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Amazonas-Volk der Pirahã: Ein Leben ohne Nebensätze

Sie kennen kein gestern und kein morgen: Ex-Missionar Daniel Everett schildert, wie das Amazonas-Volk der Pirahã mit einer radikal übersichtlichen Grammatik der Hauptthese Noam Chomskys widerspricht. Von Petra Kohse

Das Amazonas-Volk der Pirahã .
Das Amazonas-Volk der Pirahã .
Foto: Toninho Muricy

Die Amazonas-Indianer vom Stamm der Pirahã sind glückliche Menschen. Dabei sind ihre Hütten nur bessere Unterstände, sie haben kaum Handwerk und weder Medizin noch ausreichend Kleidung. Der Tauschhandel, den sie mit ihren Nachbarn treiben, fällt meist zu ihrem Nachteil aus, weil sie nicht rechnen können. Entsprechend gering ist ihr Ansehen in der Region.

Aber die Pirahã, die in verstreuten Dörfern am Maici leben, einem Neben-Nebenfluss des Madeira, halten ihr Leben nicht für verbesserungsbedürftig. Denn es ist ihnen - und das unterscheidet sie vermutlich vom gesamten Rest der bekannten Menschheit - egal, was Leute sagen, die sie nicht kennen. Und sie machen sich auch keine Sorgen um die Zukunft.

Bei den Pirahã, von denen es etwa 350 gibt, zählt nur das Hier und Jetzt. Das schlägt sich auch in ihrer Sprache nieder: Ihre Grammatik kennt weder Konjunktiv noch Passiv. Pirahã heißt so viel wie "Gerader Kopf". Alle Nicht-Pirahã sprechen und sind für sie indessen "Krummer Kopf".

"Don´t sleep, there are snakes", heißt das linguistisch weltenstürzende Buch des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Daniel Everett im 2008 bei Pantheon Books erschienenen Original. Everett hat die Pirahã über einen Zeitraum von 30 Jahren immer wieder besucht, und dieser herzlich gemeinte Gutenachtgruß (Schlaf nicht, es gibt Schlangen!) gehört zu seinen Lieblingswendungen in ihrer Sprache, weil sich die Härte des Dschungellebens darin ebenso ausdrückt wie die unbeschwerte Art der Pirahã, damit umzugehen (tatsächlich schlafen sie nie länger als zwei Stunden am Stück, manchmal auch nur 15 Minuten).

Für die deutsche Übersetzung von Sebastian Vogel hat die Deutsche Verlags Anstalt den Titel "Das glücklichste Volk" gewählt. Das Coverfoto von Martin Schoeller zeigt einen versonnen optimistisch in die Ferne blickenden Pirahã mit Speeren auf den Knien in seinem Kanu - und rechts daneben Everett, dessen Kopf aus dem schwarzen Wasser des Maici auftaucht, als sei er gerade unter dem gesamten Amazonasgebiet durch-getaucht, um genau hier hochzuploppen, mitten im echten, wahren und einzigen Eldorado, das die Gegend jemals zu bieten hatte.

Schwärmerische Zuspitzung und Stilisierung liegen Everett fern. Er schreibt detailliert und sachlich, und hält den Ball - stets teilnehmender Beobachter - auch dann flach, wenn es um die Widrigkeiten des Dschungellebens, die Entdeckung anthropologischer Einzigartigkeiten oder seine eigene Wandlung im Kontakt mit den Pirahã geht. Denn als er 1977, 26-jährig, erstmals zu ihnen kam und sich kurz darauf mit seiner Frau Keren und drei Kindern in einer Siedlung am Maici niederließ, tat er das als christlicher Missionar. Als er den Dschungel wieder verließ, war er Sprachforscher, Anthropologe - und Atheist.

Wobei Everett keineswegs jahrelang, sondern immer wieder ein paar Wochen, manchmal Monate direkt am Maici gelebt und auch als Missionar schon Sprachforschung betrieben hat. Denn um die Bibel ins Pirahã übersetzen zu können, musste er die Sprache ja lernen. Je besser er sie beherrschte, desto klarer wurde ihm, dass das Wort des christlichen Gottes in diese Sprache vielleicht übersetzt werden kann (es kam auch wirklich zu einer Pirahã-Fassung des Markus-Evangeliums), aber nicht die gewünschte Wirkung haben würde.

Denn der höchste kulturelle Werte der Pirahã scheint das zu sein, was Everett das "Prinzip des unmittelbaren Erlebens" nennt: Nur das zählt, was aktuell zu sehen ist oder wofür sich jemand persönlich verbürgt. Die Pirahã haben keinen Ursprungsmythos, sie betreiben keine Lagerhaltung oder nachhaltige Handwerkskunst - was erbeutet wurde, wird sogleich gegessen, was gebraucht wird, wird hergestellt und dann wieder weggeworfen.

Um den Pirahã Jesus näherzubringen, wäre also ein handfester Gottesbeweis nötig gewesen. Zudem musste Everett einsehen, dass es diesen Jägern und Sammlern mit ihrer Sicht der Dinge sehr gut ging und es nicht den geringsten Anlass gab, sie ändern zu wollen. Konsequenterweise entsagte Everett selbst der Kirche, woran seine Ehe zerbrach.

Das Unmittelbarkeits-Prinzip der Pirahã entdeckte der Forscher beim Lösen der Rätsel, die ihm ihre Sprache aufgab. Eine tonale Sprache, in der die Tonhöhe der Vokalartikulation unterschiedliche Bedeutungen produziert. Neben den Vokalen a, o und i werden nur acht (von Frauen: sieben) Konsonanten genutzt, die aber nachrangig sind, so dass die Sprache (vor allem während der Jagd) auch gepfiffen werden kann. Oder gesungen - wenn es Neues zu berichten gibt.

In Bezug auf das Erlebnismoment stellte Everett etwa fest, dass sprachlich unterschieden wird, ob man das, was man benennt, gerade selbst sieht oder nicht. Es gibt auch keine Form, die dem Perfekt entspräche. Kein Sprechen über Eventualitäten. Keine Worte für "heute", "morgen", "gestern". Und es gibt vor allem keine Rekursion, also keine Nebensatz-Grammatik. Kein: Der Mann, der den Fisch gefangen hat, läuft zum Boot. Sondern: Der Mann fängt den Fisch. Er läuft zum Boot. Was ja nicht verwerflich klingt. Denn heißt es nicht sogar in der Bergpredigt (nach Luther): "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel."

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Autor:  Petra Kohse
Datum:  3 | 4 | 2010
Seiten:  1 2
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