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Buchwerkstatt: Wo sich das "W" ans "a" schmiegt

Nachdem das Papier für den Text ausgesucht wurde, geht es ums Vorsatzpapier. Das Vorsatzpapier, das für feste Einbände benötigt wird, und den Buchblock mit Buchdeckel verbindet, muss reißfest und darum sehr langfaserig sein. Es ist häufig andersfarbig als das Textpapier und selten bedruckt.

Leinen oder nicht Leinen? Die einfachste Art ein Buch herzustellen, ist, alle gefalzten Bögen zum Buchblock zu schneiden und am Buchrücken zu verkleben. Einen Umschlag aus etwas festerem Papier dort hin geklebt, fertig ist das Taschenbuch. Steidl ist überzeugt, dass ein Buch, das nicht so, sondern mit Sorgfalt und nach alter Buchbinderkunst hergestellt ist, das Verhältnis des Lesers zum Buch ändert.

Es ist noch kein Wort über Geld gesagt worden. Ist das nicht alles eine Frage des Budgets und der Kalkulation, ob sich das Buch in hoher Auflage verkaufen wird? Wer braucht ein Lesebändchen, wenn man auch ein Stück Papier zwischen die Seiten klemmen kann? Steidl stellt die Gegenfrage. Wissen Sie, was ein Lesebändchen kostet? Der Laie stellt es sich sehr teuer vor.

Steidl rechnet vor. Ein Papierbezug kostet 15 Cent und ein Leineneinband je nach Qualität 70 Cent. Echtes Leinen aus Baumwolle, wohlgemerkt, nicht aus Synthetik. Das Lesebändchen kostet 10 Cent das Stück. Und das Kapitalband, das gewebte Baumwollbändchen, das an der Ober- und Unterkante des Buchrückens angeklebt ist? Oben 1,5 Cent, unten noch mal die gleiche Summe.

Trotzdem gibt es in Deutschland nur noch die Firma Güth & Wolf, die Lesebändchen herstellt, und August Bäumer aus Wuppertal, der auf Bändchen und Kapitalbänder aus ungebleichten Geweben spezialisiert ist. Steidl erklärt weiter: Jedes Buch muss hinterklebt werden. Dafür kann man echte Gaze aus Stoff verwenden. Die ist langlebiger als Papier, außerdem elastischer und reißfester. Gaze: 12 Cent.

Auch dafür gibt es in Deutschland nur noch zwei Firmen, die Farben für Prägungen auf Leineneinbänden herstellt: Mepa Api aus Rednitzhembach und die Firma Kurz aus Fürth. Die Herstellung eines Messingprägewerkzeuges ist zwar mit 300 Euro relativ teuer, die einzelne Prägung aber kostet nur 8 Cent.

Steidl meint: Wenn Manager seinen Verlag führten, würden sie das alles sofort abschaffen. Das braucht es nicht, würden sie sagen. Er aber finde, dass es das alles brauche. Nur so wenige spezialisierte Firmen: Ist das hier nicht einmal das Land des Büchermachens gewesen? Gerhard Steidl erzählt, dass in Amerika Bücher nur noch geklebt werden. Wer dort ein fadengeheftetes Buch herstellen will, muss nach Kanada. In Deutschland hingegen werden Bücher noch fadengeheftet, und das sehr gut. Das Binden des Buches ist die einzige Arbeit, die Steidl außer Haus gibt, meistens in die Kunst- und Verlagsbuchbinderei Leipzig. Es geht ihm trotzdem nicht um die Überhöhung des Handwerks, er produziert Bücher industriell.

Letztendlich aber sind es die Buchstaben, die den Inhalt transportieren. Steidl malt auf. Ein Kasten mit "W", daneben ein Kasten mit einem "a". So sah das beim Bleisatz aus. Mit dem Fotosatz rückte das a näher an das W heran, weil es keinen Kasten mehr brauchte. Das Berliner Unternehmen, die H. Berthold AG, die als Schriftgießerei begann, war das erste Unternehmen, das alle verfügbaren lateinischen Schriften digitalisierte und dabei Buchstabe für Buchstabe bearbeitete.

Wenn man das "a" auf dem Bildschirm stark vergrößert, erscheint eine Pixelanordnung. Die "Berthold Types" dagegen waren abgerundete Schriften. Jede digitalisierte und bearbeitete Schrift wurde für 2000 D-Mark verkauft. Steidl fand diese Schriften harmonischer im Lesefluss. Als die gesamte Schriftenbibliothek 1993 für 17000 D-Mark verkauft wurde, griff er zu. Kurz darauf ging das Berliner Unternehmen bankrott. Die Schriftenbibliothek ist käuflich nicht mehr zu erwerben. Alle Steidlbücher sind in einer der 2000 Schriften aus der Berthold Bibliothek gesetzt.

Steidl war aber immer noch nicht zufrieden. Wald, Wasser, Warten: Lagen nicht das "W" und das "a" eine Winzigkeit zu weit voneinander entfernt? Er ließ in seiner Abteilung für den Satz eine Software entwickeln, die sämtliche Buchstaben seiner Berthold Schriftenbibliothek nach seinem Augenmaß zueinander rückten. Seitdem schmiegen sich in jedem Steidlbuch das "W" und das "a" und viele andere Buchstabenpaare enger aneinander.Diesen Monat erscheint im Steidl Verlag von William Morris "Das ideale Buch". Es enthält Aufsätze und Vorträge über die Buchkunst. Der Brite Morris gründete 1891 die "Kelmscott Press" in Hammersmith, um qualitativ hochwertige Bücher herzustellen. Morris litt unter dem Verlust von Sorgfalt und Maß bei der Bücherherstellung. So bestimmte er Satzspiegel, Entfernungen zwischen einzelnen Buchstaben und dachte viel über Papier nach.

Steidl zählt seine Lehrmeister auf: Von Morris lernte er über die Buchkultur. Die Ansicht, dass graues Recyclingpapier luxuriös sein kann, wurde durch Beuys´ Material- und Farbästhetik beeinflusst. Eine Theorie über die Verbreitung von Kunst in industriellen Arbeitsvorgängen fand er bei Walter Benjamin. Steidl, der kein akademisches Studium absolviert hat und Bücher über das Büchermachen suchte, war erstaunt, als er im Laufe der Jahre entdeckte, dass sich Theoretiker auf so hohem Niveau mit Papier und Druck beschäftigten.

Wer sich sein Wissen und seinen Verlag wie Steidl auf diese Weise aufgebaut hat, müsste das Buch doch ganz besonders schützen bewahren wollen? Darum: "Haben Sie keine Angst davor, dass das Buch von den elektronischen Lesegeräten verdrängt wird?" Steidl antwortet ganz ruhig: "Ich habe Sorge vor der nachlässigen, unästhetischen und damit schlecht leserlichen Darstellung auf dem Bildschirm."

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2 von 2
Autor:  Mely Kiyak
Datum:  12 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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