Das traurigste Lied, das in jüngster Zeit aus Afrika kam, war eigentlich als ein feierliches Lied komponiert worden. Es sollte den Aufstieg eines Afro-Amerikaners zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zelebrieren. Es war ein musikalischer Tribut von einem Kenianer, und der Text sagte schlicht und einfach: Es ist leichter für einen Luo, Präsident der USA zu werden als Präsident von Uganda.
Die Luo sind natürlich eine der Minderheits-Nationalitäten von Kenia. Man wird sich daran erinnern, dass Obamas Triumph unmittelbar nach einigen der schlimmsten Unruhen stattfand, die man je in Kenia erlebt hat. Sie dauerten Wochen, ganze Townships von Nairobi wurden dem Erdboden gleich gemacht, Hunderte von Menschen starben, einige davon durch einzigartig bestialische Formen der Schlächterei. Die Panga untermauerten ihre Herrschaft. Diese Tage erinnerten wenn auch in kleinerem Maßstab an die Massaker von Ruanda. Unter den Überlebenden sind Männer, die nach sexueller Verstümmelung ein Leben lang traumatisiert sind. Die Ursache? Die Weigerung, einem Volk das Recht zu gewähren, ihren eigenen Anführer an der Wahlurne zu bestimmen der endemische Fluch des modernen afrikanischen Staates.
Wole Soyinka, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, wurde in Abeokuta, Nigeria, geboren. 1998, nach dem Ende der Militärdiktatur, kehrte er aus dem amerikanischen Exil nach Nigeria zurück, ist aber weiterhin auch in den USA tätig. 1986 erhielt der Lyriker, Romancier und Dramatiker den Nobelpreis für Literatur.
Auf Deutsch erschienen 2008 seine Erinnerungen unter dem Titel "Brich auf in früher Dämmerung" (im Ammann-Verlag).
Dennoch erhob Kenia den Anspruch, der logische Ort für Obamas ersten Staatsbesuch auf schwarzafrikanischem Boden zu sein. Es sollte feierlich die Rückkehr eines Sohnes des Landes begangen werden. Und wenn Sentimentalität auf der Waage der Ansprüche tatsächlich schwerer wöge als die Menschlichkeit selbst, wäre die Forderung Kenias unangreifbar gewesen.
Der andere, der einen in der Tat noch anmaßenderen Anspruch auf die Berücksichtigung durch Barack Obama bei seinem ersten Staatsbesuch auf dem Kontinent stellt, ist mein Land, Nigeria. Die nigerianische Nation hat in den letzten Jahrzehnten keinen Aufstand von dem Ausmaß der Vorgänge in Kenia erlebt nicht seit den 60er Jahren, als eine ähnlich wahllose, wenn auch weniger rigorose Kampagne von Morden und Brandschatzungen eine Region heimsuchte, die das neue Regierungsoberhaupt als den "wilden wilden Westen" des Landes bezeichnete. In jüngerer Zeit flackerte Gewalt in einem oder zwei nördlichen Bundesstaaten auf, aber nichts, was der Brutalität des kenianischen Szenarios auch nur annähernd gleich kam.
Es erübrigt sich zu sagen, dass Nigeria auf der Demokratieskala nicht höher steht als Kenia, auch wenn hier der Wahlbetrug nicht in ein solches Gemetzel mündete, so, wie auch an der Elfenbeinküste, wo ein ähnlicher Machtraub zu einem sich lange hinziehenden und verheerenden Bürgerkrieg führte. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass der biafranische Sezessionskrieg, der 1966 begann, Untertanen hervor brachte, die nach wiederholten Wahlungerechtigkeiten äußerst leicht entflammbar sind.
Erinnerungen an diesen Krieg sowie die Furcht vor weiterer nationaler Destabilisierung haben dazu beigetragen, dass das nigerianische Volk gegenüber einem mittlerweile voll etablierten Projekt der nationalen Enteignung kapituliert hat. Nur die Bequemen trauen sich jedoch noch zu leugnen, dass es wohl letztlich doch noch zu einer Explosion des unterdrückten Zornes kommen wird. Er stammt aus der bürgerlichen Entrechtung sowie aus der Aura der Unantastbarkeit, mit welcher die unbelehrbaren Täter sich umgeben. In der Tat sehen viele Beobachter, sowohl von innen als auch von außen, das als eine reine Frage der Zeit an.
Seit der Verstümmelung der bürgerlichen Gesellschaft durch eine Jahrzehnte lange Militärherrschaft benutzt man in Nigeria ungehemmt den Begriff "inneren Kolonialismus". Er beschreibt die andauernde Unterdrückung des Willens der Bevölkerung, eine organisierte Verweigerung von Demokratie. Diese unproduktive Kabale bietet der Bevölkerung nichts. Ihre Führer werden jedoch immer arroganter und verweigern noch den pragmatischen Anschein einer Geste von Fairness, die den Stolz und die Würde des Volkes retten könnte.
Zu den hervorstechendsten Qualitäten von Barack Obama, die ihm nicht zuletzt den begehrten Preis der US-Präsidentschaft eingebracht haben, gehören seine intelligente Ausgewogenheit sowie die Tatsache, dass er ein denkendes, gebildetes Wesen ist, analytisch qua Temperament und Ausbildung. Jeder, der seine Memoiren "Dreams From My Father" ("Ein amerikanischer Traum") gelesen oder im Verlauf seines Wahlkampfes von seinem intellektuellen und politischen Werdegang erfahren hat, wird sofort begreifen: Obama würde lieber den Thanksgiving-Feiertag mit der völkermordenden Regierung von Omar Bashir oder den rückständigen Mullahs im Iran verbringen, als Uganda oder Nigeria für einen ersten Besuch auszuwählen, der nicht nur politische und wirtschaftliche Ziele verfolgt, sondern der darüber hinaus zutiefst symbolisch ist.
Die offensichtliche Klugheit Obamas, die ihn als Underdog zum Sieg führte, hätte den "patriotischen" Bejublern afrikanischer Missregierung doch deutlich machen müssen, dass sie vom 44. Präsidenten der amerikanischen Nation keine bevorzugte Behandlung zu erwarten haben. Nur um die Erinnerung aufzufrischen dies war der Kandidat, der von Anfang an mit möglichen Gönnern aus der Wirtschaft brach und sich weitestgehend auf Massenspenden von Kleinstbeträgen verließ, um seinem Mandat ein Höchstmaß an Unabhängigkeit zu verleihen.