Genf. Lange hielt sich Christoph Blocher zurück. Der Anführer der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) bellte nicht, er beobachtete den Steuerstreit mit Deutschland nur. Dann brach es aus dem Volkstribunen heraus. "In der deutschen Regierung hat es Kriminelle", hetzte Blocher in der Sendung "TalkTäglich" von TeleZüri.
Die Breitseite des Milliardärs gegen das Merkel-Kabinett in Berlin ist schriller Höhepunkt einer aufgepeitschten Debatte in der Schweiz: Seit Tagen beherrscht der geplante Kauf einer CD mit Daten deutscher Steuersünder die Politik. Das Verhältnis der beiden ungleichen Nachbarn dürfte durch Berlins forschen Coup auf lange Zeit schwer beschädigt werden: Den Preis für das Debakel könnten jetzt die Deutschen in der Schweiz zahlen.
Inzwischen leben 250.000 Männer, Frauen und Kinder aus dem "großen Kanton" in der Alpenrepublik; ihre Zahl nimmt ständig zu. "Man beobachtet den Streit schon mit ernster Sorge", sagt ein deutscher Banker aus Zürich, der anonym bleiben will, "die antideutsche Stimmung droht zu eskalieren."
Zumal die größte Partei des Landes, die SVP, gibt in der Kampagne den Takt vor. In Anzeigen behauptete der Zürcher Verband der Rechtsnationalen, in der Hochschullandschaft herrsche ein "deutscher Filz". Der SVP-Chefideologe Christoph Mörgeli nannte es eine "Kriechhaltung" gegenüber den Deutschen, dass die Uni Bern Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Ehrendoktorwürde verliehen habe. Andere SVP-Ultras rufen zum Boykott deutscher Waren auf.
Die antideutschen Ressentiments breiten sich im gesamten politischen Spektrum aus. Der Medienunternehmer Roger Schawinski, ein langjähriger Kämpfer gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, verlangte, die Schweizer sollten mit den Deutschen nicht mehr Hochdeutsch sprechen. "Bei den Jugoslawen sagen wir auch, die Integration geschieht vor allem über die Sprache", wird Schawinski im liberalen Tages-Anzeiger zitiert.
Die Medien machen schon länger mit. Sie fragen sorgenvoll: "Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?" Und unterstellen, Deutsche gierten "scharenweise" nach dem Schweizer Pass.
Vor allem fürchten die Eidgenossen um ihre Chancen auf dem enger werdenden Arbeitsmarkt. Die Wirtschaftskrise verschärft auch in der einst so gemütlichen Schweiz die Konkurrenz. Und es sind meist gut qualifizierte Männer und Frauen aus der Bundesrepublik, die es in die Alpenrepublik zieht: In der Finanzbranche, in Unis und Kliniken nimmt ihre Zahl stetig zu. So stellen Deutschen schon fast ein Drittel der Professoren an der Uni Bern.
SVP-Hardliner Mörgeli: "Wenn man hier immer Steuern bezahlt und Militärdienst geleistet hat, dann staunt man schon ein bisschen, wenn der Chef plötzlich Schulz heißt."
Für die meisten Schweizer ist klar: Die Deutschen verdanken ihre Erfolge vor allem ihrer Ellbogenmentalität. Die Konkurrenz aus dem Norden gilt als kalt, berechnend und rücksichtslos - Charakterzüge, die sich angeblich schon in der harten Sprache, dem Hochdeutschen, widerspiegeln. Im heimeligen Schwyzerdütsch dagegen fühlt sich der Helvete besser, geborgen eben.