Salam,
Ich wollte sagen, dass ich noch nicht zu den Märtyrern gehöre: Beispielsweise lache ich noch. Aber ehrlich gesagt, es gibt nichts zu lachen. Immer, wenn wir in diesen Tagen von den Demonstrationen nach Hause kommen und uns das Atmen von dem vielen Tränengas, dem Rauch und Feuer, schwer fällt, scheint mir mein Gehirn am Siedepunkt zu sein, vor lauter Schreien auf den Dächern, vor diesen Wellen von Hitze und Entsetzen, die die Stadt durchlaufen. Dann dusche ich kalt und lösche meinen Durst.
Dies ist der Blogbeitrag einer iranischen Aktivistin. Sie berichtet von den Protesten gegen das Regime des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, von der Angst der Demonstranten, aber auch von der Hoffnung, dass es nicht gelingen wird, die Kritiker dauerhaft mundtot zu machen.
khabarnet.info, zu deutsch nachrichtennet heißt die Website, auf der dieser Beitrag ursprünglich erschien. Die Seite, so heißt es auf Farsi, ist " Ein Ort wo Sie Ihre Beiträge veröffentlichen können!"
Hamid Ongha übersetzte den Beitrag für die FR. Er sagt, es sei ihm eine Ehre gewesen.
Später, nachdem ich meine Schreie auf dem Dach losgeworden bin und die anderen schlafen, kommen mir die Tränen. Darüber, dass ich gesund heimgekehrt bin Nicht, dass ihr denkt, ich würde vielleicht nach dem "süßen Trank des Märtyrertums" lechzen oder es würde mich jucken, in dieses Unrechtsverlies Evin zu kommen. Nein, weiß Gott nicht. Aber... wie soll ich das beschreiben? Zum Beispiel, nachdem die Todesnachricht von Sohrab kam (am Tag danach, glaube ich). Da sagte Mutter, lass uns zu deren Haus gehen und der Mutter unser Beileid aussprechen. Wir sind hin, haben uns unten vor seinem Haus hingesetzt, haben Parolen gerufen, Lieder gesunden und Kerzen angezündet ... Schließlich kam seine Mutter raus. Sie bat uns inständig zu gehen, weil sie sich Sorgen um unser Leben machte.
Mutter ging hin und sprach ihr Beileid aus. Ich rührte mich nicht. Auf dem Heimweg fragte mich meine Mutter, warum ich denn nicht zur Beileidsbekundung hineingekommen sei? Ich sagte: "Wie hätte ich das tun können? Wie hätte ich ihr in die Augen blicken können? Was hätte ich ihr denn überhaupt sagen können? Hätte ich sagen sollen, Verzeihung, dass Sohrab gegangen ist und ich noch da bin? Ich kann das nicht, Mutter! So viel Beschämung liegt außerhalb meiner Kraft!"
Mutter ging mich an: "Es gibt keinen Grund, sich zu schämen! Hast du dich zu Hause verdrückt, dass du dich jetzt so schämen musst? Warst du im Augenblick, als man Neda tötete, weiter als 100 Meter von ihr entfernt? Nein, du hattest Glück!" Ich fragte sie: "Glück? Mein Glück oder ihres? Glück oder Unglück?" Mutter senkte den Kopf und schwieg
Wir leben in befremdlichen Zeiten. Sehr befremdlich. Was soll ich dir sagen, was ich alles gesehen habe in diesen Tagen wie soll ich das beschreiben wie wir gelernt haben, unsere Gefühle in Kategorien einzuteilen, in diesen Tagen? Dass abends um zehn Uhr die Zeit zum Schreien ist! Dass wir unsere ganze Wut in die Kehle legen und schreien in das Herz der Stadt hinein, denn es ist genau der Augenblick dafür. Wie wir nachts für die Unsrigen und deren Angehörigen weinen? Wie wir lesen und lesen, mit Inbrunst lesen, damit wir verstehen, was morgen zu tun ist und wie es zu tun ist, weil wir keine Führung haben und selber Führer sind. Nicht nur Nachrichten, auch Romane, Stücke, Geschichte lesen alles, was wir in die Hände bekommen, über die Tschechoslowakei, über Griechenland, über Chile, über unsere eigene Geschichte, über die 70er-Bewegung in Frankreich alles, was vielleicht unserer Sache dienen könnte.
Dann beginnt der schwierigste Teil des Lebens. Wir haben Angst. Wir haben wirklich Angst. Wir haben Angst vor dem Morgen. Vor dem Morgen, an dem wir auf die Straße gehen müssen. Wir fürchten uns nicht vor dem Tod, auch nicht vor Schlägen und Verletzungen Wir haben vor zwei Dingen Angst. Erstens, wieder Dinge zu sehen, die für uns nachts und bei Tage zum Albtraum werden. Und zweitens vor der Gefangennahme. Aber, wenn es Morgen wird, gehen wir wieder hin. Da aber gibt es weder Anzeichen von Wut noch von Trauer und nicht einmal von Angst. Auf der Straße muss man nur sein. Da ist nur Platz für Geduld und Präsenz und Ruhe.
Die Aktivitäten geschehen alle in der ersten Person Plural. Denn in diesen Tagen denken und fühlen wir alle gleich. Das ist erstaunlich. Der erfreulichste und erstaunlichste Aspekt dieser Geschichte. Es ist, als hätten wir unsere Stadt wieder erobert, nach Jahrhunderten wieder, als wäre Teheran wieder meine Stadt, ihre Bewohner wieder meine Angehörigen, wieder unsere Stadt! Und das ist köstlich. Und wenn ich in der Stadt herumlaufe, lächele ich unvermittelt. Lass die Bastarde zu Zehntausenden aufmarschieren. Wir sind Millionen und alle zusammengehörig. Hier ist unsere Stadt und die sind nichts.
Du weißt nicht, wie lieb die Menschen in diesen Tagen zueinander geworden sind. Wie in einer Familie. Alle sind Verwandte und Angehörige. Verstehst du? Ich weiß nicht, wie das gekommen ist. Ich weiß nicht, wie wir uns in all den Jahren voneinander entfernt haben jeder getrennt vom anderen, obwohl wir uns so sehr ähnlich waren in all den Jahren. Ich weiß aber eines. Dass nichts mehr so ist wie früher und auch nicht so sein wird. Ich sage nicht, dass wir aufgewacht sind, denn wir waren womöglich nie im Schlaf in den vielen Jahren. Aber wir haben uns gefunden und aneinander geglaubt. Kannst du dir das vorstellen? Wir, ein getrenntes und verlorenes Volk, haben uns gefunden!
Es gäbe noch viel zu sagen. Und wenn ich hundertmal mehr schreibe, ist es, als hätte ich noch nichts geschrieben. Also, ich lass das mal! Ich wollte nur sagen, ich bin noch! Und was ist mit Ihnen? Azar