Der Schuft, über den die Quellen sagen, dass er Qatnas Schönheiten niedergemacht habe, hat einen Namen, Schuppiluliuma I. Was er nahm, riss der Hethiterkönig im Handstreich an sich, da gibt es keine zwei Meinungen. Schuppiluliumas Beute umfasste bereits zuvor beträchtliche Ländereien zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeer, Teile Syriens und der Levante, wobei für Qatna verhängnisvoll sein sollte, dass die Stadt ein Knoten im frühhistorischen Netzwerk internationaler Handelsbeziehungen war. Würde, auf welcher Route auch immer, der Bernstein sonst aus dem Baltikum stammen?
Während wir weiterhin Mühe haben, uns in einer globalisierten Welt einzufinden, zirkulierten in der Welt des 2. Jahrtausends v. Chr. die Waren und das Wissen, Edelhölzer und Elfenbein, Gefäße aus blutrotem Karneol und Keilschrifttafeln aus Ton. Denn der frühhistorische Wirtschaftskreislauf bedurfte zweifellos der Buchführung. Aus Ägypten erreichten goldene Schmuckstücke und goldene Waffen Qatna, aus Assur Alabastergefäße, mit Mykene stand man wegen der Keramik und der Edelsteine in Verbindung, aus Zypern wurden Kupferbarren, aus Kreta minoische Maltechniken importiert. Um den Zeitraum einzugrenzen, sprechen wir von der Bronzezeit.
Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart, bis zum 14. März 2010. Der Katalog ist im Konrad Theiss Verlag erschienen, 320 S. , 22, 90 Euro.
Wenn wir uns heute über Qatnas Reste im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart beugen, sehen wir außerordentliche Reichtümer, denn die Königsstadt war unter den urbanen Metropolen Vorderasiens eine besonders prächtige, so dass ein bis zu 20 Meter hoher Lehmwall Ober- und Unterstadt schützte, Akropolis und Königspalast, die Residenzen der Angestellten und Bürokratie, die Wohnviertel und Quartiere der Handwerker.
Qatnas Entdeckung
Rund dreitausend Jahre war Qatna praktisch vom Erdboden verschwunden. Unter den Schutt, den die Heerscharen der Hethiter und andere Feinde hinterließen, wurde erstmals in den 1920 Jahren geschaut, seitdem ist Qatna auf der Landkarte der sagenhaften Entdeckungen ein besonderer Ort. Spätestens 2002, mit der Freilegung einer Königsgruft, stieg die Ausgrabungsstätte (jeweils etwa 200 Kilometer entfernt von Aleppo im Norden und Damaskus im Süden) zu einer der archäologischen Attraktionen in Vorderasien auf, nachdem namentlich ein Team um den Tübinger Archäologen Peter Pfälzner den Safe aus Schutt und Staub zu knacken verstand.
Im dritten Obergeschoss des Landesmuseums wurde ein Parcours eingebaut, mit etwa zwei Meter hohen, stilisierten Mauern, sie weisen den Weg: durch das bronzezeitliche Syrien, durch einen pompösen Palast und die Gruft, und die Inszenierung wäre keine, wenn am Ende, zum Thema "Untergang", die Mauern nicht schwarz verfärbt worden wären. Lodernd, auf Leinwand-streifen, Flammen.
Es gibt Stimmen, die sagen, dass es der Brand war, der die Reichtümer konservierte, so dass Widerstandsfähiges leuchtend aus der Asche steigen konnte, Haushaltsgegenstände, Waffen, darunter ein Köcherbeschlag aus Gold, mit dargestellten Tierszenen, auf denen der Zweifüßler dem Vierfüßler den Fuß in den Nacken stellt. Tatsächlich stand die Domestizierung der einen oder anderen Bestie, die heute als Haustier alles mit sich machen lässt, auf der Agenda der Bronzezeit.
Zum flüchtigen Rendezvous mit Qatnas Lebenswelten zählen Dinge, die auf der Töpferscheibe entstanden, so stehen wir noch heute in Stuttgart vor vollkommenen Steingefäßen, Alabastren und Amphoren. Zum Einblick in Qatnas ferne Welten zählen ein Zepter aus Elfenbein (als verlängerter Arm der Macht im Stadtstaat) oder eine vielleicht handygroße Hand aus Gold (als feingliedrige Prothese eines Opferkults).
Als hybrid wird der Stil der späten Bronzezeit beschrieben, gar als "Internationaler Stil" bezeichnet die Fachwelt die Goldschmiedearbeiten, Reliefs oder Kleinplastiken, das Filigrane und das Kolossale. Aus Elfenbein-Schminktöpfchen bediente sich der No-Aging-Gläubige, und auf dass die Zeit nicht spurlos hinweggehe über die Menschheit, hielten Syriens Künstler die Gottheiten fest, sitzend, ausschreitend, die Hand zur Großtat erhoben. Kann es sein, dass der Wettergott Blitze schleudert? Wer in Qatna lebte, besaß Kultgegenstände, um die Natur günstig zu stimmen, dazu Schalen oder Amphoren, um die Nahrungskette nicht abreißen zu lassen.
Stuttgart bietet den Vergleich mit zahllosen Rollsiegeln - es sind unerschöpfliche Unterschriften, kinderfingerkuppengroße Artefakte aus Ton oder Gold, Dokumente eines Wirtschaftslebens oder diplomatischer Beziehungen, wobei Politik und Ökonomie auf eine neue Grundlage gestellt wurden. Bedeutete doch der Codex Hammurapi vor rund 3750 Jahren mit der Einführung einer babylonischen Rechtssprechung eine Revolution, die Eigentum und Besitz, nicht zuletzt ein drakonisches Strafmaß auf Keilschrifttafeln verbindlich regelte. Oder gar auf Täfelchen? So informativ der Katalog, so anregend die Essays über die urbane Revolution, die religiösen und sozialen Fundamente der altsyrischen Stadtstaaten, so aufschlussreich die Berichte über das Abenteuer der modernen Archäologie - immer wieder irreführend die Abbildungen all der Reichtümer, weil bei ihnen auf Maßangaben verzichtet wurde.