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Afghanistan-Krieg: Der Sumpf könnte zum Blutbad werden

Die Politik von US-Präsident Obama lässt den Krieg in Afghanistan eskalieren: Die "Kampfsaison" ist längst nicht mehr nur auf die Sommermonate beschränkt und die Kosten explodieren. Von Tom Hayden

Angst und Druck in Afghanistan.
Angst und Druck in Afghanistan.
Foto: rtr

Der neue Ansatz in der Afghanistan-Politik der Nato ist auch der Tatsache geschuldet, dass Europäer und Kanadier gegen eine Truppenaufstockung sind. In Deutschland sprachen sich 71 Prozent dagegen aus, in England waren es 56 Prozent und in Frankreich sogar 82 Prozent. Kanada bereitet seinen Truppenabzug für 2011 vor, und der Druck auf andere Nato-Länder steigt, ebenfalls abzuziehen.

Die Ausweitung seit Obamas Amtsantritt hat schon zu erheblichen Verlusten bei US- und Nato-Truppen geführt, die sich durch eine weitere Aufstockung noch verschlimmern werden. Bis jetzt sind in diesem Januar 25 Amerikaner und 12 Europäer und Kanadier gestorben. Im Januar letzten Jahres waren es 24 Amerikaner und 9 Europäer und Kanadier. Der Anstieg um 12 Prozent zeigt, dass die "Kampfsaison" in Afghanistan inzwischen nicht mehr nur auf die Sommermonate beschränkt ist.

Zur Person

Tom Hayden, Jahrgang 1939, ist seit den 60er Jahren einer der bekanntesten Sprecher der US-Bürgerrechtsbewegung. Von 1973 bis 1990 war er mit Jane Fonda verheiratet. Hayden war von 1982 bis 2000 Abgeordneter der Demokratischen Partei im Parlament von Kalifornien. Für den hier abgedruckten Artikel recherchierte Emily Walker vom Peace and Justice Ressource Center. fr

25 Tote mögen im so genannten Krieg gegen den Terror gering erscheinen, aber die Zahlen steigen. Bis jetzt liegt die Zahl der amerikanischen Toten bei 972 und wird in den nächsten Wochen die Tausend überschreiten. Wenn es so weiter geht, werden weitere 1000 amerikanische Soldaten sterben, bis Obama seinen für Sommer 2011 geplanten Truppenabzug beginnt. Die Anzahl der amerikanischen Verwundeten ist im letzten Sommer auf 350 pro Monat angestiegen. Die Zahl der europäischen und kanadischen Toten hat sich innerhalb nur eines Jahres verdoppelt und liegt inzwischen bei 617.

Erhöhter Inflationsdruck

Bis jetzt hat der nun acht Jahre dauernde Krieg 250 Milliarden Dollar gekostet. Bis zum Ende von Obamas zweiter Amtsperiode werden die Kosten in die Billion gehen und so Obamas innenpolitische Finanzierungspläne über den Haufen werfen und nebenbei den Inflationsdruck erhöhen.

Besonders in Deutschland scheiden sich die Geister, da die Verfassung einen Truppeneinsatz zu Angriffszwecken verbietet. Trotzdem ordnete ein deutscher Kommandeur am 4. September 2009 einen Luftangriff an, bei dem 142 afghanische Zivilisten ums Leben kamen. 850 zusätzliche Soldaten will die Bundesregierung nach Afghanistan schicken. Dann wären mehr als 5000 deutsche Soldaten am Hindukusch. Deutschland will die Ausbildung von weiteren 30000 afghanischen Polizei- und Militärkräften übernehmen, was einer Verdopplung der gegenwärtigen Leistung entspräche. Die Regierung Karsai erregte vor kurzem mit der Voraussage Aufsehen, die Nato werde noch bis 2024 in Afghanistan bleiben, um die noch langen schwachen Sicherheitskräfte des Landes weiter auszubilden und zu unterstützen.

Die gegenwärtigen Gespräche über Verhandlungsstrategien widersprechen zwar der neokonservativen Doktrin des Anti-Terror-Krieges, aber deswegen braucht man sich noch lange keine Hoffnungen auf Frieden machen. Im Gegenteil, Obama und das Pentagon bereiten sich auf einen brutalen Konflikt vor, in dem 18 bis 24 Monate lang unter Einsatz von Drohnen und Spezialkommandos die Taliban solange attackiert werden sollen, bis sie ein Friedensabkommen nach amerikanischen Bedingungen akzeptieren und seelenruhig dabei zusehen, wie Karsais afghanische Armee stark gemacht wird.

Hier tut sich eine tiefe Kluft auf. Die Taliban, die Regierung Karsai, einige europäische Länder und die Friedensorganisationen sind sich alle einig, dass die USA und die Nato einen verbindlichen Termin für den endgültigen Abzug ihrer Streitkräfte festsetzen sollten und dass unabhängige Friedenstruppen eingesetzt werden müssen.

Des Weiteren sollten Taliban-Anführer wie etwa Mullah Omar, die derzeit ihr Hauptquartier im pakistanischen Grenzgebiet Belutschistan aufgeschlagen haben, bei Verhandlungen einbezogen werden. Diese verlangen eine Aufhebung der so genannten Schwarzen Liste, auf der die Vereinten Nationen 144 Taliban-Anführer aufführen, die als kriminell eingestuft werden und keine Reisegenehmigung erhalten dürfen. Bis zur Aufhebung dieser Liste werden keine Verhandlungen aufgenommen.

Friedensaktivisten verlangen außerdem, dass 750 Gefangenen, die seit langem in Untersuchungshaft sitzen, endlich ein ordentlicher Prozess gemacht wird, um ein zweites Guantánamo zu verhindern. Die Taliban haben in letzter Zeit ihr Entgegenkommen signalisiert und angedeutet, dass sie sich von El Kaida distanzieren würden, wenn ihnen eine politische Machtposition im zukünftigen Afghanistan zugesichert werden könne. Die USA und auch viele Mitglieder der Nato weigern sich hingegen, einen Termin für den Truppenabzug festzusetzen, obwohl Obama seinerseits einen Zeitrahmen angegeben hat, innerhalb dessen mit dem Abzug zumindest begonnen werden soll. Die USA haben von Pakistan verlangt, Mullah Omar und die Taliban-Führung in Belutschistan zu "eliminieren"; ansonsten wolle man die Genehmigung, selbst einen Militärschlag auf das Taliban-Hauptquartier durchführen zu dürfen. Nicht nur US-Verteidigungsminister Robert Gates betont in den letzten Monaten immer wieder, dass die Taliban mit El Kaida verbündet seien. Verhandlungsangebote von amerikanischer Seite wenden sich derzeit stets nur an Taliban-Kämpfer der niederen Ränge, die in afghanischen Dörfern sitzen.

Der herrschende Sumpf wird möglicherweise zu einem Blutbad werden, wenn 2011 Obamas versprochener Truppenabzug beginnen soll. Die Europäer und Kanadier werden dann schon abmarschbereit sein und bestimmt wenig Lust haben, noch länger zu bleiben. Das Pentagon aber und die Organe der inneren Sicherheit könnten bei einem amerikanischen Abzug Alarm schlagen, was Obama und die Demokraten vor eine kritische Entscheidung stellt, wie sie 2012 in den Wahlkampf gehen wollen: Einerseits ist die Situation in Afghanistan völlig verfahren, und andererseits stößt ein Rückzug auf inneren Widerstand.

Übersetzung aus dem Englischen: Andrian Widmann

Autor:  Tom Hayden
Datum:  30 | 1 | 2010
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