Das erklärte Ziel des Europäischen Jahres 2010 gegen Armut und soziale Ausgrenzung war es, „das öffentliche Bewusstsein für die Situation der von Armut betroffenen Menschen zu schärfen“ und „den Anliegen von in Armut lebenden Menschen Gehör zu verschaffen“. Die Bürger sollten „für die Armutsproblematik sensibilisiert“ werden, nicht zuletzt sollte es „einen Beitrag zur Bekämpfung von Stereotypen leisten und die kollektiven Wahrnehmungen von Armut hinterfragen“. Im Fokus standen mithin nicht Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit, sondern die Bilder, die Fremdwahrnehmungen und Deutungen. Wie sieht es am Ende des Jahres hier zu Lande mit der Umsetzung der Ziele aus?
Zwar förderte die Bundesregierung vierzig regionale „Leuchtturm-Projekte“ mit insgesamt 1,4 Millionen Euro. In die kollektive Wahrnehmung dürften sich aber eher die Debatten eingebrannt haben, die das bereits unter der roten-grünen Regierung einsetzende „Blaming the Victim“ – „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“ (Gerhard Schröder) – fortsetzten: FDP-Chef Guido Westerwelle geißelte den „anstrengungslosen Wohlstand“ und warnte vor „spätrömischen Dekadenzen“, das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin sah nur „geistige Armut“ am Werke und riet im übrigen dazu, kalt zu duschen, um den sozialen Aufstieg zu bewerkstelligen.
Im Laufe des Jahres wollte Arbeitsministerin von der Leyen den Wohlstand der Hartz-IV-Empfänger um 5 Euro anheben. In den Debatten um die Angemessenheit des Betrages kamen in den Nachrichten natürlich auch Betroffene zu Wort: Durchweg versicherten sie, der Betrag sei niedrig, aber „immerhin“. Hier konnte man die Sprechweise des guten, bescheidenen Armen vernehmen: Man ist froh, überhaupt etwas zu bekommen. Wenn den von „Armut Betroffenen“ Gehör verschafft wird, dann wissen sie schon oder wieder, was sich gehört.
Geänderte Zielgruppe bei Tafeln
Ein ungleich glanzvolleres Revival als dieses eher triste Armutsgespenst erlebte die Spendenkultur: Die weltweite Spendeninitiative von Bill Gates im Sommer wurde auch hier zu Lande begrüßt: So forderte die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, diesem „guten Vorbild“ zu folgen: „Wer spenden kann, soll das tun.“ Ein typischer Fall von Offene-Türen-Einrennen, denn tatsächlich wird in Deutschland ohne Unterlass in großem Maßstab gespendet. Tafeln und Essen- und Nahrungsmittelausgaben sind zur größten sozialen Bewegung des letzten Jahrzehnts angewachsen: 1993 wurde die erste Tafel gegründet, mittlerweile gibt es 860 in Deutschland. Sie versorgen rund eine Million Menschen.
Die Zielgruppe hat sich signifikant verändert: Obdachlose stellen längst die Minderheit hat, Hauptnutzer sind Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner. Hier haben sich neue sozialräumliche Strukturen der Armut und eine entsprechende Schattenökonomie etabliert. Dass sie sich noch verfestigen werden, davon darf man in Zeiten von Hartz IV getrost ausgehen. Während der „Wutbürger“ 2010 eine eigene politische Protestkultur attestiert bekommt, steht der unbürgerliche „Hartzler“ noch kulturlos in der sozialen Landschaft herum. Doch das kann sich rasch ändern.
Allerorten hat die US-Forschung die Kultur der Armut wiederentdeckt. Zuvor hatte die von dem Anthropologen Oscar Lewis aufgestellte These einer über den Lebensstil weitervererbten Kultur der Armut ein halbes Jahrhundert lang ein Schattendasein in der Armuts-Forschung geführt. Doch nun, liest man, interessiert sich die US-Politik für die neuen Studien zur „Culture of Poverty“.
