In deutschen Unternehmen sind die Mitarbeiter systematisch ausspioniert worden. Worin besteht das gesteigerte Interesse von Unternehmen am Arbeitsplatzverhalten ihrer Mitarbeiter?
Zwei Dinge kommen zusammen. Zum einen sind die organisierten Netzwerke von heute auf mehr Außenkontakte auf allen Ebenen des Unternehmens angewiesen. Fast jeder Mitarbeiter muss laufend ein Außenbild des Unternehmens mit einem Innenbild abgleichen. Da kann es zu Verwechslungen und Loyalitäten mit den falschen Leuten kommen. Darauf reagieren Organisationen umso empfindlicher, je mehr sie noch in den alten Bildern geschlossener Welten denken. Und zum anderen hat man die Daten. Sie fallen beim Emailen und bei der Telefonvermittlung massenhaft, das heißt statistisch brauchbar an. Wäre es nicht fast unverantwortlich, sie nicht zu nutzen, wenn man Anlass zu Befürchtungen hat?
Dirk Baecker, Jahrgang 1955, ist Professor für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin University in Friedrichshafen. Er gilt als einer der wichtigsten Schüler von Niklas Luhmann und ist ein Vertreter der Systemtheorie.
Hervorgetreten ist er zunächst als Wirtschafts- und Organisationssoziologe. Dabei prägte er den auch in der Kulturtheorie einflussreichen Begriff des postheroischen Managements.
Zum Thema erschien von ihm im Suhrkamp Verlag "Die Form des Unternehmens". 2007 veröffentlichte er "Studien zur nächsten Gesellschaft". Baecker lebt in Basel und Berlin.
Sind die Daten, die aus solchen Screenings gewonnen werden, für ein Unternehmen denn überhaupt brauchbar?
Um einem Verdacht nachzugehen und ihn entweder zu bestätigen oder aus der Welt zu schaffen, sind sie allemal brauchbar. Man darf nur nicht den Fehler machen, die gewonnenen Daten bereits für einen Beweis zu halten, dass das befürchtete Verhalten tatsächlich vorliegt.
Ist das Kontrollbedürfnis der Unternehmen ein Abbild des Szenarios aus Orwells "1984" oder lässt sich darin nicht auch eine starke Verunsicherung der Form des Unternehmens herauslesen?
Die Verunsicherung ist mit Sicherheit gegeben. Es gibt unter angespannten Marktverhältnissen kaum einen Unternehmensbereich, der nicht unter dem Gesichtspunkt eines taktischen oder strategischen Vorteils gesehen werden kann, an dem auch die Konkurrenz Interesse hätte. Uns fehlt eine Managementkultur, die in der Lage wäre, die Diffusion der "unique selling points" eher zu befördern als zu behindern. Aber wer vor allem damit beschäftigt ist, andere zu imitieren, hat natürlich berechtigterweise Angst davor, selber imitiert zu werden.
Ist der Umgang mit elektronischen Medien, die wir zuhause und im Betrieb bedienen, überhaupt auf seine Funktionalität zu beschränken?
Die Frage ist doch eher, ob eine noch gar nicht getestete Funktionalität auf das beschränkt werden kann, was legal und legitim ist. Wir sollten zugeben, dass uns die elektronischen Medien mindestens so sehr faszinieren wie erschrecken. Viel Spielerei mit diesen Medien passiert nur deshalb, um herauszufinden, was sich mit ihnen machen lässt und was nicht. Und da haben Organisationen verständlicherweise eine andere Art von Neugier als der einzelne User.
In der Diskussion über den Datenskandal bei der Deutschen Bahn war viel vom mangelnden Vertrauen in die Mitarbeiter die Rede. Welche Rolle spielt Vertrauen denn heute für ein Unternehmen?
Die Kategorie des Vertrauens spielt schon deshalb eine zentrale Rolle, weil sie die eine Seite einer Medaille ist, deren andere Seite Misstrauen heißt. Wir brauchen Vertrauen, aber wir testen es auch laufend. Dummerweise ist ein getestetes Vertrauen für den, der getestet wird, ein bestätigtes Misstrauen. Aus dieser kommunikativen Falle kommt niemand heraus. Nur um endlich Sicherheit zu haben, testen die Unternehmen ihr Vertrauen in die Mitarbeiter. Mit diesem Test jedoch verlieren sie den letzten Rest an Sicherheit.
Auf der anderen Seite scheint Loyalität eine knappe Ressource zu werden?
Loyalität ist für jeden einzelnen eine brauchbare Erklärung für den Verzicht auf Flexibilitätschancen. Genau dafür will man dann jedoch auch honoriert werden. Und für kleinere und größere Gruppen ist Loyalität eine Erklärung dafür, dass man sich bieten lässt, was sich andere auch bieten lassen. Dem liegen so genannte implizite Arbeitsverträge zugrunde, die man sowohl mit seinen Kollegen als auch mit seinem Arbeitgeber abschließt und in denen festgehalten wird, mit wie viel Arbeitsplatzsicherheit und mit welchen Karrierechancen man unter welchen Bedingungen rechnen kann. Diese impliziten Verträge kann man nirgendwo nachlesen. Aber unterschrieben haben wir sie alle.
Lässt sich mit Vertrauen und Loyalität in der Krise etwas ausrichten?
Ja, sicher. Vertrauen und Loyalität schaffen Zeit. Und sie haben den Vorteil, dass sie ihre eigenen unsicheren Grundlagen thematisieren. Der andere, dem ich mein Vertrauen entgegenbringe oder demgegenüber ich ein Loyalitätsversprechen abgebe, ist gut beraten, mich nicht zu enttäuschen. Es sei denn, er kann auf einen Streich den ganzen möglichen Gewinn einstreichen und ist nie wieder darauf angewiesen, mit mir ins Geschäft zu kommen. Deshalb unterscheiden die Ökonomen zwischen einer hit-and-run-Wirtschaft und einer repeated-business-Wirtschaft. Alles ändert sich, wenn wirtschaftliche Beziehungen keine einmaligen, sondern wiederholte soziale Beziehungen sind. Obwohl man auch das nicht übertreiben darf, um nicht für eine Wiederholung zu arbeiten, der längst die Grundlage entzogen ist.
Interview: Harry Nutt