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Zwei Piranesi-Ausstellungen: Auf Augenhöhe der Verfall

Ausstellungen in Venedig und Mannheim zeigen Werke des genialen Giovanni Battista Piranesi: Der barocke Kupferstecher führte ein Rom vor, das ein loses Verhältnis zu seiner vergangenen, antiken Pracht unterhielt. Seine Zeitgenossen hingegen verklärten die Vergangenheit nostalgisch.

        

Reste eines  Aquädukt aus der Zeit Neros, dazu der hochbarocke römische Alltag mit  einem  Leichenkarren.
Reste eines Aquädukt aus der Zeit Neros, dazu der hochbarocke römische Alltag mit einem Leichenkarren.

Rom am Boden, und das ist vielleicht nicht tragisch gemeint, wenn auf den Fußboden der Mannheimer Kunsthalle ein aktueller Plan der ewigen Stadt geklebt wurde, als Orientierungshilfe in einer Ausstellung mit den Stadtansichten Giovanni Battista Piranesis. Da aber kein barocker Kupferstecher so sehr die antike Pracht Roms abgesunken sah wie der Venezianer Piranesi (1720 – 1778), ist selbst diese museale Serviceleistung ein Sinnbild tragischer Ironie.

„Kennen Sie Rom?“, so wird in Mannheim listig gefragt. Denn zur List gehört selbstredend, dass der Romkenner, wenn er sich auf die Rom-Ansichten Piranesis einlässt, nicht nur mit einem Schatzhaus vergangener Größe konfrontiert wird, sondern mit einem Steinbruch heruntergekommener Pracht – exemplarisch in der Ansicht vom Campo Vacino. Denn bis zur Hälfte versunken zeigte Piranesi allein den Triumphbogen auf dem Forum Romanum. In der Vedute Piranesis war der Triumph des Verfalls über das einstmals Erhabene längst perfekt geworden.

Reste einer heroischen Ära

Piranesi führte ein Rom vor, das ein sehr loses Verhältnis zu seiner abgelebten Größe unterhielt. An Aquädukte und Triumphbögen, Tempel und Paläste lehnte sich eine gleichgültige Gegenwart schäbig und schnöde an. Die Natur hatte die Reste aus heroischer Zeit ausgehebelt, angefangen von ihren Grabplatten, auf dessen Marmor die dornige Ranke ein rissiges Ornament abgab. Wenn in Mannheim obendrein Fotos den Zustand heute dokumentieren, ergibt sich aus der Konfrontation ein Reiz, wie ja auch aus der Gegenüberstellung etwa von zwei Veduten, die S. Giovanni in Laterano zeigen. Hier die noch etwas brave Ansicht des hochbegabten Neurömers, dort das dramatisch inszenierte Bauwerk des unerreichten Artisten.

Zu einer Zeit, als seine barocken Zeitgenossen das antike Rom in ihren Radierungen nostalgisch verklärten, waren Piranesis Veduten tragische Verlustanzeigen – so zeigt auch eine venezianische Ausstellung den gebürtigen Venezianer. In der Kunsthalle Mannheim beschränkt man sich auf die „Vedute di Roma“, in der Fondazione Cini, auf der Insel von San Giorgio Maggiore, stehen ebenfalls die Arbeiten aus der Frühzeit des Grafikers am Anfang einer dann weit ausgreifenden Schau. Sie macht mit dem Hinweis auf das Multitalent Piranesis als Kupferstecher, Architekt und Archäologie – Charakterisierungen, die in Mannheim ausdrücklich gegeben aber nur angedeutet werden können – ernst.

Das zwölfte Blatt, vom Eingang aus gezählt linker Hand, unscheinbar gehängt und überhaupt nicht inszeniert, führt Piranesis bahnbrechenden Kunstkniff der „Scena per angolo“ vor. „Gruppo di scala“ heißt das Blatt, es zeigt, wie sehr der Künstler für seine Weltsicht durch die Sehschule der Bühnendekorationen ging, angefangen von der barocken Bühnenprospektmalerei, für die soeben die „Scena per angolo“ entdeckt worden war, die „Übereckstellung“, mit der er die Möglichkeit zur Darstellung unendlich wirkender Räume aufriss.

