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Bericht aus Libyen: "Niemand spricht von Demokratie"

Geo-Redakteurin Gabriele Riedle ist gerade aus Libyen zurückgekehrt. Im Gespräch mit der FR erklärt sie, warum es unter Gaddafi zu einer Re-Islamisierung kam, und warum die Vorstellung, es könne bei den Protesten um Demokratie gehen, Wunschdenken à la CNN ist.

Moammar Gaddafi galt mal als Modernisierer: Davon zeugt auch seine weibliche Leibgarde in moderner Uniform - ohne Kopftuch.
Moammar Gaddafi galt mal als Modernisierer: Davon zeugt auch seine weibliche Leibgarde in moderner Uniform - ohne Kopftuch.
Foto: dpa

Frau Riedle, was haben Sie von den Unruhen miterlebt?

Oh, ich habe mitdemonstriert! Die Faust mit dem grünen Fähnchen in die Höhe gereckt und das „Grüne Buch“ Gaddafis in der anderen Hand.

Wie bitte? Für Gaddafi?

Zwangsweise. Wenn man von drei Geheimdienstlern beschattet wird, macht man lieber harmlos. Meine „Begleiter“ sahen aus wie aus dem Bilderbuch: lange schwarze Mäntel und Sonnenbrillen, damit man sie auch erkennt. Die machten Fotos von mir, da winkte ich eben mit meinem Gaddafi-Fähnchen nett in die Kamera.

Was hat Sie überhaupt nach Libyen getrieben?

Ich wollte wissen, wie so ein Land aussieht, das noch immer ganz anders funktioniert als die meisten anderen. Bis vor kurzem noch zählte Libyen zu den Schurkenstaaten, die Terroristen unterstützen und von dem auch selbst Terrorattentate ausgeübt werden, Stichwort Lockerbie. Es war komplett abgeschottet. Mittlerweile ist Libyen ja wieder in die sogenannte internationale Staatengemeinschaft zurückgekehrt. Die Amerikaner haben wieder eine ansehnliche Botschaft in Tripolis, wir auch und Gaddafi hängt dauernd mit Berlusconi rum.

Hat Gaddafi nicht auch mal deutsche Geiseln freigekauft?

Ja, das war ein entscheidender Punkt. Der zweitälteste Sohn Gaddafis, Seif al Islam, Schwert des Islam, der lange als Thronfolger galt und als Reformer, hat damals das deutsche Ehepaar von der Insel Jolo rausverhandelt. Gleichzeitig wurden inzwischen die Lockerbie-Opfer wurden entschädigt. Und es gibt zwar keine freie Marktwirtschaft, aber ausländische Unternehmen können sich engagieren und mit bis zu 49 % an Firmen beteiligen, wirtschaftliche Kooperation wird schon hoch gehängt. Außerdem ist Libyen für den Westen ein wichtiger Außenposten, von dem schwarzafrikanische Flüchtlinge und Migranten nach Europa aufbrechen – oder eben nicht.

Das erledigt sich ja inzwischen über Tunesien. War es für Sie schwierig rein zu kommen?

Es hat über acht Monate gedauert, bis ich ein Visum erhielt. Die lassen ja so gut wie keine ausländischen Journalisten hinein. Bis auf ein paar arabische Kollegen waren wir jetzt die einzigen. Wenn die Regierung gewusst hätte, wie sich das alles entwickelt, hätte sie uns bestimmt nicht einreisen lassen.

Zur Person

Gabriele Riedle ist Redakteurin beim Reportagemagazin Geo. Für eine seit langem geplante Recherche war sie soeben drei Wochen in Libyen – als einzige westliche Journalistin im Land. Am vergangenen Freitag kam sie zurück. (FR)

Wurden Sie beaufsichtigt?

Schon am Flughafen wurden der mit mir reisende Fotograf und ich von einem Bewacher vom Informationsministerium abgeholt. Der folgte uns auf Schritt und Tritt, wir mussten ihm ja auch die ganze Reisebegleitung bezahlen, Inlandsflüge, Hotels usw., das ist so üblich. Er hat uns behindert, wo es ging. Irgendwie haben wir es geschafft, nach Benghazi zu fliegen und weiter nach Al-Bayda zu fahren, das sind die wichtigsten Städte im Osten, über 1000 km von Tripolis, da, wo es jetzt am heftigsten abgeht. Wir waren am Stadtrand untergebracht und quasi im Hotel eingeschlossen. Unser Übersetzer hat dann den Bewacher mit „Fotos von schönen Frauen“ abgelenkt, damit wir überhaupt raus konnten. Gleichzeitig waren im Hotel schon örtliche Geheimdienstleute aus Al-Bayda erschienen, um unseren Bewacher zu überwachen. Es gibt ein unglaublich enges Spitzelnetz, in dem sich alle gegenseitig bespitzeln. Alle haben Angst und alle erzählen einem, dass Gaddafi der Größte ist.

Und was haben sie dort dann gesehen?

Schon vorletzte Woche, bevor es richtig losging, war alles voller Polizei. Und wir haben gesehen, dass unglaublich viel gebaut wird. Am Stadtrand, mitten im Nichts stellen da chinesische Baubrigaden riesige Siedlungen hin, natürlich ohne Infrastruktur. Denn vereinfacht gesagt, funktioniert Libyen so: Auf der einen Seite gibt diesen monströsen Repressionsapparat und auf der anderen ein System von Wohltaten aller Art. Diese Neubauwohnungen gehören dazu, sie können extrem billig und mit zinsfreien Krediten gekauft werden, die unter Umständen nicht einmal zurückbezahlt werden müssen, die Grundnahrungsmittel werden subventioniert, der Sprit, Arbeitslose werden für Jobs bezahlt, die gar nicht existieren. Solche netten Zuwendungen sind besonders im Osten wichtig, um die Leute dort bei Laune zu halten. Dieser Osten war schon immer rebellisch. Dort sitzen große und mächtige Stämme und die können nicht leiden, dass im Westen einer von einem kleinen anderen Stamm, nämlich Gaddafi, alle Macht hat. Und sie sind extrem konservativ. Die Frauen laufen dort total verhüllt herum, was auch eine Form von Protest ist. Revolutionsführer Gaddafi hatte ja ursprünglich den Kopftuchzwang abgeschafft.

Libyen - ein Land im Bürgerkrieg

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Datum:  21 | 2 | 2011
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