Meinem aufs Prophetische verweisenden Vornamen zum Trotz eigne ich mich für das schwierige Geschäft der Weissagung nicht, wiewohl ich besonders in der Jugend feurig damit umsprang. Unter der Kanonade meines herrscherlichen Zukunftwissens hatte so manch einer zu leiden.
Es ist aber niemals so gekommen, wie ich mir gedacht hatte, dass es käme. Man hat Höhererseits lässig geruht, mich zu verspotten. Mit vierzehn war ich mir gewiss, die Weltrevolution stünde unmittelbar vor der Tür, und ich würde eine bedeutende Rolle in ihr spielen.
Sibylle Lewitscharoff, geboren 1954 in Stuttgart, platzte mit "Pong" 1998 in die friedliche bundesrepublikanische Literaturszene. Die bis dahin so gut wie unbekannte Autorin gewann mit dem mutig-verrückten Text den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie hat vier weitere Romane veröffentlicht.
Sie liebt Heimito von Doderer und Fritz von Herzmanovsky-Orlando, die also, die nicht einsehen, warum das Heute per se besser sein soll als das Gestern. Wen konnte man besser nach dem Morgen fragen? Ihre Antwort kann man hier lesen. Sibylle Lewitscharoff ist aber nicht nur Autorin. Sie ist auch Künstlerin. Und so hat sie ihren Ausblick in die Zukunft nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet. Sie vergaß zu erwähnen, dass sie 2010 die Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU Berlin erhält.
Mit zweiundzwanzig Jahren schaute ich hin und wieder mitleidig auf meinen Berner Sennenhund, weil ich glaubte, das schöne Tier würde im nächsten Atomkrieg umkommen. Es starb mit vierzehn Jahren eines natürlichen Todes.
Im Alter etwas vorsichtiger geworden, wechselte ich dazu über, nicht mehr in gerader Linie vorwärts zu denken, sondern im paradoxalen Ausfallschritt. Als George W. Bush an die Macht kam und in den Irak einmarschierte, erschien mir das auf geheimnisvoll hinterrücks sich auszahlenden Wegen eine glückliche Fügung zu sein. Es war natürlich Bullshit. Mir ist einfach nicht zu trauen.
Man gab mir den Rat, in ein Gespräch von Plutarch hineinzuhören, und zwar in "Warum die Pythia nicht mehr in Versen spricht". Bei Plutarch ist zu erfahren, dass die Luft, die aus der Erdspalte in Delphi strömte, dick und beißend war, zugleich aber auch fein. Also eine Widerspruchsluft. Natürlich war man auch in Delphi mit der Pythia nicht immer zufrieden. Die Gesprächsteilnehmer Plutarchs bemäkeln, sie murmele in schlechteren Versen daher als Homer und Hesiod, dann wiederum sehen sie die Wahrhaftigkeit der Pythia gerade darin, dass ihr Mund von raunzigen Worten geschüttelt werde, dass ihre Rede nicht süß oder ausgeziert daherkomme.
Der Gott trat dabei nicht als Verseschmied in Erscheinung. Apollon senkte allenfalls den Anhauch eines Wortes, den Ideenblitz zu einem Wort in die Seele der Pythia. Und ihre Wahrhaftigkeit wurde - verslos oder in Versen - angezweifelt, weil ohnehin alles, was Menschen vorausgesehen haben wollen, irgendwann irgendwie von der Ewigkeit erfüllt wird. In archaischer Zeit hatte die Pythia prosaisch geredet, in raffinierten Zeiten war sie zu Versen übergegangen, doch dann begann man den metaphorisch geladenen Rätseln zu misstrauen. Die Pythia streifte das elegant Pompöse und die metrische Bindung ab und sprach wieder prosaisch. Übrigens hätte man in unseren Breiten als einzige Dichterin Christine Lavant, diesen katholischen Panther mit den blitzenden Knopfaugen, auf den Nabel der Welt zu Delphi setzen können - Engel, steh auf und verschaff mir die Ortschaft Paris! So hebt eines ihrer eher gemütlichen Gedichte an.
