Aktuell: US-Wahl | Türkei | Olympische Spiele | Brexit
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

NSA-Affäre
Der US-Geheimdienst NSA hört mit - auch am Handy von Kanzlerin Merkel. Hilft die Äffäre dem Whistleblower Edward Snowden?

13. Januar 2010

OECD-Indikator: Zeitarbeit - ein deutsches Drama

 Von Markus Sievers und Jutta Maier
Die Drogeriekette Schlecker.  Foto: ddp

Zeitarbeiter sind in Deutschland besonders schlecht geschützt. Darauf weist die OECD hin - mit Blick auf die Zustände bei der Drogeriekette Schlecker. Von Markus Sievers und Jutta Maier

Drucken per Mail

Frankfurt a.M. Zeitarbeiter sind in Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht geschützt. Darauf weist die OECD angesichts der Debatte über den Missbrauch der Leiharbeit bei der Drogeriekette Schlecker hin.

"International fällt Deutschland durch eine Zweiklassen-Gesellschaft am Arbeitsmarkt auf", sagte der Sprecher der OECD in Deutschland, Matthias Rumpf, der Frankfurter Rundschau. Laut einem OECD-Indikator gehört die Bundesrepublik beim Kündigungsschutz der Festangestellten zu den drei Mitgliedsländern mit dem höchsten Niveau.

Bei den Zeitarbeitern und befristet Beschäftigten rangiert sie dagegen im Vergleich der 30 OECD-Mitglieder in der unteren Hälfte. Diese Unterschiede beim Kündigungsschutz wirken sich besonders drastisch im Abschwung aus, wenn sich Entlassungen häufen. "In der Bundesrepublik müssen die Beschäftigten ohne Festanstellung mehr noch als in anderen Ländern die Hauptlast der Krise tragen", so Rumpf.

"Kein Einzelfall"

Längst hat der Fall Schlecker eine allgemeine Diskussion über Zeitarbeit angefacht. DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki sagte, Schlecker sei kein Einzelfall und das Vorgehen nicht neu. Der gesetzlich verankerte Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" müsse endlich Realität werden.

Die Drogeriekette hatte am Montag nach massiver Kritik von Politik, Arbeitnehmervertretern und Zeitarbeitsverbänden erklärt, ab sofort keine neuen Verträge mehr mit der Zeitarbeitsfirma Meniar abzuschließen. Zuvor hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Schlecker vorgeworfen, Angestellten zu kündigen und sie über Meniar für etwa die Hälfte des Lohnes in den neuen XL-Märkten wieder anzustellen.

Der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geht Schleckers Einlenken nicht weit genug: Funktionär Achim Neumann wertete das Zugeständnis der Kette, keine neuen Verträge mehr mit Meniar abzuschließen, als "Etappensieg". Es sei nicht gesagt, dass Schlecker nicht auf andere Leiharbeitsfirmen zurückgreife, warnte er. Neumann fordert deshalb einen generellen Verzicht auf Lohndumping.

Zudem müssten die Meniar-Zeitarbeiter mit den Tarifbeschäftigten gleichgestellt werden. Unterdessen hat sich auch der Schlecker-Betriebsrat in die Debatte eingemischt. Die Vorsitzende für den Bereich Dresden, Jeanette Palme, begrüßte, dass Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gegen Lohndumping vorgehen wolle. Man wünsche sich, dass die Parteien lauter würden und in die Offensive gingen, sagte sie.

Das wünschen sich auch die Gewerkschaften, die auf ähnliche Missstände in anderen Branchen verweisen. Nordrhein-Westfalens DGB-Vorsitzender Guntram Schneider sagte den Zeitungen der WAZ-Gruppe, auch in der Metall- und Elektroindustrie oder im Maschinenbau gebe es Betriebe, die Leiharbeitsfirmen gegründet hätten, um die Stammbelegschaften zu ersetzen.

Dieser Prozess sei ein "sozialer Skandal". Der Deutsche Journalistenverband (DJV) forderte, die Leiharbeitpraxis in Verlagen zu prüfen. In manchen Zeitungsredaktionen arbeiteten Journalisten als Leiharbeiter zu deutlich schlechteren Konditionen als Festangestellte.

Auch der Einzelhandelsverband HDE kritisierte den Ersatz regulärer Beschäftigter durch Leiharbeiter bei Schlecker. "Davon distanzieren wir uns aufs Schärfste", so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Dagegen warnte der Bundesverband Dienstleistungswirtschaft (BDWi) die schwarz-gelbe Bundesregierung davor, Zeitarbeit "vorschnell" zu regulieren. Über Zeitarbeit würden viele Arbeitslose zurück in Lohn und Brot finden. "Der Fall Schlecker ist nicht typisch für die Zeitarbeitsbranche." Zeitarbeit sei gerade nach einer Wirtschaftskrise ein wichtiger Beschäftigungsmotor, behauptete BDWi-Präsident Werner Küsters. (mit rtr, afp, ddp)

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Der US-Geheimdienst NSA hört mit - auch am Handy von Kanzlerin Merkel. Hilft die Äffäre dem Whistleblower Edward Snowden?

Fotostrecke
Der Innenminister erläutert. (FR vom 17.7.2013)

Der NSA-Spähskandal weitet sich aus - ein Thema wie gemacht für Karikaturen. Der NSA-Skandal in Karikaturen.