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Ethik boomt: Ausnahmen bestätigen die Moral

Weder die Börse noch ein großes Klinikum kommen heute ohne Ethik aus; die Probleme der Menschen scheinen einen Ethikrat notwendig zu machen. Wie aber werden die bestehenden Ethik-Konzeptionen den komplexen Problemen gerecht?

        

Schöner denken: „Die Schule des Platon“ (1898), Gemälde des belgischen Symbolisten Jean Delville.
Schöner denken: „Die Schule des Platon“ (1898), Gemälde des belgischen Symbolisten Jean Delville.
Foto: RMN

Sokrates, Platon, Hegel und Kant, waren an der Börse nie genannt“, dichteten einst die Barden der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV). Die Zeiten haben sich gewandelt, auch wenn die großen Philosophen immer noch keinen Börsenwert zu haben scheinen: Weder die Börse noch ein größeres Krankenhaus kommen ohne Ethik aus, die bewegenden Probleme der Menschen scheinen einen Ethikrat notwendig zu machen, „Ethik boomt“. Die Frage ist jedoch, ob die bestehenden Ethikkonzeptionen den gegenwärtigen Problemen gerecht werden.

Die utilitaristische (Folgen-) Ethik Peter Singers etwa ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihr nicht mehr die Heiligkeit des menschlichen Lebens im Vordergrund steht, sondern die Lebensqualität der betroffenen Menschen. Die Verführung scheint groß zu sein, bei starken Beeinträchtigungen menschlichen Lebens, etwa wenn jemand extrem große Schmerzen aushalten muss, die Lebensqualität über das Leben als solches zu stellen – und das Leben dann auch zu beenden. Hier werden die Folgen ethischen und moralischen Handelns für die Lebensqualität der Betroffenen in den Vordergrund gerückt. Aber kann man schon im Fötusstadium entscheiden, ob ein wahrscheinlich behindertes Kind keine Lebensqualität hat?

Die umgekehrte Position, vor allem von der katholischen Kirche und Kantianern vertreten, sagt aus, dass es ein absolut geltendes Prinzip geben muss, wie etwa das Tötungsverbot, um nicht einem Relativismus der Werte zu verfallen. Von diesem Standpunkt aus wird geprüft, ob das jeweilige moralische Gebot anzuwenden ist oder nicht, ob Ausnahmen festgelegt werden und gegebenenfalls, welche Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Gebotes auszusprechen sind.

Hier wird zwar zugestanden, dass es dramatische Einzelfälle geben kann, in denen die Einhaltung des moralischen Prinzips fraglich wäre, zum Beispiel wenn es darum geht, ein Flugzeug abzuschießen, das in ein Atomkraftwerk fliegen würde. Aber die Befürchtung besteht, dass die Zulassung der Ausnahme mittelfristig zur Regel wird und Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft hat. Die Sterbehilfe etwa führt, so wird argumentiert, zu einem Wandel der gesellschaftlichen Werte, auch wenn sie im Einzelfall gerechtfertigt sein mag.

In den Niederlanden, wo aktive Sterbehilfe erlaubt ist, tragen Menschen Buttons, dass sie nicht getötet werden wollen. Anscheinend ist hier die Versuchung groß, den Ausnahmefall zur Regel werden zu lassen. Das trifft jedoch nicht nur auf der individuellen Ebene zu: Der Ausnahmezustand (Carl Schmitt), der den ursprünglichen Zustand wieder herstellen soll, wird häufig zur Regel. Ägypten unter Mubarak war eine Demokratie – nur herrschte er über dreißig Jahre lang durch Ausrufung des Ausnahmezustands.

An der ersteren Position kann somit kritisiert werden, dass sie elementare moralische Gebote und ethische Prinzipien verletzen kann, wenn nur die Folgen für das Wohlergehen der Betroffenen optimal seien. Denn unmittelbar kann gefragt werden, wer sind die Betroffenen – bei der Abtreibung etwa Kind und Mutter, aber auch Väter, Familie, Freundeskreis usw. Wie lange müssen die Folgen berücksichtigt werden: die nächsten 100.000 Jahre, wie bei der Atomkraft? Hier wird ganz offensichtlich das Recht auf Selbstbestimmung der kommenden Generationen außer Kraft gesetzt. Atomkraftwerke können nicht einfach abgeschaltet werden, der entstehende Atommüll muss von zahllosen Generationen bewältigt werden.

Um dieses Problem zu lösen, wird im Regelfall auf die Verantwortungsethik von Hans Jonas verwiesen: Moralisch richtig sind Handlungen nur, sofern sie die Permanenz menschlichen Lebens auf der Erde nicht gefährden. Problematisch ist diese Verantwortungsethik jedoch, wenn Handlungen und wissenschaftliche Forschungen aus eben diesem Grund unterlassen werden. Auch wenn sich in Deutschland zu zeigen scheint, dass die Abschaltung der Atomkraftwerke keine größeren Probleme mit sich bringen wird, sind doch folgende Situationen denkbar: Was ist, wenn einerseits wissenschaftliche Forschungen und der Fortschritt der Technik die Permanenz menschlichen Lebens in einem unwahrscheinlichen, aber nicht auszuschließenden, Fall gefährden, das Nichteingehen dieses Risikos aber gleichermaßen zu Problemen führt?

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Autor:  Andreas Herberg-Rothe
Datum:  16 | 6 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  5
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