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Günter Wallraff zur Bahn-Überwachung: "Mehdorn war der Diktator"

Mit dem Kopieren von Pornos auf Mitarbeiter-Computer soll die Bahn sich Kündigungsgründe verschafft haben, sagt der Autor im Interview mit FR-online. Wer war dafür verantwortlich?

Günther Wallraff hält Bahnchef Mehdorn für einen Diktator.
Günther Wallraff hält Bahnchef Mehdorn für einen Diktator.
Foto: dpa

Herr Wallraff, Sie schreiben, die Bahn sei mit sehr fragwürdigen Methoden gegen ihre Mitarbeiter vorgegangen, habe Angestellten Pornos und Hitlers "Mein Kampf" auf ihre Computer gespielt, um besser kündigen zu können - haben Sie da nicht etwas dick aufgetragen?

Ich habe sehr sorgfältig recherchiert und zitiere aus eidesstattlichen Erklärungen der Betroffenen.

Günter Wallraff hat die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise kommen sehen.
Günter Wallraff hat die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise kommen sehen.
Foto: dpa

Nach Ihren Recherchen sprechen wir im Daten-Skandal bei der Bahn nicht mehr über eine aus dem Ruder gelaufene Korruptionsbekämpfung, sondern über sehr viel weitergehende Aktionen des Konzerns...

Es ist bei der Bahn ein Überwachungssystem und ein Begünstigungssystem entstanden, wo mit Zuckerbrot und Peitsche der Hofstaat zum parieren gebracht wurde. Einerseits wurden enorme Vergünstigungen und Tantiemen ausgeschüttet - Mehdorn selbst hat sich ja von 750.000 D-Mark jährlich auf zuletzt 1,8 Millionen Euro hochgehievt - Andere wiederum wurden als Abweichler und Kritiker der Privatisierung angesehen und eingeschüchtert. Diese Mitarbeiter fühlten sich bespitzelt und haben sich wirklich wie in einem totalitären Regime verhalten: die haben jemanden vorgeschickt, wenn sie sich privat trafen und prüften, ob ihnen niemand hinterher war. Autos durften nicht in der Nähe parken, wenn sie sich zu Hause besuchten, sondern einige Straßenzüge weiter. Das waren private Treffen von führenden Mitarbeitern der Bahn, die sich vor dieser Überwachungs- und Bespitzelungsmentalität ihres Konzerns fürchteten.

Wer ist verantwortlich für diese Auswüchse?

Mehdorn war der Diktator. Ein kleiner Alleinherrscher, der keinen Widerspruch duldete. Mehdorn sollte der Exekutor des Börsengangs sein und in diesem Zusammenhang ist er auch verantwortlich für die Überwachung. Führungskräfte sagen mir, dass Mehdorn nicht alles im Einzelnen wissen wollte. Ihm musste Vollzug gemeldet werden. Er hatte bestimmte Leute auf der Abschussliste und dann mussten seine Abteilungen Revision und Konzernsicherheit funktionieren. Bestimmte Leute, gegen die ein Verdacht bestand, oder die Mehdorn in Verdacht nahm, sollten überwacht werden. Wenn sich da nichts fand, waren die Abteilungen in Verlegenheit. Wenn eine Abteilung es nicht schaffte, musste eben die andere ran. Das führte zu einer Eigendynamik, zu Wildwuchs. Ich glaube nicht, dass Mehdorn direkt solche Einzelaktionen angeordnet hat. So jemand macht sich nicht die Finger schmutzig. Dafür hatte er seine Leute. Die mussten ihm nicht im Einzelnen erklären, wie die Aktionen gegen Mitarbeiter abgelaufen waren. Mehdorn wollte Ergebnisse. Wenn sie nichts brachten, gab es ein Donnerwetter. Da wurden welche niedergemacht, angebrüllt - das war sein Stil.

Wie lief das von Ihnen beschriebene Schnüffel-System dann unterhalb des Bahn-Chefs?

Durch den immensen Druck und die mangelnde Kontrolle entstand Wildwuchs: Es gab konzerninterne Trupps, die fieberhaft Ergebnisse bringen mussten. Und wehe, sie liefern nicht das Erwünschte. Dann galten sie als unfähig und inkompetent. So entstehen solche Aktionen, die mir berichtet wurden: Manipulationen von Festplatten und so weiter. Ich habe noch weitere Fälle, die ich noch nicht publiziert habe, um die Betroffenen zu schützen. Da geht es bis zu Bedrohungen.

Reicht es, den Bahn-Chef auszutauschen, um diese Strukturen aufzulösen?

Ich glaube nicht. Das System Mehdorn wirkt weiter. Seine engste Vertraute, Personalchefin Margret Suckale ist zum Beispiel immer noch da. Ich gehe davon aus, dass demnächst wieder ein Verantwortlicher beurlaubt wird, oder sich eine längere Krankheit gönnt. Eine Führungskraft hat mir berichtet wie das abläuft. Man wird zur Personalabteilung zitiert und bekommt gesagt: Sie sind ja schon fast 60, sie werden jetzt krank. Wenn der Betreffende protestiert und sagt, ich habe nicht die Absicht, auf Bestellung krank zu werden, beginnt eine monatelange Mobbing-Aktion auf höchster Ebene, bis der Betroffene klein beigibt und seinen Posten zur Verfügung stellt. Dieser Fall ist keine Ausnahme. Es erinnert schon sehr an Huxley und Orwell.

Interview: Matthias Thieme

Datum:  23 | 4 | 2009
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