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Berlin-Bashing: Thilo auf der Couch

Die Diskussion um den Bundesbänker Sarrazin wird der komplexen Berliner Ökonomie nicht gerecht. Von Harry Nutt

Türkischer Händler in Berlin-Kreuzberg.
Türkischer Händler in Berlin-Kreuzberg.
Foto: bilderberg

"Dort auf dem Büchertisch, vorne rechts" ruft der Zeitschriftenverkäufer am Bahnhof Friedrichstraße. Wo sich die Zeitschrift Lettre befindet, weiß er seit ein paar Tagen ganz genau. Schon zweimal hat er die Kulturzeitschrift nachbestellen müssen. "Da hat der Sarrazin ganz schön einen rausgehauen", lässt er seinen Kunden wissen.

Der frühere Berliner Finanzsenator hat das schwer in der Hand zu haltende und auch nicht immer leicht zu lesende Intellektuellen-Blatt mit seinem umstrittenen Interview zum Verkaufsschlager gemacht. Für das seit Jahren immer hart an der Grenze zum Bankrott navigierende Blatt war Sarrazins Gepolter wie ein warmer Geldregen. "Berlin auf der Couch", lautet der Titel des Themenheftes, aber verhandelt wird seit mehr als einer Woche vor allem der Psycho-Haushalt des Bundesbankers Thilo Sarrazin. "Sie sprechen so wohlwollend und sanftmütig, wie Sie nie zuvor gesprochen haben", hatte der Lettre-Herausgeber Frank Berberich im Interview erstaunt festgestellt. Hat die aufgeschreckte Öffentlichkeit etwa alles ganz falsch verstanden?

Eine unsystematische Straßenumfrage ergab keinen nennenswerten Ausschlag auf der Erregungsskala. "Thilo wer?", fragt ein türkischer Gemüsehändler in Berlin-Friedenau, der gerade darauf aufmerksam gemacht worden war, dass die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnt. Dass er und seine Berufsgenossen von diesem Thilo schwer beleidigt worden sein sollen, interessiert ihn nicht weiter. Früh morgens auf dem Berliner Großmarkt trifft er auf Konkurrenten aus aller Herren Länder. Mal geht es kollegial zu, mal ruppig. Viel Zeit für Sensibilitäten bleibt da nicht.

Thilo Sarrazin hatte nicht zuletzt die seit jeher schwächelnde Berlin Wirtschaft ins Visier genommen, in der die Entgegennahme von Subventionen spätestens seit den 1960er Jahren in den Gefühlshaushalt übergegangen sei. "Achtundsechzigertradition" und "Westberliner Schlampfaktor" hat Sarrazin jene Haltung genannt, die Berlin seither daran hindert, ökonomisch auf die Füße zu kommen. Inzwischen habe sich diese ökonomische Trägheit, folgt man Sarrazin, von Generation zu Generation vererbt.

Trägheit und so genannte Berliner Ökonomie

Ganz neu sind derlei Einsichten nicht. "Berliner Ökonomie" haben die Schriftsteller Thomas Kapielski und Helmut Höge die Kunst des Herumwurschtelns genannt, die Berlin schon zu Mauerzeiten zur Hauptstadt eben dieser Haltung gemacht habe. Etwas freundlicher formuliert, könnte man "Kreativpotenzial" dazu sagen.

Für Kapielski und Höge war "Berliner Ökonomie" kein Schimpfwort. Sie sahen darin vielmehr eine Art Gegenzauber zum aufgeladenen Begriff der Berliner Republik, in der die Macht von der Neuen Mitte ausgehen sollte. Höge und Kapielski hingegen hatten die kleinen Pleiten und die Triumphe des Scheiterns im Visier, die in Berlin an jeder Ecke sichtbar wurden, wenn man ein paar Straßenzüge jenseits des Regierungsviertels durchquerte. Dort war auch die Schriftstellerin Gabriele Goettle unterwegs, deren Projekt darin bestand, den Armen und Ausgeschlossenen der Stadt ihre Würde zurückzuerstatten.

