italienern entwickelt haben. Jeder zehnte Einwohner Zürichs hat einen deutschen Pass. Der Ausländeranteil in der Schweiz ist, anders als die Völkischen glauben machen wollen, seit Jahrzehnten zweistellig. Er liegt mit derzeit knapp über 20 Prozent weit mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.
Die Abwehr des Fremden wird verstärkt durch die Angst vor wirtschaftlichen Verlusten, namentlich in höheren Einkommensschichten. Deutsche Politiker, die die CD mit den Steuerdaten kaufen wollen, mischen sich damit nicht nur in vermeintlich ureigene Schweizer Belange ein. Sie arbeiten damit auch an der Trockenlegung jener Finanzquelle, die Wohlstand wachsen lässt. Zwar gehen die Meinungen über die Bedeutung des Schwarz- und Blutgelds für den Finanzplatz Schweiz auseinander, unbestritten dagegen ist die Relevanz des Bankwesens für das Schweizer Gemeinwohl. Knapp 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stammen aus den Geschäften von Banken und Versicherungen. Wer die Banken angreift, gerät also mit Ur-Schweizern aneinander, deren Selbstwertgefühl schon unter dem Niedergang der Swissair etwa und der Schieflage der größten Bank UBS stark gelitten hat.
Für jene ist das Bankgeheimnis Teil einer Schweizer Identität. Verzweifelt beharren sie auf Unterschieden zur europäischen Gemeinschaft. Das wirkt manchmal skurril, vor allem aber ist die Wirklichkeit eine andere. Das Land mag weiter ohne stehendes Heer auskommen und seine militärische Neutralität bewahren. Politische und ökonomische Abkommen gerade mit der EU jedoch häufen sich. Das Land in der Mitte Europas wird sich dauerhaft nicht dem Eintritt in die Organisation des vereinigten Kontinents verschließen. Insofern handelt es sich bei den Empörungsstürmen eher um Nachhutgefechte gegen wachsenden Anpassungsdruck. Unter demselben schleift die Schweiz selbst die Mauern ihrer Finanzburg. Gleichzeitig häufen sich Attacken von außen. Der rüde Ton eines Peer Steinbrück und die kühle CD-Kaufentscheidung eines Wolfgang Schäuble sind da nur zwei Wege zum gleichen Ziel.
Was Schweiztümler als Unterwerfung verdammen, ist bloß Anpassung an international akzeptierte Gepflogenheiten, mithin ein Akt der Integration. Wie wollten Schweizer auch dauerhaft rechtfertigen, dass der obszöne Wettbewerb der Kantone um niedrige Einkommensteuern für reiche Ausländer und die Schwarzgeldkonten helvetischer Banken dem Sozialwesen ihrer Nachbarn schaden.