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23. April 2009

Computer-Manipulation bei der Bahn: Allumfassende Überwachung

 Von MATTHIAS THIEME
Der Daten-Skandal der Bahn offenbart Erschreckendes.  Foto: dpa

Der Daten-Skandal bei der Deutschen Bahn nimmt erschreckende Ausmaße an: Mit sehr fragwürdigen Methoden soll das Unternehmen Informationen über seine Angestellten nicht nur überwacht, sondern auch manipuliert haben. Von Matthias Thieme

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Vieles, was im Daten-Skandal der Bahn bislang bekannt war, ist harmlos im Vergleich zu den Vorwürfen, die jetzt ans Tageslicht kommen: Die Deutsche Bahn soll auch mit sehr fragwürdigen Methoden gegen ihre Angestellten vorgegangen sein. Soll Dokumente gefälscht haben und sogar falsche "Beweise" wie Hitlers "Mein Kampf" oder Porno-Dateien auf Festplatten von Angestellten gespeichert haben, um diese besser kündigen zu können.

Das berichtet der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in der Zeit und steht damit nicht allein: Auch das Magazin Spiegel spricht von einem gewaltigen Überwachungssystem.

So soll die Bahn eine riesige Datenbank angelegt haben, in der heimlich alle dienstlichen, privaten und gesellschaftlichen Kontakte der Führungskräfte gesammelt wurden. Der Konzern erstellte "Kontaktdiagramme", schnüffelte in Festplatten und in Gruppenlaufwerken, wo Briefe und Termine gespeichert werden.

Auch außerhalb des Unternehmens ging die Spitzelei weiter: Die Konzernsicherheit besorgte sich etwa Videoaufnahmen von Tankstellen, die Mitarbeiter ansteuerten. Ob Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn dies so befahl, ist fraglich. Aber er setzte seinen Schnüfflern Ziele. Hauptziel: Kritik an seinem Kurs abzuschalten. Egal mit welchen Mitteln?

Langsam wird nun das System Mehdorn sichtbar - eine Überwachungs-Hierarchie, in der der Chef der Konzernsicherheit, Josef Bähr, eine große Rolle spielte. Seit Beginn des Skandals ist er krank geschrieben. Auch Personalchefin Margret Suckale könnte bald abtauchen, hieß es aus Konzernkreisen. Suckale soll von Vielem gewusst haben. Auch von Beweismittelfälschungen?

Der FR liegt ein Foto vor, das die Bahn als Beweis in einen Gerichtsprozess eingebracht hat. Es soll belegen, dass eine Kündigung von der Bahn-Personalabteilung rechtzeitig in den Briefkasten einer Beschäftigten eingeworfen wurde. Die Bahn behauptet - angeblich anhand der Kameradaten -, dass dieses Foto am 28.9.2007 um 15.29 gemacht worden sei, und will damit auch den Betriebsratschef Ralf Skripietz einer Falschaussage überführen, um ihn ebenfalls kündigen zu können.

Doch laut einem Gutachten des Dortmunder Fotografie-Professors Heiner Schmitz, das der FR vorliegt, ist es ausgeschlossen, dass die Version der Bahn stimmt. Schmitz hatte entdeckt, dass sich bei starker Vergrößerung die Uhr des Bahn-Zustellers auf dem Foto erkennen lässt und eine völlig andere Uhrzeit zeigt. "Das Foto ist echt, aber die Datei-Eigenschaften sind gefälscht", sagt Skripietz. "Die Bahn hatte wohl nicht beachtet, dass die Uhr erkennbar ist."

Die Bahn reagierte am Donnerstag nicht auf FR-Anfragen. Doch Politiker fragen immer lauter nach der Rolle von Personalchefin Suckale. "Es ist erstaunlich, dass im Zentrum des Geschehens immer wieder Frau Suckale auftaucht", sagte der Grünen-Bundestagspolitiker Winfried Herrmann der FR. "Es muss jetzt geklärt werden, welche Rolle sie im System Mehdorn gespielt hat."

Es sei "ungeheuerlich, dass in einem öffentlichen Unternehmen eines demokratischen Staates solche Zustände herrschen", meint der Politiker. "Das hat Züge eines totalitären Überwachungssystems wie man es von der Stasi kennt." Der Konzern habe "einen eigenen rechtsfreien Raum geschaffen", so Herrmann. "Ich empfinde Abscheu und Entsetzen - es ist skandalös."

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