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NSA-Affäre
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03. November 2013

Kolumne NSA-Affäre: Fucking Freundschaft

 Von 

Atlantische Romantiker sollten nicht erschüttert tun. Wir wissen doch, was die USA unter „friends“ verstehen.

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Wir verteidigen die Nation und ertragen die Prügel“, sprach Vier-Sterne-General Keith Brian Alexander, Chef der National Security Agency NSA, einst auserwählt von Donald Rumsfeld.

Jetzt, dachte ich, als ich Alexander letzte Woche lauschte, wie er da in vollem Wichs, mit maximal Lametta auf der Brust, die Bespitzelung der Welt hochleben ließ, jetzt wäre es Zeit, der Atlantik-Brücke beizutreten. Kennen Sie gar nicht? Das ist ein superexklusiver Club engster deutsch-amerikanischer Freunde. Zutritt leider nur auf Einladung. Wofür man idealerweise mit Gräfin Dönhoff persönlich durch Ostpreußen geritten, zumindest aber Chef einer Bank oder der Bild-Zeitung sein sollte. Die Jüngeren unter uns haben hier die Chance, als „Young Leader“ adoptiert zu werden, als eine Art Atlantiker-Azubi. Vorbildern wie Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff, aber auch Cem Özdemir ist solches schon gelungen.

Was das mit „Kaiser Alexander“ zu tun hat? Seit offenbar ist, dass die NSA unsere Angela, Mitglied und Preisträgerin der Atlantik-Brücke, belauscht hat („Joachim, ham wir noch Milch im Kühlschrank?“), muss auch der beinhärteste Atlantiker begreifen: Die NSA bespitzelt alle. Weltweit. Sie hat schon Martin Luther King be-lauscht. Es ist Sinn, Zweck und Wesen dieser Behörde, ihres Zehn-Milliarden-Dollar-Etats, ihrer 40 000 Mitarbeiter. Einige von denen, lernten wir neulich, hören sogar ihre Geliebten ab. Weil sie’s können.

Unsere atlantischen Romantiker geben sich nun tief erschüttert von „Arroganz“ und „Hybris“ der lieben USA. Von dieser „Kältewand“. Brrrr. Haben sie wirklich von Vertrauen, Gleichberechtigung, Reziprozität in diesem Verhältnis geträumt? „Geht gar nicht!“, grummelt unsere Kanzlerin. Falsch. Geht schon lange.

Ab und zu hilft ein Blick auf die Muppet Show verflossener US-Freunde: der Schah, die Generäle Suharto, Pinochet, Noriega... Die USA haben bei der Partnerwahl einen notorisch miserablen Geschmack, von Idi Amin bis Zia Ul-Haq. Selbst Saddam war einst Kumpel, wie auch die afghanischen Mudschaheddin. Solche friends werden traditionell durch eine US-Agentur betreut, die an zentraler Stelle das Wort „Intelligence“ im Namen trägt. Die Vereinigten Staaten ähneln dabei zunehmend einer überpotenten street gang. Total mit sich selbst beschäftigt, einander an die Gurgel gehend. Doch ruckzuck einig, sobald irgendein fremder Emporkömmling Macht und business bedroht.

Dass die deutsch-amerikanische Freundschaft derzeit, wie Börsianer sagen würden, „den Boden testet“, liegt auch daran, dass sie von deutschen Atlantikern stets verklärt wurde. Die da drüben sehen das pragmatischer: Ihre „Freundschaft“ mit Staaten ist in US-Augen nur ein Gradmesser für deren Nützlichkeit und Gefolgschaft. Eine Art Franchise. Sie sagen uns: Ihr habt Bach, Bratwurst und eure brummende Exportwirtschaft. Wir aber sind god’s own country. Mit 7000 nuklearen Sprengköpfen und Soldaten all over the world. Unsere brands spuken in allen Köpfen. Unsere Börsen bewegen 20 Mal mehr Kapital als euer little f… Frankfurt. Wir wollen die Welt nicht verstehen, sondern beherrschen. Buchstabiert mal: S-u-p-e-r-m-a-c-h-t. Und jetzt: Wegtreten!

Obama versprach einst, der Restwelt zuzuhören. Jetzt wissen wir, was er damit gemeint hat.


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