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Soziale Netzwerke: Marktplatz der Eitelkeiten

Im Netzwerk endet die Privatsphäre. Bis zu 90 persönliche Daten fragen soziale Netzwerke ab - dagegen waren die 18 aus dem Volkszählungsbogen von 1987 ein Klacks. Von Tonio Postel

Jeder kennt jeden: Freundschaften im Netz werden schnell geschlossen - können aber auch mit einem Klick wieder beendet werden.
Jeder kennt jeden: Freundschaften im Netz werden schnell geschlossen - können aber auch mit einem Klick wieder beendet werden.
Foto: dpa

Für die Volkszählung von 1987 mussten die Deutschen die Hosen runterlassen. Der Fragebogen erfasste 18 personenbezogene Daten wie Name, Alter, Schulabschluss und Berufsausbildung. Große Teile der Bevölkerung empfanden das damals als Zumutung. Für Hunderte von Bürgerinitiativen war die Preisgabe der persönlichen Daten der erste Schritt zum Überwachungsstaat.

Heute geben fast 70 Prozent aller Deutschen zwischen 14 und 19 Jahren ihre persönlichen Daten ganz freiwillig preis. Laut einer Erhebung des Hightech-Verbands Bitkom pflegten Ende vergangenen Jahres fast 27 Millionen Menschen ein Profil in einem sozialen Netzwerk. Darunter sind vermutlich viele Mehrfachnutzer, so dass die tatsächliche Zahl noch höher liegen dürfte.

Die meisten User geben bei Plattformen wie Facebook, StudiVZ oder MySpace Einblicke in ihr Privatleben. Bis zu 90 persönliche Daten fragen soziale Netzwerke ab - dagegen waren die 18 aus dem Volkszählungsbogen ein Klacks!

Kritiker der heutigen sozialen Netzwerke finden den freizügigen Umgang mit persönlichen Daten vor allem deshalb beunruhigend, weil eine Studie des Fraunhofer-Instituts nahezu allen Anbietern von Facebook bis StudiVZ grobe Mängel in der Datensicherung bescheinigte.

Dass in einem neuen Medium wie den sozialen Netzwerken erst neue Nutzungsgewohnheiten entstehen müssen, ist für Bitkom-Sprecher Florian Koch "normal". Er rät dazu, sich vor der Nutzung mit den Datenschutzbestimmungen aller Betreiber vertraut zu machen. Zudem solle man sich gut überlegen, was man im Internet preisgibt. So können Nutzer den Zugang zu sensiblen Daten und Bildern durch individuelle Einstellungen in Internet-Gemeinschaften reglementieren, sagt Koch. "Viele wissen bereits, was sie selbst in den Communities für ihren Datenschutz tun können", schätzt Koch die Situation ein. "Dennoch gibt es weiterhin großen Aufklärungsbedarf."

Wie könnte die Zukunft der Netzwerke aussehen? Experte Koch ist überzeugt, dass soziale Netzwerke zur Anlaufstelle auch für Unternehmen werden. "Die Unternehmen kommen zu den Menschen, nicht mehr umgekehrt." Er sieht in den Portalen eine Art "modernen Marktplatz". In den Netzwerken sei ein intensiverer Kontakt zu den Kunden möglich. "Firmen könnten beispielsweise neue Mitarbeiter über soziale Netzwerke gewinnen." Bald könnten die Firmenprofile in sozialen Netzwerken eine größere Bedeutung für die Mitarbeitergewinnung haben als etwa Unternehmenshomepages.

Nutzerrechte stärken

Erstmal gilt es aber, die Rechte der Nutzer zu stärken: Der Bundesverband der Verbraucherzentrale (VZBV), erwirkte bereits gerichtliche Unterlassungserklärungen gegen StudiVZ und Co, künftig bestimmte Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen auszusparen. Die Nutzer seien bisher oft benachteiligt worden und die Betreiber hätten Nutzerdaten "weit über den eigentlichen Zweck hinaus" verwendet, hieß es.

Die Internetkontrolleure von jugendschutz.net fordern die Anbieter dringend auf, für ein höheres Maß an "Datensparsamkeit" zu sorgen. Häufig würden bei der Anmeldung Daten von Kindern und Jugendlichen erfragt und ohne Warnung in ihren Profilen sichtbar. Auch sollten mehr Voreinstellungen zum Schutz ihrer Privatsphäre und dem Hinzufügen von Fremdkontakten angeboten werden. Denn Beleidigungen und sexuelle Übergriffe seien im Netz keine Seltenheit.

Erwachsene könnten auf diesem Wege sogar realen sexuellen Missbrauch anbahnen. Anbieter sozialer Netzwerke sollten deshalb unbedingt für ein "umfassendes Moderations- und Kontrollkonzept" sorgen, das zum Beispiel die dauerhafte Anwesenheit von geschulten Moderatoren garantiert. Aber auch den Nutzern sollten technische Hilfen wie eine Ignorier-Funktion und ein Melde-Knopf zur Verfügung stehen, über den im Notfall ein direkter Kontakt zu einem Moderator hergestellt werden kann, fordert Nina Lübbesmeyer von jugendschutz.net.

Autor:  Tonio Postel
Datum:  10 | 2 | 2010
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