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Wut auf Russlands Regierung: Aufrichtig, Ihr Wladimir Putin

In Russland brennen die Wälder und die Bevölkerung schäumt vor Wut. Gehört wird sie jedoch nicht - außer vielleicht in Internetblogs.

Der russische Premierminister Vladimir Putin (Mitte) beim Besuch der abgebrannten Wälder bei Voronezh.
Der russische Premierminister Vladimir Putin (Mitte) beim Besuch der abgebrannten Wälder bei Voronezh.
Foto: AFP

Um gehört zu werden, muss man wohl einfach den richtigen Ton treffen. Besonders wenn man in Russland lebt, wo die Kommunikation zwischen Politik und Bevölkerung entweder sehr distanziert und kryptisch ist oder erschreckend alltagssprachlich. Das zeigte sich erneut, als jetzt der russische Ministerpräsident Putin persönlich auf einen wütenden Beitrag im Blog eines Datscha-Besitzers antwortete.
Während Russlands Wälder und Dörfer abbrennen, steigt die Wut der Bevölkerung. Wozu brauche man ein russisches Silicon Valley, wenn es in einem Dorf 150 Kilometer vor Moskau kein Feuerwehrauto, keine Löschwasservorräte und noch nicht mal ein funktionierendes Telefon bei der Feuerwehr gibt, fragt „Top_lap“, ein Blogger, in einem von Schimpfwörtern strotzenden Beitrag.
„Unter den perversen Dreckskommunisten, über die jetzt alle schimpfen, gab es drei Löschwasserbrunnen und eine Alarmglocke, die geschlagen wurde, wenn es brannte, und oh Wunder: ein Feuerwehrauto, zugegeben nur eines für drei Dörfer, aber es gab eines. Und dann kamen die demokratischen Herrschaften und die ganze Scheiße begann. Als erstes wurden die Löschwasserbrunnen zugeschüttet und das Land verkauft, das Feuerwehrauto ist auch irgendwohin verschwunden, wahrscheinlich von Außerirdischen geklaut, und die Alarmglocke wurde durch ein Telefon ersetzt (Drecksmodernisierung!) bei dem die Scheißkerle irgendwie vergaßen es anzuschließen.“
Diesen Beitrag übersendete am Mittwoch Alexei Wenediktow, der Chefredakteur des unabhängigen Radiosenders Echo Moskwa, mit einem Begleitschreiben an Putin. Ob dieser denn wisse, wie unzufrieden die Bevölkerung mit der Arbeit seiner Regierung sei? Dass sich die meisten nicht trauten, ihm ins Gesicht zu sagen, was sie denken, das Internet aber überquelle vor wütenden Beiträgen.
„Wohin fließen unsere Steuern?“ fragt der Blogger weiter, „befreit mich von meinen Steuern nd Rentenbeiträgen, denn ich werde so eh nicht mehr lange leben, und ich kaufe dafür ein Feuerwehrauto. Wenn wir euch verehrten Abgeordneten und Beamten scheißegal sind, dann sind wir uns selbst nicht scheißegal. Nehmt eure Gesetze und lasst uns leben wie wir wollen. Und leben wollen wir glücklich und zufrieden. (…) Gebt mir meine Scheißalarmglocke zurück, ihr Schweine, und nehmt euer Dreckstelefon wieder mit.“
Überraschend folgte dem Beitrag am Mittwochabend eine Antwort, die, so lässt das Presseamt verlauten, vom Ministerpräsidenten höchstpersönlich verfasst worden sei. Nach einem langen Arbeitstag erschöpft ausatmend, habe er mit großem Vergnügen die Situationseinschätzung des Bloggers gelesen. Und wenngleich man gerechterweise sagen müsse, dass es schon seit 150 Jahren, also auch bei den Kommunisten, nicht mehr so heiß gewesen sei, stimme er dem Blogger zu. „Im Großen und Ganzen bin ich mit Ihnen einverstanden. Sie sind ein bewundernswert geradliniger und aufrichtiger Mensch. Einfach ein Prachtkerl. Und Sie sind zweifelsfrei ein begnadeter Autor. Der von seinem Schreiben ganz sicher ebenso gut wie Lenins Lieblingsschriftsteller Gorki leben könnte.“
