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NSA-Affäre
Der US-Geheimdienst NSA hört mit - auch am Handy von Kanzlerin Merkel. Hilft die Äffäre dem Whistleblower Edward Snowden?

05. Februar 2014

NSA, Schröder und Handy-Überwachung: Verspätete Aufregung

 Von 
Altkanzler Gerhard Schröder.  Foto: dpa

Ein neues Investigativ-Großteam enthüllte jetzt, dass die NSA einst Gerhard Schröder ausspionierte. Doch die "Bild am Sonntag" hatte bereits im Oktober 2013 darüber berichtet. Der ganze Vorgang zeigt vor allem eines: Marktmacht in den Medien.

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Ein neues Investigativ-Großteam enthüllte jetzt, dass die NSA einst Gerhard Schröder ausspionierte. Doch die "Bild am Sonntag" hatte bereits im Oktober 2013 darüber berichtet. Der ganze Vorgang zeigt vor allem eines: Marktmacht in den Medien.

Es sind drei Schwergewichte des Journalismus, die seit diesem Monat gemeinsam antreten, um die politische Klasse mit investigativen Recherchen aufzuschrecken: Unter Leitung des Ex-“Spiegel“-Chefredakteurs Georg Mascolo bündeln seit 1. Februar Westdeutscher und Norddeutscher Rundfunk sowie Süddeutsche Zeitung Kräfte und Kompetenzen. Am Dienstagabend brachten sie die erste große Enthüllung auf den Markt – und berichteten: eine drei Monate alte Geschichte der „Bild am Sonntag“.

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„Der US-Geheimdienst NSA hat offenbar auch den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder abgehört“, sind am Dienstag die ersten Sätze in der 20-Uhr-Tagesschau. „Das ergeben Recherchen des Norddeutschen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung.“ Das Blatt berichtet am nächsten Morgen im Aufmacher der Titelseite und auf zwei weiteren Plätzen von der vermeintlichen Enthüllung. „Nach Angaben aus US-Regierungskreisen sowie von NSA-Insidern war Schröders Konfrontationskurs gegen die USA bei der Vorbereitung des Irakkriegs der Grund für die Überwachung“, schreiben Mascolo, SZ-Investigativ-Chef Hans Leyendecker und Außenpolitik-Leiter Stefan Kornelius.

"Nachrichtenträchtig"

Dass Schröder seit 2002 überwacht wurde, lege eine Abschrift des einschlägigen Snowden-Dokuments nahe, das die Ausspähung von Angela Merkel vermerkt – und das nun „NSA-Insider anders lesen“ als bisher. Nämlich, dass nicht Merkel seit 2002 abgehört wurde, sondern zuerst ihr Vorgänger. Der von fast allen deutschen Medien genutzten Deutschen Presseagentur geht wie üblich eine Kurzfassung der Meldung vorab zu. Sie berichtet von da an fortwährend. Bereits in den Dienstagsausgaben vermelden alle aktuellen Medien – auch diese Zeitung – die vermeintlich neuste NSA-Enthüllung. Erste Politiker empören sich.

Allerdings: Von Schröders Überwachung durch die NSA hatte die „Bild am Sonntag“ bereits am 27. Oktober 2013 berichtet – ebenfalls unter Berufung auf anonyme Geheimdienstmitarbeiter. Der Text ihres Vize-Chefredakteurs Michael Backhaus und ihres Investigativ-Ressortleiters Kayhan Özgenc steht bis heute online. Nur hat bis Mittwochmorgen niemand gesucht.

Aber dann: Im Nachrichtendienst Twitter machen erste User schon am frühen Morgen darauf aufmerksam, dass die Topmeldung vieler Medien drei Monate alt ist. Mittags rudert die dpa zurück: „Stimmt, Fakt ist nicht neu. Befeuert aber neu die Debatte“, antwortet dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger: „Stellen das jetzt klar.“ Die BamS-Meldung im Herbst sei aber bei Weitem nicht so detailliert und konkret gewesen. So sieht es auch der NDR auf Nachfrage der „Frankfurter Rundschau“. Die Mascolo-Quellen hätten eine neue Qualität, weshalb der Sender die Enthüllung „als nachrichtenträchtig eingeschätzt“ habe. Das würde freilich heißen, das NDR-Team kennt die anonymen Bild-Quellen.

Zugriff auf die Tagesschau

Fakt ist, dass von Snowdens Merkel-Dokument zuerst der „Spiegel“ im vorigen Herbst berichtet hatte. Danach kursierte eine Abschrift, die das Nachrichtenmagazin der Bundesregierung zur Prüfung übergeben hatte, sodass es mehrere Zeitungen abdruckten. Die im Aufmachertext der Süddeutschen „enthüllte“ Überwachungsnummer für Schröder (388) ist darauf gut lesbar. Um also das Snowden-Dokument von NSA-Insidern „anders lesen“ zu lassen, brauchte man ausschließlich die NSA-Insider. Und was die erzählten, hatte schon in der BamS gestanden.

Das ist aber auch der „Bild“-Zeitung nicht aufgefallen, deren Wochen- und Sonntagsausgabe getrennte Redaktionen haben. Nicht nur druckte „Bild“ am Dienstag die Agenturmeldung, die sich auf SZ und NDR beruft. Bela Anda, heutiger „Bild“-Vizechef und seinerzeit Schröders Sprecher, twitterte am Dienstagabend: „Wunderlich, das angebliche Abhören vom Schröder-Phone durch die NSA.“

So beweist der erste Scoop des neuen, mächtigen Recherche-Trios zunächst nur seine Marktmacht: Wer direkten Zugriff auf die Tagesschau und eine der größten Zeitungen hat, kann leicht sein Thema auf die Agenda setzen. Auch davor müssen Politiker freilich zittern.

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