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Berliner Holocaustmahnmal: Zwischen Täter- und Opfergedenken

Das Berliner Holocaustmahnmal wird fünf Jahre alt und die Ausstellung Topographie des Terrors endlich eröffnet. Eine zeitliche Koinzidenz, die neue Perspektiven schafft. Von Harry Nutt

Ein Paar genießt auf einem Stein des Holocaustmahnmal den sonnigen Tag in Berlin.
Ein Paar genießt auf einem Stein des Holocaustmahnmal den sonnigen Tag in Berlin.
Foto: dpa

Der lange Winter hat seine Spuren hinterlassen. Die Risse im Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, die schon einmal die Feuilletons mit Bau- und Beton-Expertisen gespeist hatten, sind noch zahlreicher und tiefer geworden. Das Denkmal, das im Mai 2005 der Öffentlichkeit übergeben wurde, zeigt seine Narben. Und es trägt sie nicht ohne Würde. Denn trotz der baulichen Mängel hat das jahrelang so umstrittene Monument der Erinnerung an den nationalsozialistischen Genozid seine Belastungsprobe längst bestanden.

Die Befürchtung, dass in der Nähe des Brandenburger Tores eine riesige Kranzabwurfstelle entstehen könnte, bewahrheitete sich nicht. Das Stelenfeld des amerikanischen Architekten Peter Eisenman ist binnen kurzer Zeit zu einer viel besuchten Attraktion der Berliner Stadtlandschaft geworden, ohne dass der tragische Anlass hinter der spektakulären Kulisse verblasst.

Es ist ein Ort, der Täter- und Opfergedenken auf erstaunlich unaufdringliche Weise zur Geltung kommen lässt. Das Mahnmal repräsentiert weder eine politische Abschlussgeste des Gedenkens noch schreibt es vor, wie künftige Generationen sich des Holocaust erinnern sollen.

Fünf Jahre sind allerdings eine zu kurze Zeit, um die Wirkung eines so ambitionierten Monuments zu beschreiben. Die architektonische Form weckt zugleich auch das Bedürfnis nach Zurückhaltung, Stille und Leere. Das Unbehagen, dass der ungarische Schriftsteller Peter Nadas unlängst artikulierte, ist so einfach nicht von der Hand zu weisen. Der wunde Punkt, schrieb Nadas in der Zeitschrift Cicero, bestehe darin, dass die Gedenkstätte für die Opfer auch das Gedenken an die Täter wahre. Die Ermordeten, so Nadas, wüden kollektiv zum Objekt des Werks gemacht und blieben in jeder Hinsicht wehrlos.

Die zeitliche Koinzidenz zwischen Mahnmal-Jubiläum und Fertigstellung der Ausstellung Topographie des Terrors eröffnet zugleich eine Perspektive, in der Opfer- und Tätergedenken sich künftig aufeinander beziehen können. Wo sich die Planungszentrale des nationalsozialistischen Terrors befand, ist nun, zwischen Berliner Abgeordnetenhaus und Martin-Gropius-Bau, ein sachlich zurückgenommenes Ausstellungsgebäude entstanden, in dem das Bemühen um historische Genauigkeit das pathetische Ausrufezeichen, das das Holocaustmahnmal eben auch ist, kontrastiert.

Die stadtplanerische Diskussion um die Topographie des Terrors ist älter, und sie war kaum weniger heftig als die um das Holocaustmahnmal. Der geschichtspolitische Streit um die beiden Areale ist inzwischen längst ein wichtiger Bestandteil der bundesrepublikanischen Debattengeschichte. Die beiden Gedenkorte in der Mitte Berlins signalisieren auf sehr unterschiedliche Weise, dass Täter- und Opfergeschichte nicht ein und für alle Male repräsentiert werden können, sondern sich vielmehr in einem dynamischen Prozess befinden. Die großen Fragen zur NS-Zeit bleiben nicht nur, sie verändern sich auch.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  4 | 5 | 2010
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