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Berliner Deutschland-Tagung: German Gelassenheit für die Zukunft

"Denk' ich an Deutschland" - dann? Eine Tagung in Berlin suchte nach Antworten auf dieses Fragezeichen. Zu Wort kamen unter anderem Norbert Bolz, Henryk M. Broder und der Grüne Tarek Al-Wazir. Von Harry Nutt

Denk ich an Deutschland in der Nacht - bin ich um meinen Schlaf gebracht: Ein Ausspruch von Heinrich Heine  (1797  bis 1856, bestattet in Paris.).
"Denk ich an Deutschland in der Nacht - bin ich um meinen Schlaf gebracht": Ein Ausspruch von Heinrich Heine (1797 bis 1856, bestattet in Paris.).
Foto: dpa

Als die Neue Mitte noch als gesellschaftliches Versprechen gehandelt wurde, waren allerhand Koalitionen vorstellbar. So kam es, dass die linke Tageszeitung taz den gerade berufenen ersten Kulturstaatsminister Michael Naumann im luftigen Atrium der Deutschen Bank in Berlin der Öffentlichkeit präsentierte. Elf Jahre ist das nun her. Rot-Grün ist Geschichte, und auch die Deutsche Bank hat in der Zwischenzeit mehr verloren als nur ihren kulturellen Glanz.

An dem Ort, wo Staatsminister Naumann einst reüssierte, war die Veranstaltungskoalition aus FAZ und Alfred Herrhausen-Gesellschaft diesmal betont standesgemäß. "Denk ich an Deutschland", so der Titel der Tagung, sollte Heinesche Nachtgedanken vertreiben, und Besinnliches über den Tag hinaus generieren.

Gut, dass man dazu jemanden wie Renate Köcher hat. Die Allensbach-Nachfolgerin von Elisabeth Noelle-Neumann hat das zeitdiagnostische Geraune der einstigen Meinungspäpstin durch empirischen Pragmatismus und kluge Deutung ersetzt. Mit Blick auf deutsche Befindlichkeiten kann Renate Köcher Entwarnung geben. Was immer man sich über die Deutschen vorstellen mag, sie sind anders. Für das erste Panel des Tages hieß das: Sie sind nicht ängstlich und man muss sich nicht einmal mehr an spanischen Stränden vor ihnen fürchten. German Angst war gestern. Nicht erst die Finanzmarktkrise hat eine deutsche Version von Gelassenheit hervorgebracht, mit der die Deutschen pragmatisch und unverzagt, allerdings auch ein wenig desillusioniert nach vorn schauen. Sie sind nicht euphorisch, aber sie kommen einigermaßen zurecht.

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz attestierte das mit ein paar wissenschaftlichen Befunden. Man praktiziere eine Art Double Standard. Die allgemeine Lage wird immer etwas schlechter beurteilt als das persönliche Befinden. Man habe sich eingerichtet in einer Art Ökumene der Unsicherheit.

Damit wäre wohl auch das Wesentliche über den Charakter solchen Deutschland-Gedenkens gesagt. Man fragt besorgt: Wie geht´s uns denn heute und lässt den Tag besonders launig mit einem Vortrag des notorischen Rebellen Henryk M. Broder beginnen.

An die Stelle analytischer Durchdringung oder eines politischen Streits ist eine Besinnungsrhetorik für Funktionseliten getreten, die ein bisschen Abwechslung zu ihrem anstrengenden Arbeitsleben angeboten bekommen.

Streit kam auch dann nicht auf, als der Schweizer Journalist Roger Köppel im zweiten Panel über soziale Gerechtigkeit seine Version eines vulgären Liberalismus auf das Publikum niederprasseln ließ, als habe er die Untoten des DDR-Staatsrats ins Gebet zu nehmen. Zu seinen Vorstellungen von Freiheit duldete er keine Alternative und Begriffe wie Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit verwendete er in aller Powerpoint-Lockerheit mal synonym und mal nicht. Da half es wenig, dass die Autorin Inge Kloepfer Recherchiertes und Erlebtes aus den neuen Unterschichten vorzutragen wusste.

Jeder vierte Jugendliche, so Kloepfer, ist nicht bloß schlecht ausgebildet, sondern überhaupt nicht ausbildungsreif. Die Chancenlosigkeit ist dementsprechend kein vorübergehender Zustand, sondern weitgehend irreversibel. "Wir sind eine betonierte Gesellschaft", rief der hessische Bündnisgrüne Tarek Al-Wazir in die Runde und beklagte den Mangel an sozialer Durchlässigkeit. Deutsche Defizite, kann man denn gar nichts dagegen tun? Für Köppel waren die Beispiele eher Ausdruck eines herablassenden Paternalismus.

Zur sozialen Gerechtigkeit hätte gewiss auch der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk etwas beizutragen gehabt, aber der war für das Kultur-Panel gebucht, auf dem er sich virtuos mit dem Selbstgenügsamkeitsverbot in der Moderne befasste. "Du sollst dich abhängig machen", laute das 1. Gebot der Kulturmoderne. Den Generalangriff auf jede Form von Eigenbrötlerei will Sloterdijk wörtlich verstanden wissen. Es ist verboten, sein eigenes Brot zu backen. Schon möglich, dass Sloterdijk die Idee zum Vortrag anlässlich der jüngsten Debatte über den kleptokratischen Staat gekommen ist. Mit seiner akademischen Unbehaustheit beheizt er so manchen Ofen, aber seine philosophischen Brötchen schmecken nicht jedem.

Das Catering im Haus der Deutschen Bank ließ allerdings keine Wünsche offen.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  26 | 11 | 2009
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