Die zentrale Rolle in den großen Datenskandalen bei Bahn und Telekom spielt eine kleine Firma in Berlin-Charlottenburg: Nur sechs Mitarbeiter hatte Network Deutschland - und bekam von den beiden Konzernen doch riesige Datenmengen anvertraut. Ohne schriftliche Aufträge, ohne klare Beschreibung der Aufgaben.
Die sechs Berliner Mathematiker und Computerfreaks haben für die Telekom Kontakte zwischen Arbeitnehmervertretern und Journalisten ausspioniert und für die Bahn unter anderem rund 170 000 Mitarbeiter überprüft. Neun Jahre lang (1998 bis 2007) erhielten die Computerschnüffler lukrative Aufträge von der Bahn.
Bezüglich der Umsetzung dieser Aufträge wurden selten Vorgaben gemacht, heißt es im Untersuchungsbericht der Datenschützer, der der FR vorliegt. "Insofern kann die Deutsche Bahn AG nicht ausschließen, dass die Network Deutschland GmbH auch Telefonverbindungen, Bank- und Steuerdaten ausgewertet hat", heißt es im Bericht.
In der winzigen Firma liefen teilweise gleichzeitig tausende Datensätze der Telekom und der Bahn über die Rechner. Beide Unternehmen wollten undichte Stellen finden und möglichst viel über bestimmte Personen wissen. Wie legal oder illegal das geschah, war Bahn und Telekom offenbar egal - entscheidend war das Ergebnis.
Hat Network die Daten der Konzerne eventuell wechselseitig ergänzend benutzt? Kam man bei der Suche nach Bahn-Verrätern weiter, wenn man deren Telekom-Daten abglich? Und wie bewegten sich die bei der Telekom im Fadenkreuz stehenden Aufsichtsräte und Journalisten eigentlich mit ihren Bahn-Cards? Die Bahn speichert Reiserouten und Fahrkarten-Daten von Kunden ein halbes Jahr lang. Für Network-Chef Ralph Kühn, der gleichzeitig bei der Telekom in Mobilfunkdaten schnüffelte, möglicherweise ein weites Feld für Datenabgleiche.
Bahn und Telekom wollten nicht einmal wissen, ob Kühn Informationen an andere Firmen weitergab. Ausgerechnet Kühn, gegen den nun die Staatsanwaltschaft ermittelt. Kühn, der dem Chefsyndikus der Telekom im vergangenen Jahr schriftlich drohte: "Unterschätzen sie nicht mein Aggressionspotenzial."
Wie lief Kühns Spitzelei konkret? Ein Beispiel: Bahn-Chef Mehdorn wollte offenbar gerne wissen, welcher Mitarbeiter ihn wegen Steuerdelikten angezeigt hat. Da die Anzeige Insiderwissen offenbarte, wurden bei der Bahn 40 Personen verdächtigt. Das genügte: Die Bahn leitete an Network wahllos alle E-Mails der 40 Personen weiter und auch viele persönliche Daten anderer Personen wie etwa Kontonummern von Ehefrauen.
Die Schnüffler bei Network ließen die E-Mails durch ein Programm laufen, das den Schriftstil der Mails mit der Schreibweise der Anzeige gegen Mehdorn verglich. Ergebnis: ein bestimmter Mitarbeiter sollte "mit großer Wahrscheinlichkeit" der Anzeigeerstatter sein, der den mächtigen Bahn-Chef belasten wollte.
Der Mann wurde gekündigt. Doch für Mehdorn ging es schon damals peinlich aus: Vor den Arbeitsgerichten hatte Mehdorns Computerspitzelei keinen Bestand. Die Kündigung war unwirksam.