Die Worte einer Pythia, die Worte der biblischen Propheten samt und sonder, sind Drohungen nahe verwandt. Da wird zornbebend hingewiesen auf das schreckliche Treiben der Menschen, und meistens sind die, die da drohen und das kommende Unheil vorhersehen, alt. Wer bald ins Grab muss, wen die beginnenden körperlichen Gebrechen vom Lebensgenuss trennen, der blickt in aller Regel scheel auf die, die sich noch unbekümmert in scheinbarer Unversehrtheit tummeln.
Und weil sich die Lebensverhältnisse heute schneller ändern als je zuvor, fühlen sich die Alten aus der Welt, wie sie sie kennen Fortsetzung auf der folgenden Seite
und beherrschen, auch radikaler hinausgeworfen als je zuvor.
Der den Menschen innewohnende Todestrieb bedeutet nicht so sehr, dass man sich selbst zum Sterben niederlegen will, sondern dass man allen anderen das Weiterleben missgönnt.
Mit meinen fünfundfünfzig Jahren biege ich allmählich ins Alter ein, bin erwiesenermaßen eine schlechte Pythia, und man will immer noch von mir wissen, was ich von der Zukunft halte?
Nun denn: Wir verblöden. Durch den medialen Dauergebrauch, das extreme Fragmentarisieren der Wahrnehmung, schwinden Geduld und Konzentrationsfähigkeit. Geduld, sich einer Sache zu widmen, Geduld, sich einem Menschen zu widmen. Schon heute sind fast ein Drittel unserer Landsleute nicht mehr in der Lage, etwas zu kochen oder ihre Wohnung in Ordnung zu halten, ganz zu schweigen von Grundfertigkeiten wie Rechnen, Schreiben, Lesen oder gar der Fähigkeit, ihre Kinder zu erziehen. Die Verwahrlosung ist überall zu besichtigen und kein Ende abzusehen. Die totale Sportfixierung trägt zur Verblödung bei; trotzdem werden die Leiber fetter und fetter. Einer winzigen Schar Könner, die für den technischen Fortschritt verantwortlich sind, steht ein Heer Ratloser gegenüber.
Bei den Studierten sieht es nicht besser aus. Was sich heute Universität nennt, verdient den Namen nicht. Universitätsbesuche jagen mir einen Schrecken ein. Den letzten Schrecken empfing ich von der ehrwürdigen Universität Zürich. Elisabeth Bronfen hatte zu einem kleinen Kongress über Königinnen geladen. Ein hirnloses Potpourri.
Das sprang vom Näschen der Garbo zu Katharina der Großen, von Maria Stuart zu einer Küchenschürzenkönigin der fünfziger Jahre, das hupfte von Schiller zu Laurence Olivier, von Lady Di zu Lord Nelson, immerzu angefeuert vom Gekicher der Zeremonienmeisterin, die dabei in Selbstjubel ausbrach, über ihren köstlichen Assoziatiönchen die nackten mortadellaschweren Arme hochriss, damit alles, aber auch wirklich alles von jedwedem historischen oder sonstigen geistigen Konnex befreit im freien Entertainment zirkulieren konnte.
Juchuh, sagt die mürrische alte Sibylle, wir werden dümmer und dümmer, verantwortungsloser obendrein, wissen Erhebliches von Unerheblichem nicht mehr zu unterscheiden. Wir sind nervös, depressiv und zum haltlosen Schwätzen verdammt. Von der wohlgestalteten Schmuckordnung des Kosmos springen keine Funken in unsere Köpfe. Das Wunder, darin ein Mensch zu sein, sagt uns nichts. Engel, steh auf und bring mir die Ortschaft herüber! ... Denn ich muss von hier fort in die Unzeit und tief in die Spiegel.