Im Jahre 1959, einige Wochen nach seiner abenteuerlichen Flucht ins Exil über den Himalaya mit der Volksbefreiungsarmee auf den Fersen, wurde der Dalai Lama vom indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru in Neu-Delhi empfangen. Der fast 70-jährige Nehru war ein Idealist, der mit dazu beigetragen hatte, sein Land von der Kolonialherrschaft zu befreien, und ein in der internationalen Diplomatie versierter Staatsmann. Ihm erzählte der junge Dalai Lama von seiner Sorge um die Tibeter, die bald ein "Volk ohne Seele" sein würden, wenn die chinesischen Kommunisten nicht aufhörten, die systematische Zerstörung ihrer Religion und Kultur zu betreiben. Sollte es möglich sein, so fragte sich der Dalai Lama, die Freiheit für Tibet zu erringen durch den von Gandhi propagierten gewaltlosen Widerstand? Oder könnte nicht Indien Tibet durch andere Mittel zur Unabhängigkeit verhelfen?
Nehru zeigte sich verständnisvoll und gewährte dem Dalai Lama und 100.000 tibetischen Flüchtlingen Asyl. Aber er machte auch deutlich, dass Indien nicht für Tibets Unabhängigkeit in einen Krieg ziehen würde und dass seiner Meinung nach Tibet niemals frei sein könne, solange der chinesische Staatsapparat nicht komplett zerstört würde. Obwohl die CIA tibetische Rebellengruppen finanzierte, vertrat das indische Staatsoberhaupt die Ansicht, dass die seitens der USA und Europa zugesicherte Unterstützung des Dalai Lama ein reines Lippenbekenntnis sei und es hier nur darum gehe, sich die Lage Tibets im Kalten Krieg mit der Sowjetunion zunutze zu machen. Wende der Dalai Lama sich an den Westen in der Hoffnung, für seine Sache Stimmung machen zu können, müsse er sich dort "wie eine Ware auf dem Markt feilbieten".
Seit Jahrzehnten ist der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, weltweit unterwegs, um für die Sache Tibets zu werben. Politischer Erfolg ist ihm dabei nicht beschieden, im Gegenteil: Die Beziehungen zu China sind in der Sackgasse, die Kluft zwischen Tibetern und Exil-Tibetern wird tiefer, wie Patrick French in unserem Text erklärt. French ist Autor des auf Englisch erschienenen Buches "Tibet, Tibet: A Personal History of a Lost Land".
Vom 30. Juli bis 2. August ist der Dalai Lama in Frankfurt - unter anderem um in der WM-Arena Vorträge zu halten, seine Zuhörer in der buddhistischen Lebensweise zu unterrichten, über aktuelle Themen zu diskutieren und seine Anhänger zu segnen. Das komplette Veranstaltungsprogramm unter www.dalailama-frankfurt.de
Der Westen ist schon seit langer Zeit vom Himalaya fasziniert. Als der Dalai Lama ins Exil ging, erschien gerade "Tim und Struppi in Tibet". Das ferne Land der schneebedeckten Gipfel und fremden Gottheiten, der Yaks und Yetis, der verbotenen Städte und fliegenden Lamas war schon bekannt durch die mystischen Schriften von Madame Blavatsky, Alexandra David-Neel und T. Lobsang Rampa, Autor des Bestsellers "Das dritte Auge" (später kam heraus, dass sich hinter dem Pseudonym Rampa der Engländer Cyril Hoskins verbarg, ein Bruchband-Hersteller). Heinrich Himmler hatte in der Überzeugung, Tibet sei die Wiege der "reinen indogermanischen Rasse", Expeditionen ausgesandt, und von einer Reise allein kamen die Ethnographen mit 60000 Fotografien zurück, die hauptsächlich ziemlich verdutzte Tibeter mit perfekt geformten "arischen" Wangenknochen zeigten.
Die Flucht des Dalai Lama und anderer hochstehender Lamas ins Exil bedingte einen Zuwachs der Anhängerschaft des Tibetischen Buddhismus in Amerika und Westeuropa in den 1960er und 70er Jahren, wo die komplexe religiöse Tradition in vereinfachter Form denen eine neue Perspektive eröffnete, die auf der Suche nach spiritueller Orientierung waren. Die tibetischen Flüchtlinge fanden durch den Export ihrer Kultur finanzielle und soziale Unterstützung, die ihnen sonst verwehrt geblieben wäre. In Dharamsala, dem indischen Gebirgsstädtchen, wo der Dalai Lama seinen Exilsitz hat, herrschen immer noch Spannungen zwischen Ansässigen und tibetischen Exilanten, die eine Attraktion für westliche Touristen darstellen.
Der tiefere Grund für die Popularität von Tibet besteht in der Vorstellung, dass an diesem einsamen, unberührten Ort auf dem Dach der Welt mystisch-harmonisierende Kräfte walten, die uns in den postindustriellen Gesellschaften unbekannt oder abhanden gekommen sein müssen. Wenn Sandra Bullock in "Miss Undercover" oder Kate Hudson in "Wie werde ich ihn los in 10 Tagen?" versuchen, Ruhe in ihr Dasein zu bringen, beziehen sie sich sofort auf den Dalai Lama. Sogar Harry Angstrom, der ungehobelte Durchschnitts-Amerikaner aus den "Rabbit"-Romanen John Updikes, sagt: "Das einzige dieser Länder, in das ich jemals reisen wollte, ist Tibet. Nicht zu fassen, dass ich jetzt keine Gelegenheit mehr dazu haben werde."
Ein halbes Jahrhundert nach dem Aufstand, der zur Flucht des Dalai Lama führte, kommt zu unserer überhöhten Vorstellung von Tibet das Wissen um die tragischen Ereignisse unter der kommunistischen Herrschaft hinzu, besonders der große Schaden, der im Zuge des Großen Sprungs nach vorn und der Kulturrevolution angerichtet wurde. Der im Exil lebende 14. Dalai Lama gilt immer noch als das Gesicht und die Stimme des tibetischen Volkes, aber er ist auf einer sehr emotionalen Ebene ein religiöser Führer, der auch auf Menschen ohne religiöse Glaubensrichtung eine enorme Wirkung ausübt. Mit seinem leicht verschrobenen Sinn für Humor und seinen in gebrochenem Englisch gehaltenen Vorträgen, in denen er die Bedeutung von Liebe und Mitgefühl betont, erreicht er ein Millionenpublikum.
Aber 50 Jahre nach seiner Flucht steht Tibet immer noch unter der Herrschaft von Peking, und der Dalai Lama steht immer noch vor demselben Problem, das er damals mit Ministerpräsident Nehru besprach: Wie übt man Einfluss auf China aus, und ist die Unterstützung aus dem Westen für die Freiheit Tibets mehr als nur eine politische Geste? Seit den frühen 1990er Jahren treten die Verhandlungen zwischen dem Dalai Lama und der chinesischen Regierung auf der Stelle.