Dr. Hava Peri, die auf der Hämatologie des Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv arbeitet, hat dreijährige Zwillinge. Zu Purim verkleideten sie sich als Löwe und als Clown; der Löwe sollte sie erschrecken und der Clown zum Lachen bringen. Wenn ich hier jede Woche mit den anderen Krebspatienten sitze, fühle ich mich wie ein Löwe aus Papier und wie ein trauriger Clown. Die meisten sind ältere Leute, so wie ich, und sie werden begleitet von ihren noch lebenden Ehegatten, die sich rührend um sie kümmern. Das ist eine Liebe, die ich nicht kenne; vielleicht ist das die letzte Liebe.
Die Kinder haben schon lange das Haus verlassen; die Enkelkinder rufen von Zeit zu Zeit an, weil sie sich verpflichtet fühlen, so wie man dem Jüdischen Nationalfonds etwas spendet, um sein Gewissen zu beruhigen, und was den Alten bleibt, ist nur ihre gegenseitige Zuneigung.
Yoram Kaniuk ist Schriftsteller und Journalist. Er wurde 1930 in Tel Aviv geboren. 1960 veröffentlichte er seinen ersten Roman, "The Acrophile". Bis heute hat er 17 Romane geschrieben. Einer seiner bekanntesten ist "Adam Hundesohn" ("Adam, Resurrected"), der 1969 auf Englisch erschien und sich mit dem Holocaust auseinandersetzt.
Jetzt sitzen sie hier in diesem großen Raum, um gesund zu werden und werden von ihren Partnern umsorgt mit einer Art von Zuwendung, die über einfaches Mitgefühl hinausgeht; es scheint ein biologischer Instinkt zu sein, einen Ersatz für die einstige Liebe zu finden. Die Menschen haben sich schließlich von den Affen weiterentwickelt und können sich gegenseitig erkennen, wenn sie ihre Kinder machen und sie aufziehen. Und im Alter schauen sie sich gegenseitig an, weil niemand anderes mehr da ist.
Wir alle sitzen im selben Boot
Wenn sie keinen Ehegatten mehr haben, kommt der Sohn oder die Tochter, und aus irgendeinem Grund haben die Söhne immer zwei Handys am Gürtel stecken, ich habe keine Ahnung warum, und wir sitzen alle im selben Boot und bekommen unsere Bluttransfusionen und unsere Chemotherapie eingeflößt.
Es gibt vier Schwestern, die sich mit Sorgfalt und Humor um uns kümmern und die nach acht Stunden harter Arbeit umgeben von Leid und Tränen immer noch lächeln. Seit vier Jahren werde ich von allen möglichen Krebssorten befallen, auf die ich nicht einmal wütend sein kann, weil sie ja schließlich aus mir selbst kommen. Ich lese die reißerischen Artikel von Journalisten, die das israelische Gesundheitssystem verunglimpfen, und ich wünschte, ich wäre der TV-Moderator Dudu Topaz, der seine Vorgesetzen beim Sender verprügeln ließ, als sie seine Sendung absetzten, und könnte ihnen ein bisschen Angst einjagen.
In einem Artikel wurde beschrieben, was es für eine Zumutung sei, dass bestimmte Tabletten jetzt eine andere Farbe als früher hätten, weil das die Patienten verwirre. Warum denn? Generika sind genauso wirksam wie die Originalpräparate, und die Farben auseinander zu halten, sollte kein Problem sein.
Es tut weh
Ein Arzt rennt vorbei; er wird jemandem helfen, an dessen Kabine der Vorhang zugezogen wurde. Dr. Peri muss eine Biopsie am Schlüsselbein vornehmen, genau wie sie es mal bei mir gemacht hat. Bei solchen Gelegenheiten wird der Vorhang zugezogen; es tut weh, und die arme Frau weint. Und was, wenn der Arzt einen Fehler macht? Der Ausdruck "Kunstfehler" wurde von Journalisten geprägt, und inzwischen ist ein Fehler, der immer und jedem passieren könnte, ein kriminelles Vergehen.
