Das Kuratorium der 37. Römerberggespräche hat eine gute Wahl mit dem diesjährigen Thema getroffen. Unter dem Titel "Die Krise des Überblicks" wurden Berufsgruppen zum Thema gemacht, die sich wie keine anderen blamiert haben in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise - die Ökonomen, Wirtschaftsexperten, Prognostiker und Analysten.
Zuerst referierte der Frankfurter Philosoph Martin Seel über "Illusionen des Überblicks". In seinem luziden Vortrag machte er deutlich, dass ein totales Wissen weder möglich noch wünschbar ist. Unmöglich ist totales Wissen, weil jedes Wissen selektiv ist und nicht alles umfasst, also prinzipiell unvollständig bleibt. Nicht wünschbar ist totales Wissen, weil es die Menschen der Chance berauben würde, aus Freiheit zu handeln. Statt der Illusion eines vollständigen Überblicks nachzutrauern, plädierte Seel dafür, sich mit der Condition humaine abzufinden, sich von der Illusion des Überblicks zu verabschieden und sich auf Umsicht, Bescheidenheit und Selbstreflexion einzustellen. Wie umfassend das Wissen auch sei, für den Handelnden bleiben immer Alternativen und Risiken, kurzum die Freiheit der Wahl. In diesem Sinne bleiben Menschen "zur Freiheit verdammt" (Jean-Paul Sartre).
Der Soziologe Michael Hartmann erinnerte in seinem mit Verve vorgetragenen Referat an ein paar Selbstverständlichkeiten, die vom ökonomischen Expertentum, das sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einer Sekte entwickelte, als veraltetes Denken verspottet wurden. Wirtschaftliche Prognosen wie wirtschaftspolitische Programme beruhen immer auf ethisch-moralischen Normen, die in der Regel nicht expliziert, sondern als "natürlich" oder "normal" in den Diskurs eingeführt werden. Und - so Hartmann wörtlich - Prognosen und Programme sind eingebettet in gesellschaftliche Macht, wirtschaftliche und soziale Interessen und politische Herrschaft.
Die Realisierungschancen von Prognosen steigen, je mehr sie sich mit den Interessen der sozialen Eliten decken. Hartmann leitete das stringent her aus der Homogenisierung der tonangebenden Eliten, in denen sich eine Normalisierung und Uniformierung des Denkens durchgesetzt hat.
Wie tiefgreifend die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise ist, kann man daran ablesen, dass sie auch ingeniöse gesellschaftstheoretische Konzepte tangiert und blamiert. Der Münchener Soziologe und Unternehmensberater Armin Nassehi versuchte, das kapitalistische System noch einmal mit den Begriffsklötzchen aus Niklas Luhmanns Systembaukasten zu rekonstruieren. Das wirkte auf viele Zuhörer wie eine unbeabsichtigte Parodie. "Das System tut", wie Luhmann sagte, "was das System tut". Das reale Teilsystem Wirtschaft ist momentan aber nicht dabei - wie theoretisch vorgesehen -, Knappheit zu reduzieren, Gewinne zu erzeugen und seine Selbsterhaltung und Selbststeuerung zu organisieren, sondern arbeitet an seiner Selbstzerstörung und sucht Hilfe bei "Vater Staat", was bis vor Kurzem bei Neoliberalen und Systemtheoretikern noch als Sakrileg galt. Nassehis Referat belegte einen beachtlichen Kollateralschaden der Krise: Sie hat halbe Bibliotheken systemtheoretischer Prosa zu Makulatur gemacht: "Die Politik kann die Wirtschaft bestenfalls in der Weise beeinflussen, dass sie ihr Geld entzieht", hieß es bis gestern.
Was jenseits des systemtheoretischen Schematismus real abläuft, erläuterte der Ökonom Martin Hellwig, Mitglied im Lenkungsrat, der die staatlichen Mittel zur Rettung privater Banken und Betriebe verteilt. So wie es jetzt aussieht, wird der Steuerzahler für die immensen Verluste aufkommen müssen, die private Banken und staatliche Landesbanken verursacht haben. Hellwig unterschied in seiner Analyse zwischen Fehlverhalten von Bankern, die kriminell genannt werden müssen, und Systemfehlern, das heißt mangelnder Kontrolle und Regulierung. Die Pointe dabei ist, dass es den Banken bei vielen Regulierungsvorschriften gelungen ist, den Behörden ihre eigenen Vorstellungen als die "richtigen" und "praktikablen" einzureden. Kontrolldefizite dagegen beruhen fast immer auf Politikversagen.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer diagnostizierte im Unterschied zu allen anderen Referenten keine allgemeine Krise des Überblicks und reklamierte für sich, die Funktionsgrenzen des Systems zu kennen. Er ortete diese nicht im kapitalistischen System, sondern in den Krisen des Klimas, der Wasser- und Energieversorgung sowie der Biodiversität. Von diesen Krisen her drohe eine Implosionsgefahr, aber nicht von der Wirtschaft.
Auf die ausführliche Explikation seiner Prognose darf man gespannt sein: Welzer meint, dass - nachdem das europäisch-amerikanische Erfolgsmodell des Ressourcenimports von der Peripherie und des Problemexports in die Dritte Welt an ihr Ende gelangt seien - nur noch Problemverschiebungen auf der Zeitachse, das heißt in die Zukunft und auf Kosten kommender Generationen möglich seien. Was die Schuldenlast betrifft, widersprach der Ökonom Hellwig dem Sozialpsychologen: Auf den Schulden und den Problemen, die sie mit sich bringen, werden primär die schon geborenen Steuerzahler sitzen bleiben.