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Auschwitz-Pläne an Israel: Ein merkwürdiges Geschenk

Die Baupläne des Konzentrationslagers Auschwitz hat die die Bild-Zeitung dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu als Geschenk überreicht. Wieso? fragt man sich zunächst. Von Peter Michalzik

Frontansicht eines Krematoriums für Auschwitz.
Frontansicht eines Krematoriums für Auschwitz.
Foto: Axel Springer Verlag

Menschen schenken sich normalerweise Dinge, die sie entweder selbst gern mögen oder schön finden. Zumindest aber schenken sie etwas, bei dem sie davon ausgehen, dass der Beschenkte es schön findet und mag. Das ist bei den Bauplänen des Konzentrationslagers Auschwitz, die die Bild-Zeitung dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu während seines Deutschland-Besuchs am Donnerstag als Geschenk überreicht hat, sicher nicht der Fall. Es ist ein merkwürdiges Geschenk.

Das Geschenk irritiert in mehrfacher Weise. Wieso, fragt man sich zunächst, ist es die Bild-Zeitung, die die Pläne überreicht? Das Boulevard-Blatt tritt dabei fast notwendigerweise und wahrscheinlich auch nicht ganz ungewollt als Deutschland selbst auf - es ist, als ob Axel Cäsar Springer selbst die Idee gehabt hätte.

Und zweitens die Frage: Ist dieses Geschenk wirklich ein Geschenk, das Deutsche Israelis machen wollen und sollten?

Die Bild-Zeitung hat die Pläne vor einem Jahr erworben, nachdem sie bei der Entrümpelung einer Berliner Wohnung entdeckt worden waren. Also kann sie sie auch dem Staat Israel schenken. Sie war schnell und aufmerksam genug, um den Wert der Pläne zu erkennen und sie wirklich in die Hand zu bekommen. Selbst wenn sie sie nur erworben hätte, um sie jetzt publikumswirksam an Netanjahu zu übergeben, wäre das in Ordnung. Zeugnisse des Holocaust als diplomatische Handelsmasse, das ist zwar nicht schön, aber auch nicht verwerflich und im Zweifel viel besser als andere denkbare Verwendungen. Die Absicht des Schenkenden mindert nicht den Wert des Geschenks, allein der Beschenkte entscheidet über den Wert eines Geschenks.

Und der ist für Israel erheblich. Der Vorsitzende der Gedenkstätte Yad Vashem, Avner Shalev, nannte die Baupläne im Vorfeld von Netanjahus Besuch "ein sehr wichtiges Symbol für den Staat Israel und für einen wichtigen Teil unserer Identität: den Holocaust der Nazis an den Juden". Netanjahu selbst sagte bei der Übergabe: "Die Pläne sind überaus wichtige, historische Dokumente, die wir bewahren werden."

Ein Teil welcher Identität?

Auch das aber mutet wieder etwas merkwürdig an. Ein Bauplan für die Vernichtung der Juden als Teil der jüdischen Identität? Zumindest in einem Deutschen muss sich da automatisch die Frage formulieren, ob diese Pläne nicht, wenn denn Teil einer Identität, dann nur Teil der deutschen Identität sein können? Das aber hätte die merkwürdige und unschöne Konsequenz, sie in irgendeiner Weise als unser Kulturgut für uns zu reklamieren.

Glücklicherweise macht der Wunsch der Israelis, die Papiere zu besitzen, solche Fragen für die Deutschen überflüssig. Wir müssen uns nicht mit der Frage herumschlagen, ob die Pläne nicht am besten in Auschwitz selbst oder einem deutschen Ort des Gedenkens aufgehoben wären, wenn sie die Israelis denn selbst haben wollen - und wenn die Bild-Zeitung sie ihnen schenkt.

Für Juden ist Identität weniger eine Frage der Selbstdefinition als eine Frage der Erinnerung. Das ist schon sehr, sehr lange so, viel länger, als der Holocaust zurückliegt. Das Volk hat seinen Zusammenhalt in der gemeinsamen Erinnerung und Schrift.

Der Wunsch, die Papiere zu besitzen, zeigt: Selbst Auschwitz, selbst die Vernichtung der Juden, selbst dieses alles überschattende Ereignis, ist flüchtig. Es ist vom Vergessen und vom Verleugnen bedroht. Baupläne sind da ein schlichter Beweis, dass es wirklich so gewesen ist, wie man sagt, dass die Geschichte wirklich so stattgefunden hat, wie behauptet wird.

Und trotz allem bleibt es ein merkwürdiges Geschenk, das "wir" den Israelis da gemacht haben. Das aber liegt im Kern daran, dass es eben einmal etwas ganz anderes war, was die Juden von uns bekommen haben. Nach dem Holocaust können auch Geschenke nicht mehr so unschuldig sein, wie sie vielleicht einmal waren. Zumindest beim Schenkenden bleibt ein sehr bitterer Geschmack.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  28 | 8 | 2009
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