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Einsatz für das leidende Leben: Alles nach Gottes Willen

Ihr Weg zum Heil führt über die Identifikation mit dem erniedrigten und beleidigten, gefolterten und gemarterten Christus: Heute wäre Mutter Teresa 100 Jahre alt geworden

Würde ich jemals eine Heilige, ich würde sicher eine Heilige der Finsternis, schrieb Mutter Teresa 1962.
"Würde ich jemals eine Heilige, ich würde sicher eine Heilige der Finsternis", schrieb Mutter Teresa 1962.
Foto: REUTERS

Am 6. März 1962 schrieb die einundfünfzigjährige Mutter Teresa an Pater Joseph Neuner: „Würde ich jemals eine Heilige, ich würde sicher eine Heilige der Finsternis. Ich würde im Himmel immer fehlen, um denen das Licht zu bringen, die auf der dunklen Erde sind.“ Ein schönes Zitat. Es hat den Makel oder auch – je nach Standpunkt – das Verdienst, zu zeigen, dass auch die christliche Demut sich zu einem Ehrgeiz entwickeln kann, der mit der größten Selbstverständlichkeit selbst die Himmels- in eine Karriereleiter verwandelt.

Das Zitat zeigt freilich auch eine Seite der seligen Mutter Teresa, die die ferneren Betrachter kaum zu sehen bekamen: ihren Humor. Die von ihr skizzierte Szene erinnert an den wunderbaren, von Ludwig Thoma erfundenen „Münchner im Himmel“, entstanden ein Jahr nach Mutter Teresas Geburt. Der wurde bekanntlich nach seinem Tode zum Engel Aloisius ernannt, auf eine Wolke gesetzt, mit einer Harfe ausgestattet und sollte „frohlocken“. Dem konnte er nichts abgewinnen und so zog er wieder – mit Gottes Einverständnis – in sein geliebtes Hofbräuhaus.

Mutter Teresa wurde am 26.August 1910 in Üsküb, dem heutigen Skopje, als Angehörige der albanischen Minderheit geboren. Getauft wurde sie auf den Namen Agnes Gonxha (Knospe) Bojaxhiu. Heute hat die Stadt etwa 500 000 Einwohner und ist die Hauptstadt von Mazedonien. Um 1900 waren es 30- bis 40 000. Die Biographie Mutter Teresas ist balkanisch vermintes Gelände. Wer eine andere Variante ihrer Herkunftsgeschichte lesen möchte, dem sei Wolf Oschlies’ „Mutter Teresa – Die Jugend in Skopje“ empfohlen. Es hielt sie nicht lange in Skopje. Mit 18 war sie Loretoschwester in Bengalen. Dort wurde sie Nonne und Lehrerin. 17 Jahre lang war sie Letzteres und das offensichtlich so sehr zur Zufriedenheit ihrer Oberen, dass sie Direktorin einer Schule mit mehr als 300 Schülern wurde.

Vom 16. bis zum 19. August 1946 kam es in Kalkutta zu den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems, die als das „Great Culcutta Killing“ in die Geschichtsbücher eingingen. 5000 Tote und wohl zehnmal so viele Verletzte. Es ging darum, wer im zukünftigen Indien das Sagen haben sollte. Radikale Moslems und radikale Hindus wollten für den Fall, dass die Engländer abzögen, Fakten schaffen.

Nicht einmal drei Wochen später, am 10. September 1946, hatte Mutter Teresa eine Erscheinung: Jesus forderte sie auf, die Schule Schule sein zu lassen und in die Slums zu gehen. Das war der Wendepunkt im Leben der Nonne aus Skopje. Oft wurde gesagt, der Friedensnobelpreis habe ihr nicht zugestanden. Sie hätte es mit Arm und Reich zu tun gehabt, nicht mit Krieg und Frieden. Aber selbst wer nicht an die Möglichkeit eines Zusammenhanges von beidem glaubt, muss doch sehen, dass ihre Vision Mutter Teresas Antwort – in ihren Augen: Gottes Antwort – auf einen Krieg war.

Sie ging in die Slums. Nicht als Sozialarbeiterin, sondern als eine, die es ihrem Gott gleichtun wollte. Um die Nachfolge Christi ging es ihr. Die bestand nicht – wie wir gerne glauben – in erster Linie darin, Gutes zu tun. Sondern Nachfolge Christi hieß für sie: Armut und Gebet. Armut nicht als abzuschaffendes Übel, sondern als Ideal, als der Aggregatzustand, in dem der Mensch Gott am nächsten ist. Vorausgesetzt, er verbindet sie mit der Unterwerfung unter Gottes Willen, mit einem absoluten Gottvertrauen. Gottvertrauen zeigt sich darin, dass man nicht nur den Mut hat, sich in Gefahren zu begeben, sondern auch in der Gewissheit, dass nichts geschieht ohne den Willen Gottes. Das bedeutete auch, dass es für Mutter Teresa wichtiger war, für die Kranken zu beten, als etwa Spritzen zu sterilisieren.

1948 war Mutter Teresa indische Staatsbürgerin geworden. 1950 gründete sie den Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Heute hat der Orden 3000 Ordensschwestern und über 500 Ordensbrüder in 710 Häusern in 133 Ländern der Erde (Wikipedia). Niemand hat die Geschichte dieses global agierenden Caritas-Konzerns geschrieben, die ja auch die Geschichte eines ganz außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolges ist. Im Zentrum der Arbeit des Ordens steht nicht das Karitative, sondern die Idee, Gott mit der Welt zu versöhnen durch das Gebet und das eigene gottesfürchtige Leben. Die Menschheit wird nicht dadurch erlöst, dass sie Gutes tut, sondern indem sie sich der Gnade des Gottes der Mutter Teresa ausliefert. Der Mensch als Lamm Gottes, als Opfertier. Wann immer es in ihrem Orden Tendenzen gab, in der Arbeit am Nächsten die Hauptsache zu sehen, trat Mutter Teresa ihnen entgegen.

Die Theologie der Mutter Teresa ist Kreuzestheologie. Der Weg zum Heil führt über die Identifikation mit dem erniedrigten und beleidigten, gefolterten und gemarterten Christus. Nicht der Kampf gegen das Leid befreit, sondern das Leiden. Der Einsatz der Mutter Teresa galt nicht dem Leben, sondern dem leidenden Leben. Das macht ihre Stärke und ihre Faszination aus. Das ist aber auch der Grund, warum, wer das Leben liebt, ihr nicht folgen wird. Zu sehr ist sie eingekapselt in dieses Leiden, zu offensichtlich zieht sie Genuss aus ihm.

Zu diesem Leiden gehört das Leiden am eigenen Ungenügen. Die Selbstkasteiung. Bis hin zu den Attacken des Unglaubens. Das sind nicht Momente aufgeklärter Vernunft, sondern Ausbrüche tiefster Verzweiflung. Immer wieder die Angst, dass doch kein Gott sei, dass keine Hand heraushilft aus der Finsternis, in die sie sich – glaubensstark – gestürzt hat. Die wahre Finsternis ist ihr und ihrer Kirche ja nicht Armut und Verzweiflung, Krankheit und Tod, sondern die Gottesferne. Für andere beginnt erst da der Weg ins Freie.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  25 | 8 | 2010
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