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Bilder aus dem Iran: Mitten in der Zerreißprobe

Ein alter Slogan des Iranischen Kinos lautet: "In jedem Iraner schlummert ein Filmemacher". Nicht nur die Profiliertesten unter ihnen nutzen Spots derzeit, um sich aus dem landesweiten Ausnahmezustand zu Wort zu melden. Von Amin Farzanefar

Der iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf lebt heute in Paris.
Der iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf lebt heute in Paris.
Foto: getty

Als im Jahr 2006 israelische Bomben auf den Libanon fielen, fanden die Regisseure der unabhängigen Kooperative "Beirut D.C." Bilder für ihre Verzweiflung und stellten spontan Kurzfilm-Videos über ihre Situation ins Netz.

Nun herrscht im Iran zur Zeit kein Krieg, aber in dem landesweiten gewaltschwangeren Unruhe- und Ausnahmezustand melden sich auch hier die Filmemacher zu Wort. So findet sich auf der Internetplattform YouTube eine "Iranian Documentary Filmmakers Declaration", verlesen von Rakhshan Bani-Etemad. Die profilierteste iranische Filmemacherin hatte sich seinerzeit mit einigen Filmen für den Reformpräsidenten Khatami eingesetzt, und sich dabei vor allem der Situation junger Iranerinnen zwischen Aufbruchstimmung und Depression angenommen. Vor den aktuellen Wahlen hat sie erneut in einem Spot auf die Lage der Frauen hingewiesen.

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In der Erklärung vom 17. Juni benennt Babi-Etemad nun die wichtigsten Grundsätze des Dokumentarfilmes: "Das Aufspüren und Aussprechen der Wahrheit in all ihren Aspekten." Diesen Grundsatz vermissen die Unterzeichner bei den staatlichen Medien, die selektiv, einseitig und polemisch über die Wahlen und Unruhen berichten bzw. schweigen.

"Würde" ist es, die sie im aktuellen Journalismus vermissen: "Falsche Berichterstattung riskiert die Teilung einer Gesellschaft, die bislang gemeinsam auf eine Jahrtausende alte Geschichte und die Erfahrung einer Revolution zurückblicken kann." Bani-Etemad beendet diese deutliche und doch taktisch kluge Verlautbarung mit: "Ersparen Sie uns diese Zerreißprobe!"

Unterzeichnet haben diese Deklaration 113 Dokumentarfilmern, nicht wenige von ihnen haben einen auch internationalen Ruf. Ebenfalls in den Wahlkampf eingeschaltet hatte sich Mohsen Makhmalbaf, der wohl einflussreichste iranische Filmemacher der Islamischen Republik Iran. Makhmalbafs Bedeutung liegt auch darin, dass die Biografie des 52-Jährigen pars pro toto die Erfahrungen der revolutionären Generation widerspiegelt: Als jugendlicher islamistischer Guerillero unter dem Schah-Regime eingesperrt und gefoltert, wurde er zum Propagandafilmer der Revolution, um sich dann mit sozialkritischen Filmen zunehmend vom radikal-ideologischen Block zu verabschieden. Heute bezeichnet sich der Dissident als spirituell Suchenden und lebt meist in Paris.

In einem langen und eindringlichen Monolog auf You Tube listet er zehn Gründe auf, Mussawi zu wählen, den er noch aus den Anfangsjahren der Revolution kennt und den er auch als Fürsprecher der Filmemacher schätzt: An die Ermahnung der "beleidigten" Wähler, den Schmollwinkel zu verlassen und diesmal nicht Andere entscheiden zu lassen (bei der letzten Wahl hatte Ahmadinedjad von der allgemeinen Staatsverdrossenheit profitiert), schließt sich die Aufforderung, neben Erdöl, Internet und Flugreisen auch die Demokratie als Segnung der Moderne aufzugreifen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Zwar seien weder der Iran noch die USA reif für eine Präsidentin, aber eine Michelle Obama könne man sich als Vorbild nehmen, und da sei Mussawis Gattin Zahra Rahnavard - Universitätsrektorin, Buchautorin, Kunstschaffende, Mutter - die richtige Identifikationsfigur für Irans 35 Millionen Frauen.

Und noch ein Grund: Der Iran brauche einen Präsidenten, der die Tugenden von Che Guevara, Gandhi und Ali (den von Schiiten hymnisch verehrten Schwiegersohn des Propheten) in sich vereint. Und diesem Ideal komme Mussawi nun am nächsten, meint Makhmalbaf - verschweigend, dass sich das Volk ja im Moment einen Helden nach eigenem Gusto formt.

Makhmalbaf proklamiert jetzt überall Wahlbetrug und einen Staatsstreich: vor der EU in Brüssel zusammen mit der Animationsfilmerin Marjane Satrapi, auf der Straße in Paris vor Demonstranten, im Studio bei der BBC - aber auch er spricht von außerhalb des hot spot - ebenso wie Bahman Ghobadi, der für einen Oscar nominierte, dutzendfach ausgezeichnete kurdische Regisseur.

In Cannes war Ghobadi noch mit seiner Verlobten erschienen, der gerade aus der Haft entlassenen Journalistin und Filmemacherin Roxana Saberi. Zurück in Teheran, hatte man ihn Anfang Juni für sieben Tage eingesperrt; jetzt befindet er sich in Europa, gibt Interviews und klebt wie alle an der Mattscheibe.

Irans Kino-Elite ist also weltweit aktiv - aber die Bilder suchen sich gerade neue Herren. Angesichts der unzähligen Videoschnipsel, aus denen wir uns unser Bild von den dramatischen Vorgängen zusammensetzen müssen, bringt sich ein alter Slogan aus der Blütezeit des Iranischen Kinos in Erinnerung: "In jedem Iraner schlummert ein Filmemacher".

Autor:  AMIN FARZANEFAR
Datum:  23 | 6 | 2009
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