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Am Börneplatz mit Nikolaus Hirsch: Die Dinge an ihrem Platz

Ein Besuch des Frankfurter Börneplatzes mit seinem Architekten Nikolaus Hirsch: Die Gedenkstätte für die ermordeten Frankfurter Juden entwarf er bereits 1992. Ein Gespräch an Ort und Stelle. Von Christian Thomas

Nikolaus Hirsch entwarf die Gedenkstätte für die ermordeten Frankfurter Juden 1992, 1996 wurde sie realisiert
Nikolaus Hirsch entwarf die Gedenkstätte für die ermordeten Frankfurter Juden 1992, 1996 wurde sie realisiert
Foto: Arnold/FR

Nikolaus Hirsch kam direkt von unterwegs. An seiner Schulter hing seine Reisetasche. Ich hatte mich, damit er mich schon von weitem sehen konnte, unter die blauen Straßenschilder gestellt, auf denen auf vielleicht zwei Quadratmetern die Namen versammelt sind: Judenmarkt 16. Jhdt. - 1885. Börneplatz 1885 - 1935. Dominikanerplatz 1935 - 1978. Börneplatz 1978 - 1987. Neuer Börneplatz seit 16.6. 1996.

Wir gaben uns die Hand. Nikolaus Hirsch trug über seinem dünnen schwarzen Sakko eine dünne schwarze Regenjacke. Man weiß ja nie. Abgesehen davon komme er direkt aus der Schweiz, vom Bahnhof. Erstmals stellte er die Tasche ab. Auch da knirschte der graue Schotter. Auf dem losen Untergrund des Börneplatzes ist zu hören, wenn der Boden nachgibt.

Zur Person

Nikolaus Hirsch, Jahrgang 1964, wird im Herbst neuer Rektor der Frankfurter Städelschule. Als Architekt (u. a. Neue Synagoge Dresden) lehrt er in London und Harvard. Büros Wandel, Hoefer, Lorch. fr

Der Architekt und designierte Direktor der Städelschule, Nikolaus Hirsch.
Der Architekt und designierte Direktor der Städelschule, Nikolaus Hirsch.
Foto: Arnold/FR

Wo wollen wir anfangen? Ich schlage vor, sagte Nikolaus Hirsch, dass wir noch einmal zurückgehen. Damit meinte er in die Richtung, aus der er quer über den Platz gekommen war, die grau verputzte Mauer im Rücken, vorbei an den Platanen. Als ich ihr Blätterdach sah, ging ich im Kopf noch einmal die Verse von Paul Celan durch, seine Gedanken über den millionenfachen Mord: ".... dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng." Ich wollte Nikolaus Hirsch auf Celans Gedanken an die Luftgräber ansprechen, nicht sofort, aber auf jeden Fall.

Wir liefen auf die Mauer zu. Ob er immer noch so viel unterwegs sei? Ach, das sei relativ. Links die Backsteinwand des fülligen Stadtwerkegebäudes, rechts der Gedenkort, der dem Historismus der Frankfurter Postmoderne abgetrotzt wurde. Zwei Erwachsene, zwei Kinder, wahrscheinlich eine Familie, wurden von einem Mann die Friedhofsmauer entlang dirigiert. Ich fragte Nikolaus Hirsch, ob er auch in der Schweiz baue? Nein, er habe seine Mutter besucht.

Arbeit an Schnittstellen

Nikolaus Hirsch, Jahrgang 1964, wird von Herbst an die Städelschule in Frankfurt leiten, löst als Rektor Daniel Birnbaum ab. Mit der Gestaltung des Gedächtnisortes Börneplatz machte er sich 1996 erstmals einen Namen. An diesem Ort legte er (als Partner des Büros Wandel, Hoefer, Lorch ) den Grundstein für zahlreiche seiner Erinnerungsanstrengungen. Nikolaus Hirsch zögert. Grundstein? Er sagt: Mich interessiert die Schnittstelle von Architektur und Kunst.

Der Neubau der grandiosen Synagoge in Dresden war so eine Arbeit an der Schnittstelle. Auch der Bau weiterer Erinnerungsorte, ebenfalls mit dem Büro Wandel, Hoefer, Lorch, verschafften ihm den Vorsitz in der Wettbewerbsjury für die "Topographie des Terrors" in Berlin. Im Jahr 2000 bekam er eine Professur an Londons Avantgarde-Schmiede, der AA, heute lehrt er gleichzeitig im noblen Harvard und im Not leidenden Indien. Frankfurt ist ein gutes Pflaster, des Flughafens wegen, sagt er. Identität durch Unterwegssein.

Etwa hier, zeigt Nikolaus Hirsch auf den Asphalt. Beim Aushub der Fundamente des heutigen Stadtwerkegebäudes stieß man in der 80ern auf Reste des jüdischen Ghettos. Was heute als Gedenkort selbstverständlich scheint, wurde verbissen bekämpft von der Politik. Für Baustopp-Appelle verharrten Frankfurter Bürger auch nachts auf dem Bauplatz, zu zivilem Ungehorsam riefen prominente Frankfurter auf. Eva Demski sprach davon, "wie vollkommen verächtlich es wäre, diese Steine und Spuren nach den Nutzungsbedürfnissen irgendeiner Behörde zurechtzstutzen." Walter Boehlich schrieb über "Das Loch von Frankfurt": "Was die Dinge einmal waren, können sie nur an Ort und Stelle bleiben."

Direkt gegenüber dem Bauplatz von 1986, unweit der niedergebrannten Synagoge von 1936, im Dominikanerkloster lud das Börneplatz-Bündnis zum Widerspruch gegen eine Politik ein, wie sie sich in Sätzen des hessischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann (CDU) manifestiert hatte: "Wir brauchen an dieser Stelle kein Mahnmal, denn die gefundenen Fundamente sind kein Anlass zur Scham."

Die Straßenbahn erschütterte die Straßenfundamente, wir stehen an der Kreuzung Kurt-Schumacher-Straße, Berliner Straße, Battonnstraße. Und tatsächlich, in das Klingeln einer Tram hinein fällt der Satz, dass der Straßengrundriss an dieser Stelle der Stadt nicht mehr vorhanden sei. Dabei sind es die Grundrisse der Städte, aus denen man deren Geschichte herauslesen kann. Doch an dieser Kreuzung Frankfurts lässt sich nichts mehr beglaubigen. Nichts ist geblieben, der Gehweg schon lange kein Trottoir mehr. Auch hier hat eine geschichtserpichte Postmoderne, die in Frankfurt ganz weit vorne weg war, planiert. Oft, sagt Hirsch, spreche man von Rekonstruktion, ohne auf vorhandene Reste zurückgreifen zu können.

Der Asphalt weist keinerlei Erinnerungsspuren auf, bloß die Abnutzungsspuren des Verkehrs. Allein einige vor wenigen Jahren nachgeholte Hinweise im Gehweg liefern Anhaltspunkte, direkt vorm Eingang des Jüdischen Museums, unter den Arkaden der Stadtwerke. Streifen aus Metall markieren im Fußweg den Verlauf der Fassadenfront der Ghettohäuser. Wäre der Fußgänger barfuß, wären die Reliefs unter den Sohlen zu spüren.

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Autor:  Christian Thomas
Datum:  22 | 6 | 2010
Seiten:  1 2
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