In Deutschland ist das Thema längst unter einem anderen Label auf dem Vormarsch – als Unterschicht. Bereits 2004 hatte Paul Nolte breitenwirksam eine Unterschichten-Kultur als systematische Verwahrlosung – Fast Food, exzessiver Trash-TV-Konsum, fehlende Bildungsbereitschaft – diagnostiziert, Harald Schmidt den Begriff „Unterschichten-Fernsehen“ und damit die Idee einer mediale Klassengesellschaft populär gemacht. Renate Künast, damalige Verbraucherschutzministerin der Grünen, erkannte denn auch 2005 eine „neuen Armut“ im Lande: „Früher glaubten wir, die Lebensformen der Unterschicht seien die Folge ihrer Armut. Das Gegenteil ist richtig: Die Armut ist Folge ihrer Verhaltensweisen, eine Folge der Unterschichtskultur.“ Sollte Künast Berliner Bürgermeisterin werden, darf man gespannt sein, wie es weitergeht in der Stadt mit der sexy Armut.
Unterschicht als Quotengarant
Der alltägliche „Sozial-Porno“ (Bernhard Pörksen) der Privatsender tut das seine, das Bild vom White Trash zu festigen. Das Bild einer unfähigen Unterschicht hat sich als Quotengarant etabliert. Logisch, dass auch der NDR 2010 kurz überlegte, die von Privatsendern verwendeten Scripted-Reality-Formate zu übernehmen: Damit hätte ein öffentlich-rechtlicher Sender ebenfalls auf Pseudo-Dokumentationen gesetzt, in denen Laiendarsteller nach Drehbuch agieren. Diese Formate formen die medialen Bilderwelten des Sozialen und verkaufen sie als Realität – Wirklichkeitseffekte schaffen das, was vorher Fiktion war. Wie bei jedem Porno ist drastische Explizitheit gefragt.
Bevor Armut in Deutschland also endgültig unsexy wird, sollte man die Leistungsfähigkeit des bezaubernden „Culture of Poverty“-Konzeptes bedenken: Es kostet nichts, liefert aber einen hohen symbolischen Ertrag. Und nachhaltig ist es zudem: Armut muss nicht immer neu erfunden werden, sondern wird einfach weitervererbt! Vor allem aber könnte der kulturalistische Blick auf soziale Phänomene zur imaginären Neuordnung der Gesellschaft beitragen, indem sich zwei Begriffe gegenseitig nobilitieren: Kultur und Armut. Während die Unterschicht nur eine Unkultur zu kennen scheint, könnte also mit der Kultur der Armut eine symbolische Würde in den Diskurs zurückkehren. Denn sieht man hier eher blitzblank gewaschene Arme vor sich, freundlich, bescheiden und verschämt? Oder – mit Blick in die Dritte Welt – fremde Völker in schönen bunten Trachten?
Selbst die diesjährige explosive Migrationsdebatte könnte der harmonisierende Kulturbegriff entschärfen helfen, denn hier wurde ja nicht um soziale Phänomene gestritten, sondern ein Kampf der Kulturen geführt: Multikulti versus Leitkultur. Der White Trash der Unterschicht und die migrantischen Integrationsverweigerer könnten mit Hilfe der Wissenschaft künftig als Kultur der Armut wiederauferstehen – eine Kultur, die der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft vielleicht nicht notwendig feindlich, auf jeden Fall aber fremd gegenübersteht. Will man die zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft nicht ändern, ist eine symbolische Neuordnung also dringlich geraten.
Zwar würde die zur Armutskultur geadelte Unterschicht keinen „Beitrag zur Bekämpfung von Stereotypen leisten“ und sicher auch nicht „die kollektiven Wahrnehmungen von Armut hinterfragen“. Dafür könnte sie aber den stark angeknacksten sozialen Frieden preisgünstig, weil auf symbolische Weise sichern. Wem das zu wenig ist, der blicke zurück auf die deutsche Variante des Europäischen Jahres 2010: Nicht einmal symbolisch wurde hier etwas gegen Armut und Ausgrenzung getan.