Die Publizistin Bettina Röhl hat jetzt im Spiegel ihre Version der Geschichte über die "sexuellen Übergriffe" ihres Vaters Klaus Rainer Röhl veröffentlicht. Dazu hat sie alles Recht, denn schließlich hatten ihre Halbschwester Anja Röhl sowie die Publizistin Jutta Ditfurth zuvor nicht nur die pädophilen Neigungen des Vaters öffentlich gemacht, sondern angedeutet, auch Bettina Röhl sei Opfer sexuellen Missbrauchs geworden (FR vom 7. und 10. Mai 2010, Links am Ende des Textes).
Dies geschah ohne Rücksprache mit Bettina oder auch ihrer Zwillingsschwester Regine. Offenbar hielt man es weder für geboten, den Wahrheitsgehalt der Andeutungen bei den (angeblichen) Opfern zu überprüfen, noch für fragwürdig, über die Köpfe der (angeblichen) Opfer hinweg deren Schicksal publik zu machen, sie also im Zweifelsfall eine weiteres Mal zum Opfer werden zu lassen.
Gegen diese von ihr als Anmaßung empfundene Gleichgültigkeit hat sich Bettina Röhl nun deutlich verwahrt. Dabei ist der Missbrauch nur eines von vielen Themen. Denn Bettina und Regine Röhl sind nicht nur die Töchter von Klaus Rainer Röhl, sondern auch von Ulrike Meinhof. Mithin geht es also auch um eine Diskussion über die Bewertung der Roten Armee Fraktion, die Zeitschrift konkret und linke Indifferenz gegenüber Pädophilie.
Wir haben es insofern mit einem ideologisch komplexen Sachverhalt und viel geschichtsphilosophischer Ambition zu tun. Hervorzuheben ist hier insbesondere das Anliegen Jutta Ditfurths: Die vor allem als Terroristin und Verbrecherin in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eingegangene Ulrike Meinhof soll uns auch als fürsorgliche Mutter erscheinen, gewissermaßen wiederauferstehen.
Dieses ideologische, oder eher schon: sakralisierende Anliegen schien stärker als alle moralische Vorsicht. Auch dagegen verwahrt sich jetzt Bettina Röhl, die Tochter: "Meinhof musste keineswegs, quasi naturgesetzlich, in den Untergrund gehen. Sie war nicht gezwungen, Terroristin zu werden." Doch nimmt Röhl nicht nur Abstand zur Mutter. Deutlich fallen auch ihre Worte über den Vater aus: Ja, es gab Übergriffe, "es gab eine Ausnutzung der häuslichen Lebensgemeinschaft zwischen und Vater und Kind."
Allerdings, so präzisiert Röhls Tochter, gab es zwischen 1970 und 1973 Zungenküsse. Auch blieben "seine Hände später, als ich elf war, nicht mehr zuverlässig in seiner Sphäre", doch glaubt sie nicht, dass es bei diesen "emotionalen, ansexualisierten Übergriffen" um den "Vollzug eines Beischlafs" ging. Und so beklagt Bettina Röhl vor allem die Rücksichtslosigkeit der Eltern, des Vaters wie der Mutter, gegen die Kinder. Man kann ihr nur beipflichten, damit nichts mehr zu tun haben zu wollen.