Zwei Bremer Betriebsratsmitglieder, Gerhard Kupfer und Gerwin Goldstein, sagten im Fernsehen von "Radio Bremen" (RB), sie hätten nicht nur in einer, sondern auch in zwei weiteren Abteilungen des Werkes Listen mit Krankheitsdaten von Mitarbeitern gesehen. Kupfer wiederholte diesen Vorwurf in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.
Wie auch Goldstein berichtete Kupfer zudem, dass es im Bremer Werk bis vor kurzem regelmäßige Gesprächsrunden auf Vorgesetzten-Ebene gegeben habe. Dabei seien Krankheitsdiagnosen besprochen und teils auch die Namen der Erkrankten erwähnt worden. Zuletzt sei das vor etwa acht Wochen geschehen, bis Personalvertreter eingeschritten seien.
Kupfer berichtete auch von Gesprächen, in denen Vorgesetzte Kranke nach deren Genesung über ihr Leiden befragt und dazu Notizen gemacht hätten. RB zeigte dazu ein Formular "Dokumentation Gespräch nach krankheitsbedingter Abwesenheit", auf dem unter anderem handschriftlich vermerkt war: "Verdacht geäußert Problem Alkohol'; MA verneint". MA bedeutet offenbar "Mitarbeiter".
Solche Formblätter, so Kupfer, würden systematisch angelegt. "Der Meister ist verpflichtet, Rapport zu erstatten über den Krankenstand seiner Mannschaft." Kupfer sprach von einer "Krankenverfolgung" - einem "System, das gegen die Menschenwürde verstößt". Dass in einzelnen Abteilungen auch ganze Tabellen über die erkrankten Kollegen angelegt würden, gehe dagegen eher auf übereifrige Meister zurück.
Bereits in der vergangenen Woche hatte Konzernsprecher Thomas Fröhlich bestätigt, dass das Daimler-Gesundheitsmanagement in Bremen - und ähnlich auch in anderen Werken - einen "standardisierten Meldeprozess" installiert habe. Dazu gehöre auch ein "Rückkehrgespräch" von Vorgesetzten mit genesenen Mitarbeitern, um zum Beispiel festzustellen, ob sie bestimmte Arbeiten weiter ausführen könnten.
Außerdem werde beobachtet, ob sich in bestimmten Abteilungen Krankheiten wie etwa Rückenschmerzen häuften. Dann werde nach den Ursachen gefragt und nach besseren Arbeitsabläufen gesucht. Dies sei alles zulässig. Verboten seien aber Listen mit individuell zuzuordnenden Angaben, wie sie bis 2008 in einer Bremer Abteilung eingesetzt worden seien.
Dass die Rückkehrgespräche fürsorglich gemeint seien, treffe in 95 Prozent der Fälle nicht zu, meinte jetzt Betriebsrat Kupfer. Dahinter stünden Kündigungsdrohungen. Wie Kupfer und sein Kollege Goldstein weiter behaupteten, werde länger Erkrankten nahegelegt, gegen Abfindung auszuscheiden.
So seien schon Herzinfarkt- und Krebskranke zu Hause angerufen worden - "eine Geschmacklosigkeit", so Kupfer In mindestens einem Fall habe sich ein Mitarbeiter innerhalb von nur fünf Tagen entscheiden müssen, ob er dem Ausstieg zustimme oder nicht.
Zu den neuen Vorwürfen erklärte eine Konzernsprecherin, Daimler führe derzeit in allen Bereichen des Bremer Werks eine "umfassende Datenschutzkontrolle" durch. Sobald die Untersuchungen beendet seien, werde die Öffentlichkeit über das Ergebnis informiert.
Daimler hatte zuvor eine "Datenschutzverletzung" in einer Bremer Werksabteilung eingeräumt, bei der es sich aber nur um einen Einzelfall gehandelt habe. Laut Unterlagen, die den Medien zugespielt wurden, hatten Vorgesetzte monatelang aufgelistet, welcher Mitarbeiter wann woran erkrankt war - sogar bei Erkältungen oder Durchfall. Die Kranken wurden zwar durch Nummern anonymisiert, aber eine weitere Liste soll die dazu gehörenden Namen enthalten haben.