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Leitartikel: Mensch, Mehdorn!

Managern, die das Hohelied des Risikos predigten, schallt das neue Lied des Maßhaltens entgegen. Boni-Kassierer bekommen das zu spüren, aber auch der abgetretene Bahnchef. Von Thomas Kröter

Hartmut Mehdorn versteht die Welt nicht mehr. Das hat er mit jener Supermarktkassiererin gemein, die ihren Job verlor, weil sie zwei Pfandbons (Wert: 38 und 82 Cent) unterschlagen haben soll. Recht so, fand ein Landesarbeitsgericht. Barbara E. geht dagegen vors Verfassungsgericht. Hartmut Mehdorn dürfte schneller bekommen, was er für sein Recht hält. Bis Mai 2011 läuft sein Vertrag. Gehaltsanspruch für zwei Jahre. Ob der Bahnchef a. D. ihn am Ende auf den letzten Cent einklagt? Die Frage ist mindestens so spannend wie die, ob die höchsten Richter der Republik für (ge)recht halten, was der Verkäuferin an Rechtsprechung widerfahren ist.

Hier wegen einer Lappalie eine berufliche Existenz vernichtet, dort ein üppig dotierter Ruhestand noch weiter ausgepolstert - so geraten die beiden Fälle in den Topf einer gesellschaftlichen Debatte. Dabei geht es um einen der Grundwerte, die jedes Gemeinwesen zusammenhalten: Gerechtigkeit. Paragrafen? Nebensache. "Toxische" Obligationen haben nicht nur die Finanzmärkte vergiftet. Immer mehr Menschen weltweit haben das Gefühl, dass etwas faul sei in ihren Staaten.

Mit Hartmut Mehdorn hat das mehr zu tun, als er offenbar akzeptieren mag. Der Mann war ein erfolgreicher Manager. Er hatte die Bahn zu einem - bei allen immer noch vorhandenen Mängeln - erfolgreichen Verkehrsunternehmen gemacht. Das unterscheidet ihn von den Bankmanagern, die, Rekordrenditen im Blick, nicht nur ihre Unternehmen zugrunde gerichtet, sondern die Weltwirtschaft an den Abgrund gewirtschaftet haben. Alles richtig.

Aber am Ende hat auch dieser Aktivposten des aktuellen Kapitalismus das Maß verloren. Weil er (womöglich) sein Gehalt für die volle Vertragsdauer ausgezahlt bekommen will? Wäre er ein vor der Zeit entlassener Fußballtrainer - kein Hahn krähte danach. Nein, Mehdorn wähnte sich durch seinen ökonomischen Erfolg unangreifbar. Dass die flächendeckende Ausspähung von Mitarbeitern, gleich was er im Einzelnen veranlasst oder auch nur gewusst hat, ein Skandal ist, für den der Mann an der Spitze die Verantwortung übernehmen muss - ein Gedanke so fern für ihn wie ein Marskrater.

Dass ist es, was den "guten" Manager Mehdorn mit den "bösen" Kollegen aus der Finanzwelt verbindet: Als "Masters of the Universe" hat der amerikanische Autor Tom Wolfe in dem Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" vor Jahren schon diesen Typus des neoabsolutistischen Wirtschaftsmagnaten am Beispiel der New Yorker Investmentbanker beschrieben - außerhalb der Gesetze sich wähnend, nur ihren eigenen Maßstäben verpflichtet. Aber weder eine Bank noch die Bahn sind eigene Welten, deren Herren sich zu Königen der sie umgebenden Gesellschaften aufschwingen dürfen.

Mit dem politischen Absolutismus haben die bürgerlichen Revolutionen aufgeräumt; den ökonomischen hat das Desaster auf den (Finanz-)Märkten in eine - mindestens - Legitimationskrise manövriert. Wenn es der Mehrheit der Menschen in den entwickelten Gesellschaften gutgeht, akzeptieren sie selbst horrende Wohlstandsunterschiede. Aber wenn der Wohlstand und vor allem: die Aussicht auf soziale Sicherheit erodieren, dann schauen "die da unten", genauer hin, was "die da oben" so treiben. Und wenn die Eliten, das Hohelied von den Segnungen des Risikos auf den Lippen, sich von eben diesem Risiko zu verabschieden trachten - dann gerät der gesellschaftliche Grundkonsens ins Wanken.

Diese Gefahr beginnen nicht nur die Politiker zu sehen, wie der Weltfinanzgipfel in London gezeigt hat. Die soziale Einhegung der Marktwirtschaft à la Ludwig Erhard geht keineswegs mehr bloß als "german desease", als deutsche Krankheit durch. Selbst einstige "Masters of the Universe" reden plötzlich über "unanständige" Bonuszahlungen, als hätten sie Oskar Lafontaine als Ghostwriter engagiert. Heuchelei? Mag sein. Auf jeden Fall ein gutes Zeichen, dass der Wind sich gedreht hat.

Verantwortung für das Gemeinwesen steht, Klassen und Schichten übergreifend, mindestens verbal erst einmal höher im Kurs als Egoismus. Eine nachhaltige Veränderung? Auf jeden Fall eine notwendige. Denn dass Gellschaften mit Massenarbeitslosigkeit so friedlich bleiben wie zurzeit, ist kein historisches Gesetz. Manchmal könnten übrigens auch kleine Gesten durchaus größere Wirkung für den sozialen Frieden haben: Die Rücknahme einer juristisch sanktionierten Kündigung, zum Beispiel, oder die Spende einer ach so verdienten Abfindung. Mensch, Mehdorn!

Autor:  THOMAS KRÖTER
Datum:  8 | 4 | 2009
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