In Israel haben wir viel zu wenig Ärzte, und die, die wir haben, arbeiten zu viel, und es gibt keinen Arzt auf der Welt, der nicht schon einmal einen Fehler gemacht hätte. Ein herzloser Richter kann einen Arzt, der bei der Arbeit eingeschlafen ist und tatsächlich einen Fehler gemacht hat, sogar für acht Jahre ins Gefängnis stecken lassen, so als ob er den Patienten vorsätzlich getötet hätte. Genauso gut könnte man eine Partei gründen, die sich den Kampf gegen Blitzeinschläge auf die Fahnen schreibt.
Bewundernd beobachte ich die letzte Liebe hier im Haus der Krebsleidenden. Vergangene Woche sah ich einen einhändigen Mann, der seiner Frau liebevoll einen Schweißtropfen von der Augenbraue wischte und ihr zu Trinken gab, und sie, die arme Frau, wird bald sterben. Eine Frau mit Krückstock bringt mit zitternden Händen ihrem Mann eine Tasse Kaffee. Die Art, wie die beiden sich ansehen, ist tausend Mal erotischer als ein Konzert von Madonna und kostet auch weniger. Das ist Liebe bis in den Tod, in ihren Augen sehen sie den Schmerz darüber, dass einer vor dem anderen sterben muss und dass sie nicht mehr zusammen sein werden.
Ich hatte Halluzinationen
Vor einigen Jahren kam ich ins Krankenhaus auf die Intensivstation und hatte drei Operationen. Damals hatte ich Halluzinationen, aber jetzt sitze ich hier zwischen den Bluttransfusionen und der Chemotherapie, und ich sehe die anderen Patienten deutlich vor mir, die nicht aufgeben und die sich eine Art von Humor bewahrt haben, mit dem sie gegen die Verzweiflung ankämpfen. Die Schwestern tanzen um sie herum, rollen Infusionsständer vor sich her, lächeln einem leidenden Mann ins Gesicht, stechen Kanülen, schließen die Infusionsbeutel an und machen alles so schnell und flüssig, dass es wie ein Ballett wirkt.
Eine der Schwestern, Miri, die am Tag 200 Zugänge legt, hat sogar geheiratet - einen Klavierstimmer, was der schönste Beruf der Welt ist. Ich stelle mir vor, wie es sein würde, wenn es mir bald besser ginge - zweimal schon bin ich in den letzten Jahren dem Tod durch ein medizinisches Wunder von der Schippe gesprungen. Wie würde sich mein Leben ausnehmen ohne diese Zärtlichkeit, ohne die letzte Liebe, die ich hier beobachte?
Ich muss der Medizin etwas zurückgeben
Vor ein paar Tagen kam eine junge, traurige und hübsche Frau, die ein wenig einsam wirkte. Sie versuchte der schönen Krankenschwester Ella zuzulächeln. Ich dachte daran, was ich im Krankenhaus alles bekam - wie gut ich behandelt wurde. Mir wurde klar, dass ich der Medizin etwas zurückgeben muss, also entschied ich mich, meinen Körper nach meinem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, damit die Medizinstudenten an mir lernen können, was sie für ihren zukünftigen Beruf benötigen. Auf diese Weise werde ich noch ein paar Jahre nach meinem Tod existieren, und ich werde genau wie Moses nicht in einem Grab beigesetzt, was meinen Hinterbliebenen zugute kommt.
Eines Tages wartete ich auf das Ergebnis eines Bluttests, als sich ein junger Mann neben mich setzte und mir erzählte, er sei 24 Jahre alt und habe Hautkrebs, weil er in der mörderischen Sonne Israels keinen Hut getragen hatte. Ich schrieb einen Artikel über die eitlen jungen Männer dieses Landes, die kurz geschoren und ohne Hut herumlaufen - aber es kamen kaum negative Reaktionen. Es interessierte niemanden.
Ich dachte, dass zumindest Hautärzte mich ansprechen würden, die meinen Artikel als Warnung vor den Gefahren der israelischen Sommersonne verwenden könnten. Scheinbar ist es ihnen egal, wie viele Menschen in Israel unter Hautkrebs leiden. Ich wurde zum ersten Mal wütend auf das medizinische Versorgungssystem in Israel, genauer gesagt wütend auf Hautärzte. Aber das ist anscheinend eine Sorte Krebs, die ich noch nicht habe, und deswegen laufen mir auch keine Hautärzte über den Weg.
Übersetzung: Andrian Widmann