Zu Sarrazins Aufregern gehören seine Bemerkungen über die Empfänger von Transferleistungen in dritter Generation. Es spricht ja tatsächlich nicht für eine gesunde Einstellung zur Idee des sozialen Aufstiegs, wenn man sich lieber mit Gelegenheitsjobs und Stütze über Wasser hält und feste Arbeitsverhältnisse schon deshalb meidet, weil einem andere zu viel herein reden. Nirgendwo sonst gibt es so viele, fein voneinander unterschiedene Modelle der Durchmogelei wie in Berlin. Bisweilen äußert sich darin ausgefeilte Lebenskunst, oft aber auch nur die Dynamiken sozialer Exklusion.

Sarrazin hat kein Tabu gebrochen

Zur Bekräftigung seines Berlin-Bashings zitierte Sarrazin seinen Berliner Parteifreund Heinz Buschkowsky. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister habe ihm berichtet, dass eine arabische Frau ihr sechstes Kind bekommen habe, weil ihr durch Hartz IV eine größere Wohnung zustünde. Als ein Beispiel für positive Lebensplanung scheint er den Fall im Lettre-Interview nicht erwähnt zu haben. Wie Sarrazin hält auch Buschkowsky auf sich, die Dinge ungeschönt beim Namen zu nennen. Im Polit-Talk mit Maybritt Illner nannte dieser Sarrazins Ausdrucksweise denn auch "eher suboptimal".

Und das Privileg, mit einem gesellschaftlichen Tabu gebrochen zu haben, kann Thilo Sarrazin auch nicht beanspruchen. Auf die Integrationsunwilligkeit vieler Migranten hat die Rechtsanwältin und Buchautorin Seyran Ates in ihrem Buch über das Scheitern von "Multikulti" hingewiesen. Es sind gerade in Deutschland aufgewachsene Frauen der zweiten Generation, die sich vehement in die Diskussion eingemischt haben und keinen Wert auf diskursive Schonkost legen. Autorinnen wie Seyran Ates und Necla Kelek geht es nicht um Diffamierung. Es komme vielmehr darauf an, dass die Deutschen sich von allzu harmonisch verlaufenden Integrationsvorstellungen verabschieden. Ates, Kelek und andere wissen im Gegensatz zu Sarrazin sehr genau zu unterscheiden zwischen einer aufstiegsorientierten türkischen Mittelschicht und einem Migrantenmilieu, das von den Segnungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft nichts wissen will.

Und auch Heinz Buschkowsky könnte dem Neu-Frankfurter Sarrazin vielleicht erzählen, wie sich in seinem Bezirk Neukölln inzwischen eine junge internationale Kunst- und Kulturszene ansiedelt. Mit preiswerten Mieten ist ausgerechnet Neukölln dabei, Künstler aus aller Welt anzulocken. Im alten Postamt in der Karl-Marx-Straße findet gerade eine Ausstellung mit Werken junger Künstler statt, die die Präsentation im Problembezirk auch als Chance begreifen. Nicht wenige von ihnen dürften ihre Arbeiten unter eher prekären Lebensbedingungen produzieren. Man sollte nicht unterschätzen, wie stark Kunstproduktion von der Zahlung von Transferleistungen abhängt.

"In Berlin", hat Sarrazin gesagt, "gibt es stärker als anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaften nicht teilnehmenden Unterschicht". Das mag nicht ganz falsch sein, verkennt aber auch die erfinderischen Kräfte, die aus der Fähigkeit hervorgehen, mit dem Nötigsten auszukommen. Für die öffentlichen Arenen empfiehlt es sich, einem wie Thilo Sarrazin eine ausgeprägte Sprechpause zu gönnen. Und das nicht allein wegen seiner rassistischen Entgleisungen. Es gibt genügend Leute, die unterdessen erklären können, wie es in Neukölln und anderswo zugeht. Sie haben keineswegs nur Angenehmes zu berichten. Soziale Verantwortung ist aber darauf angewiesen, das Elend ebenso genau wahrzunehmen wie die Nuancen der Veränderung.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  13 | 10 | 2009
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