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Ausstellung "Endstation Vernichtung": Mit der Reichsbahn in den Tod

Nach 1945 wurde brav geschwiegen, gern auch im Kollektiv, nicht zuletzt über die Funktion der Reichsbahn. Eine Freilichtausstellung in München zur Deportation von Juden gleicht dies Defizit jetzt aus.

Zwei jüdische Mädchen kurz vor ihrer Deportation im Güterzug aus München.
Zwei jüdische Mädchen kurz vor ihrer Deportation im Güterzug aus München.
Foto: Stadtarchiv München

Was die Deutsche Bahn unter einem Sonderzug versteht, ist beeindruckend klar: "Diskowagen, DJ und fetziges Unterhaltungsprogramm bei den Party-Touren" heißt es laut Selbstauskunft lapidar. Die Hackerbrücke in München ist als Party-Schneise weltbekannt. Im Gleisvorfeld des Hauptbahnhofes gelegen, strömen die Massen im Frühherbst, angelockt vom anarchischen Bierkampf auf der Theresienwiese, über die dann zeitweise für den Verkehr gesperrte Verbindung, um ihrem Amnesieritual zu huldigen: Woran man sich am nächsten Morgen nicht erinnern kann und will, darüber soll man schweigen?

Nach 1945 wurde brav geschwiegen, gern auch im Kollektiv, nicht zuletzt über die Funktion der Reichsbahn. So sind auch die in der Nähe der Hackerbrücke gelegenen Deportationsorte "Eilguthalle" und "Milchhof" durch Überbauung in Vergessenheit geraten: Hier wurden ab 1941 Transporte von Juden abgewickelt, mit Sonderzügen. Direkt auf der Stahlbogen-Brücke aus dem 19. Jahrhundert thematisiert nun die Freiluft-Ausstellung "Endstation Vernichtung. Diensteifer und Pflichterfüllung bei der Reichsbahn in München 1933-1945" dieses Erinnerungsdefizit. Unter der Schirmherrschaft des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude haben sich vor allem städtische Einrichtungen und Zusammenschlüsse der Bürgerschaft an dem Projekt beteiligt, das von Zeitzeugengesprächen, Ortsbegehungen und Vorträgen flankiert wird.

Ausgehend von lokalen Beispielen wird die Rolle der Reichsbahn im Gesamtsystem des NS-Machtapparats dargestellt. Mit klaren Bildern und wenig Text auf recycleten LKW-Planen wollen die Ausstellungsmacher Andreas Heusler und Sabine Schalm die Passanten einfangen. Oder wenigstens berühren. Es gelingt. Selbst im Gewitter bleiben immer wieder Schülerinnen und Pensionisten vor den Plakaten stehen oder wenden zumindest ihren Kopf für einen Augenblick in Richtung der im Wind flatternden Objekte auf dem Weg nach Hause oder zum Rückentraining. Was für die einen eine verstörende Déjà-vu-Passage und für die anderen ein völlig abgespaceter Geschichts-Backspin sein mag, entpuppt sich als temporärer Stachel im Erinnerungsgewebe der Stadt. Selbst das bewusste Wegschauen mancher Fußgänger kostet Kraft.

Die Reichsbahn war "aktiver Teilhaber der aggressiven Expansionspolitik und damit auch des mörderischen Rassismus": Mit solchen punktgenauen Formulierungen treffen die Veranstalter den Knotenpunkt des Zusammenwirkens von Gleichschaltungsmechanismen der Nationalsozialisten und der Selbstindienstnahme der Reichsbahn. Sie war eben williger Transportdienstleister, Stabilisator und dankbarer Profiteur des NS-Regimes, der sich sogar die Kosten für die Fahrten in den Tod bezahlen ließ. Nicht zuletzt wäre die Durchführung dieser Vernichtungstransporte ohne das Wissen und die Beteiligung ihrer Mitarbeiter unmöglich gewesen.

Endlich thematisiert damit eine deutsche Großstadt ohne Wenn und Aber die Verwobenheit der Reichsbahnabteilungen mit dem politischen und gesellschaftlichen Stadtgefüge im System der NS-Verbrechen. Opfer und Täter geraten ins Blickfeld der Ausstellung.

Und die Deutsche Bahn AG? Ihr Umgang mit der Vergangenheit ist insgesamt mehr als irritierend. Warum attackiert sie den "Zug der Erinnerung", das seit 2007 bestehende mobile Gedenkprojekt einer privaten Initiative, derart massiv wie zuletzt im April in München? Die in mehreren Ausstellungswagen praktizierte Erinnerung an deportierte Kinder und Jugendliche wurde durch Entfernen von Hinweisschildern auf dem Bahnhofsgelände, das Patrouillieren von Sicherheitskräften und weitere Maßnahmen elementar behindert. Zudem reagiert die Deutsche Bahn nicht auf seit langem bestehende Vorwürfe, im eigenen, zentralen Verkehrsmuseum in Nürnberg endlich die Verstricktheit in den Holocaust angemessen zu thematisieren und die dortigen NS-Devotionalien zu entfernen. Auch die im Januar 2008 eröffnete und von der Bahn AG inhaltlich und finanziell getragene Wander-Ausstellung "Sonderzüge in den Tod" hat nicht zuletzt wegen der beschämenden Vorgeschichte für Schlagzeilen gesorgt: "Kein Geld" hieß es zunächst, Vorstandschef Hartmut Mehdorn hielt eine Beschäftigung mit dem Thema auf Bahnhöfen sogar für "kontraproduktiv". Als das von Serge und Beate Klarsfeld in Frankreich ursprünglich initiierte Projekt dann schließlich doch auf eigene Art umgesetzt wurde, fehlten einige nicht ganz unwichtige Akteure der Vernichtung: die Täter.

Die "Kontraproduktion" ist durch die Ausstellung "Endstation Vernichtung" in eine neue Phase eingetreten, zwar nur in Augenweite des Münchner Hauptbahnhofs, aber zumindest direkt über den Gleisen. Man kann und darf beim Brötchenkauen, zwischen den Küssen oder beim Trainspotting einfach hinschauen und lesen. Und weitergehen mit dem neuen Gepäck, wie schwer auch immer es sein mag.

München, an der Hackerbrücke,

vor dem Europäischen Patentamt

sowie im Haus des DGB: bis 31. Juli.

Autor:  K. ERIK FRANZEN
Datum:  3 | 7 | 2009
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