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"Hitler besiegen": Sich vom Holocaust lösen

Die Zukunft des Staates Israel: Der Autor Avraham Burg sieht in seinem gerade erschienenen Buch "Hitler besiegen", das Ende des zionistischen Traums. Von Arno Widmann

Ein israelischer Siedler in der Westbank. Was ist nur aus dem zionistischen Traum geworden?
Ein israelischer Siedler in der Westbank. Was ist nur aus dem zionistischen Traum geworden?
Foto: afp

Avraham Burg wurde 1955 als Sohn eines deutschen Holocaustüberlebenden in Jerusalem geboren. Sein gerade im Campus-Verlag erschienenes Buch "Hitler besiegen" ist eine auch ihn selbst nicht schonende Reflexion über die fatale Fixierung des Staates Israel auf den Holocaust. Als das Buch vor zwei Jahren in Israel erschien, wurde Burg als Feind des Landes kritisiert. Das ist nicht verwunderlich. Avraham Burgs Buch ist tatsächlich eine tieftraurige, dabei aber bitter-scharfe "Attacke auf das israelische Experiment".

Hier spricht ein Produkt der israelischen Elite, einer der in ihr aufwuchs und zu einem ihrer beredsten Sprecher wurde. Sein Vater war Josef Burg, prominentes Mitglied der Nationalreligiösen Partei (NRP) und mehrmals Israels Innenminister. Avraham Burg war Berater von Schimon Peres, Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher der Knesset. Seit 2003 hat er sich aus allen Ämtern zurückgezogen und kommentiert die jüngsten Entwicklungen seines Heimatlandes nur noch vom Rande der Verzweiflung aus.

Die Militarisierung Israels

Er hält die zunehmende Militarisierung Israels, die Fixierung der Eliten darauf, den Feind zu besiegen, für eine Entwicklung, die Israel in den Untergang führen muss. Die Gründung des Staates Israel, daran gibt es für ihn keinen Zweifel, hat das "Palästinenserproblem" geschaffen. Er sagt das so: "Wir wissen, dass die Lösung des Shoah-Flüchtlingsproblems das palästinensische Flüchtlingsproblem direkt und indirekt verursacht hat." Der erste Schritt aus der verfahrenen Lage im Nahen Osten wäre, wenn Israel diese Tatsache anerkennen würde. Burgs Buch ist nicht so sehr ein politisches Pamphlet - als solches wird es von seinen Gegnern gelesen -, es ist vor allem der Versuch, nachzudenken darüber, was aus dem zionistischen Traum geworden ist und wie man das dem Untergang zutreibende Israel noch retten kann.

Je mehr die israelische Führung auf Gewalt setzt, je stärker sie zu werden versucht, desto anfälliger und schwächer werden Land, Staat und Bevölkerung. Das Militär hat in Israel immer eine zentrale Rolle gespielt, aber wenn der ganzen Nation beigebracht wird, ihre Lage nur noch unter militärstrategischen Gesichtspunkten zu analysieren, dann muss sie scheitern. Der Staat Israel ist militärisch eine Weile zu halten. Fest verankert werden kann er nur politisch. Das Existenzrecht Israels kann auf Dauer nicht mit Raketen und Atomwaffen gesichert werden, auch nicht von der Europäischen Union oder den USA. Das Existenzrecht Israels wird wie das eines jeden Staates gesichert durch die Anerkennung seiner Bewohner - vielleicht nicht aller, aber doch der überwiegenden Mehrheit - und der Nachbarstaaten. Ohne diese beiden ist Israel zum Untergang verurteilt. Das heißt: Israel muss Frieden schließen mit den Nachbarn und mit den Palästinensern.

Was hat das alles mit dem Holocaust und mit Adolf Hitler zu tun? Jede Bedrohung des Staates Israel wird von der Regierung als eine zweite Shoah, als ein erneuter Vernichtungsversuch des jüdischen Volkes interpretiert. Israel begreift sich als Opfer, und alles, was es tut, ist der Versuch eines Opfers, sich gegen seine Vernichtung zu wehren. Die zentrale Rolle des Holocaust für das israelische Selbstverständnis liegt genau hier. Er rechtfertigt nicht nur die Existenz des Staates, sondern auch alles, was in seinem Namen und zu seiner Verteidigung geschieht. Aber es gibt keinen logischen Nexus zwischen "Nie wieder Auschwitz" und der Förderung der Siedlungen.

Avraham Burg geht es aber gar nicht so sehr um die Logik von Begründungen. Ihm geht es auch nicht vor allem um das, was den Palästinensern angetan wird. Ihm geht es darum, was die Fixierung auf die Shoah mit den Israelis angestellt hat. Die Anschläge der Palästinenser, der wütende Judenhass eines Ahmadinedschad werden so nicht analysiert als Erscheinungen der Gegenwart, als Gefühls-Gemengelagen, die resultieren aus den - nennen wir es mal so - aktuellen Interaktionen der verschiedenen Parteien des Nahen Ostens. Sie werden vielmehr als Reinkarnationen des Antisemitismus der Nazis betrachtet. Sie sind niederzubomben und sonst gar nichts. Avraham Burg ist ein Zionist, der keiner mehr sein will. Denn er hält inzwischen die Idee, die Verteidigung des Judentums vor die Verteidigung der Menschenrechte zu stellen, für fatal.

Ein trauriges Buch

Burg rüttelt auch an der Vorstellung der Einzigartigkeit der Shoah. Er tut es nicht so sehr durch Heranziehung von vergleichbaren Massakern. Er glaubt vielmehr zu bemerken, wie die Vorstellung der Einzigartigkeit der Judenvernichtung taub macht gegenüber dem Leiden anderer. "Wir haben das ,Nie wieder für uns ermöglicht. Aber was ist mit dem Nie wieder für andere? Diese Apathie gegenüber dem Schicksal anderer wurde in erster Linie durch das Betriebssystem ermöglicht, das bei meiner Geburt in mir installiert wurde. Der Holocaust gehört uns, und alle anderen Morde in der Welt sind normale Übel, kein Holocaust. Und wenn es kein Holocaust ist, geht es mich nichts an Für uns ist die Shoah einmalig in der Weltgeschichte. Sie ist die logische Zuspitzung des Antisemitismus. Wir haben nie versucht, unsere Shoah als Ereignis im historischen Kontinuum anderer zu sehen." Bei uns wird die Einzigartigkeit so betont, um die besondere - sie von allen Nationen unterscheidende - Schuld der Deutschen herauszustreichen. Burg will indes wissen, was die Vorstellung der Einzigartigkeit nicht der Täter-, sondern der Opferrolle für die Nachfahren der Opfer und für den sich in dieser Nachfolge verstehenden jüdischen Staat bedeutet. Sein Buch ist ein bitterer Abschied vom Zionismus, in dem er aufgewachsen war und den er befördert hatte. Es ist ein trauriges Buch, gerade weil Burg sich solche Mühe macht, weiter Hoffnung zu haben, zu zeigen und zu wecken.

Burgs "Hitler besiegen" ist eines der wichtigsten Bücher dieser Jahre. Wer eine Ahnung von der israelischen Reaktion auf sein Buch erhalten möchte, der lese das Interview, das Ari Shavit vor zwei Jahren mit ihm in Haaretz führte (www.hagalil.com).

Autor:  Arno Widmann
Datum:  7 | 10 | 2009
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