Nach einem kurzen Verweis auf die Bemühungen der Löschkommandos und die unbürokratische Finanzhilfe für die Brandopfer schließt Putins Brief mit dem schönen Satz: „Bei Hinterlegung Ihrer Adresse bekommen Sie vom Gouverneur unverzüglich Ihre Alarmglocke. Aufrichtig, Ihr Wladimir Putin."
Die Sprache der Macht in Russland differenziert sich aus, jemanden zu erreichen oder etwas zu bewirken scheint sie nicht. Der eine Präsident, Medwedew hält schon seit längerem Videoansprachen, pflegt einen Blog und hat aus seiner USA-Reise im Juni einen Twitter-Account mitgebracht. Auf diesen Kanälen pflegt er von Demokratisierung und Modernisierung zu sprechen.
Der andere Präsident, der Ministerpräsident, pflegt eher die klassischen Kommunikationsmittel. Geschickt inszeniert er sich als jemand, der in direkter Kommunikation Probleme löst, Er benutzt gerne die Schimpfwortsprache, die im Russischen oft als „nicht normative Sprache“ bezeichnet wird. Er möchte den georgischen Präsidenten an seinen primären Sexualorganen aufhängen, Terroristen auf der Toilette ertränken und widerspenstigen Wirtschaftsmagnaten mal einen Doktor vorbeischicken.
Die bildhafte Ausdrucksweise, derer sich Putin dabei bedient, ist der Ganoven- und Kriminellen-Jargon, der über die sowjetischen Lager in alle Teile der Gesellschaft vorgedrungen ist und von Alkoholikern und schimpfenden Waschweibern über Intellektuelle und Dissidenten bis zu Polizisten und Geheimdienstlern gesprochen wird.
Mitunter wechseln die Rollenverteilungen und Kommunikationskanäle zwischen den beiden Präsidenten, ihre Kommunikation bleibt aber für andere unzugänglich. So rief in dieser Woche Putin vor laufenden Kameras per Mobiltelefon bei Präsident Medwedew an und bat um Verstärkung der Löschmannschaften. Medwedew nahm den Anruf von einem altertümlichen Präsidententelefon aus an und gab Putin die Erlaubnis. Anschließend twitterte Medwedew über den neuesten Stand der Löscharbeiten.
Die differenzierten Kommunikationswege der russischen Regierung scheinen sich dennoch im Kreis zu drehen. Oppositionelle und einfache Bürger finden nur selten Gehör. Auch dort, auf der anderen Seite der politischen Plattform, hat sich in den letzten Jahren ein Repertoire politischen Sprechens etabliert, das aber konstant überhört wird.
Da wäre zum einen die Petition: Auf YouTube finden sich unzählige Videos verzweifelter Bürgerinnen und Bürgern, traurig schauender Polizisten, die von Korruption und Funktionsunfähigkeit des Apparates sprechen, erschöpfter Mütter klagen über fehlenden Strom und Wasserversorgung in ihren Wohnungen, Opfer von Polizeiwillkür fordern Aufklärung.
Die wenigen verbliebenen unabhängigen Medien hingegen widmen sich nur noch der Dechiffrierung, Übersetzung und Interpretation der Verlautbarungen aus dem Kreml. Die russische Opposition und die Menschenrechtsvertreter halten fest an einem Sprachstil der sowjetischen Intelligenzia der 70er und 80er Jahre, angereichert um das Vokabular rechtsstaatlicher und liberaler Politik.
Die Vorsitzende der präsidialen Kommission zum Schutz der Menschenrechte, Ella Pamfilowa, eine der handelnden Figuren, wenn es darum ging, mit der „Macht“ zu sprechen, trat vor zwei Wochen enttäuscht zurück. Sie könne natürlich noch eine Beschwerde, noch eine Petition, noch eine Eingabe zum Schutz der Menschenrechte schreiben, welchen Sinn das aber habe sei aber fraglich, meint sie resigniert in einem Interview kurz vor dem Rücktritt.

Autor:  Darja Klingenberg
Datum:  9 | 8 | 2010
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