Schon für seine Veduten galt: Vermeintliche topografische Treue war das Werk dramatisch behandelter Perspektiven. Auf den Kupferstichen Piranesis zeigte sich die seit der Antike überkommene Stadtlandschaft immer wieder als Konstruktion. Für Piranesi galt, dass er Italiens Erbe mit einer „schwarzen Seele“ (Marguerite Yourcenar) suchte, das Wiegenkind der Aufklärung schuf mit seinen Kupferstichen immer wieder Capricen, und zur Willkür, mit der Piranesi die Wirklichkeit wahrhaftig bearbeitete, die Kirchen Roms, die Paläste, die Tempel und Brücken, gehörten die Licht-Dunkel-Schraffuren ebenso wie dramatische Perspektivverschiebungen.

Hyperrealistische Werkzeuge

Selbst authentische Bauinstrumente, Hebearme, Zangen, Flaschenzüge, wurden unter seiner Hand zu geradezu hyperrealistisch gezeigten Werkzeugen, nicht weniger monströs als all die Sarkophage und geborstenen Fassadenelemente, Zeugnisse, mit denen Piranesi das Vergängliche verewigt hat. Norbert Miller brachte vor über dreißig Jahren in seinem grandiosen Buch über das Multitalent Piranesi den Gedanken von der „Archäologie des Traums“ auf. Denn tatsächlich sind zahllose Ansichten Piranesis Alptraumlandschaften – Topographien verdrängter Leidenschaften, das Wiederaufblitzen einer nicht geheuren Vitalität. Im Dämmer der venezianischen Ausstellung zeigt sich das über Jahrhunderte hinziehende Sterbenselend antiker Monumentalität. Sicher, Piranesi war auch, worauf die Ausstellung mehr Wert legt als Piranesi-Schauen der letzten Jahre (Hamburg, Stuttgart, Ulm), ein recht ansehnlich gestaltender Dekorateur, der sich an etruskischen Mustern ebenso orientierte wie an ägyptischen Vorbildern. Auch als Architekt kam das grafische Genie zum Zuge, mit bescheidenem Ergebnis.

Doch abgesehen von all den Hinterlassenschaften des Geschäftsmanns, vom exzentrischen Kandelaber bis zum englischem Kamin, wird der Besucher in Venedig in die „Carceri“ verschleppt, seine 16 Kerkerbilder. Jetzt wurden die Blätter durch den Computer gejagt, eine 3D-Animation hat die Kerkerwände in Bewegung gesetzt. Der über eine Brücke humpelnde Krüppel, anfangs, ist nur ein netter Gruseleffekt, ebenso wie die Schwaden spielen sie mit der Suggestion der Simulation. Sie soll dem Sog dienen, und dann dient sie dem Sog.

Zu Bachs zweiter Cello-Suite, die Pablo Casals spielt, durchmisst das Ausstellungsbesucherauge in einer Rotunde das Grauen der „Carceri“, es folgt den Stegen und Brücken, es scheint an Mauern zu stoßen, hinter deren Schwarz sich immer neue Kerkerwelten auftun. Raumfluchten einer metaphysischen Obdachlosigkeit. Zwölf Minuten dauert das Drama vor den Augen des Besuchers, zwölf Minuten hält der Taumel durch die „Carceri d’Invenzione“ von 1761, die „Gefängnisse der Einbildungskraft“ an. Am Ende wurde der Inbegriff des Alp-traums begehbar gemacht.

Man kann sich vorstellen, dass dieser Schreckensort praktisch rumgereicht wird – auch jenseits von Venedig gezeigt wird, so sehr dieser Wunsch auch etwas Aufreizendes hat. Denn wer sich in die Rotunde begibt, gerät in die Gefangenschaft einer fieberhaften Fantasie, in eine Innenwelt der Verzerrungen, einen Komos, der, aus statischen Gründen, bis auf den heutigen Tag unbaubar geblieben ist.

Das heißt nicht, dass das Grauen nicht denkbar wäre – als Kopfgeburt, wie Piranesi gezeigt hat, und wie sie jetzt, in Bewegung gesetzt durch eine venezianische Videofahrt, nichts weniger als die Aussichtslosigkeit zum Fluchtpunkt macht, die Ausweglosigkeit in irrsinnig entgrenzten Räumen.

Mannheim, Kunsthalle, bis zum 5. Dezember. Kein Katalog. Venedig, Fondazione Giorgio Cini, San Giorgio Maggiore, bis zum 21. November. Ein Katalog bei Marsilio, 34 Euro.

Autor:  Christian Thomas
Datum:  11 | 11 | 2010
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